Kleine Schritte zurück ins Leben
12.03.2026 LangenbruckSeit 20 Jahren bietet das «Haus Harmonie» Suchtbetroffenen ein Zuhause
Rund 20 Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen mit Schwerpunkt Suchterkrankungen leben im «Haus Harmonie» in Langenbruck. Die Institution setzt nicht auf strikte Abstinenz, sondern auf ...
Seit 20 Jahren bietet das «Haus Harmonie» Suchtbetroffenen ein Zuhause
Rund 20 Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen mit Schwerpunkt Suchterkrankungen leben im «Haus Harmonie» in Langenbruck. Die Institution setzt nicht auf strikte Abstinenz, sondern auf Struktur, Akzeptanz und kleine Fortschritte im Alltag.
Elmar Gächter
Die schwierigen Lebensumstände haben Claudio geprägt. Ob auf dem Platzspitz in Zürich oder an anderen Orten ging er seiner Sucht nach Drogen und Alkohol nach. Vor rund zwölf Jahren fand er Aufnahme im «Haus Harmonie» in Langenbruck. Damals trank er noch regelmässig und viel. Kurz vor einem möglichen Ausschluss erkannte er, wie wichtig ihm dieses neue Umfeld geworden war, und er wollte es nicht verlieren. Fast von einem Tag auf den anderen hörte er mit dem Trinken auf. Der 66-Jährige zählt zu den rund 20 Bewohnern und Bewohnerinnen mit psychischen Beeinträchtigungen mit Schwerpunkt Suchterkrankungen, denen im «Haus Harmonie» ein Zuhause geboten wird.
Waren es zu Beginn vor allem ältere Personen, die hier ein Daheim fanden, so sind es heute Menschen im Alter von 25 bis 72 Jahren. Caroline Gerster ist seit knapp drei Jahren Co-Leiterin der Institution und betont im Gespräch mit der «Volksstimme» die Offenheit des Hauses, auch gegenüber dem Konsum von Drogen und Alkohol. «Wir sind nicht abstinenzorientiert. Harte Drogen haben jedoch bei uns generell nichts verloren, selbst das Mitführen im Haus führt zum Ausschluss. Hingegen sind Cannabisrauchen und Bier am Feierabend erlaubt, jedoch ausschliesslich im eigenen Zimmer.» Diese Regelung begründet sie damit, dass ein komplettes Verbot von Suchtmitteln in Therapien meist dazu führe, dass betroffene Süchtige bei einem Rückfall die Behandlung abbrechen müssten. Gebe es Rückfälle, sei es wichtig, dass man zusammensitze und gemeinsam nach den Auslösern suche, um es beim nächsten Mal anders oder besser zu machen.
Caroline Gerster und Co-Leiter Hassib Rasuli sprechen die Tagesstruktur an, an die sich alle Bewohnerinnen und Bewohner halten müssen. Sie können sich in der Küche, im Garten, in der Werkstatt oder in der Putzgruppe nützlich machen. Beschäftigung in Form von körperlicher Arbeit ist nicht Pflicht, zwingend vorgeschrieben sind hingegen der morgendliche Aufenthalt im Atelier, wo sie sich mit den Mitbewohnenden treffen und möglichst zusammen kreativ tätig sein können, sowie das gemeinsame Frühstück und Mittagessen. Drei Mal täglich erfolgt die Medikamentenabgabe, Pflicht sind auch die Alkoholkontrollen am Morgen und um 16 Uhr. Der Nachmittag steht zur freien Verfügung für Einkäufe oder einen Abstecher nach Basel, etwa in ein Gassenzimmer.
Die kleinen Momente erkennen
Bewohnerinnen und Bewohner werden meist über psychiatrische Einrichtungen oder ihren Beistand zugewiesen, sie können sich auch selber für einen Aufenthalt im Haus bewerben. Die Finanzierung des Vereins erfolgt über IV und Ergänzungsleistungen. «Unsere Bewohnerinnen und Bewohner können mitentscheiden, wer aufgenommen wird», sagt Rasuli. Derzeit wohnen hier neben vier Frauen Männer unterschiedlicher kultureller Hintergründe. Sie bleiben in der Regel mindestens ein Jahr, Einzelne durchaus auch deutlich länger. Für jüngere Menschen kann das «Haus Harmonie» auch als Sprungbrett dienen, um in einer der Mietwohnungen des Vereins in Langenbruck, Waldenburg oder Frenkendorf selbstständig zu wohnen. Dabei werden sie ein Jahr lang von Mitarbeitenden des Vereins begleitet.
Die Erfolgschancen, dass suchtkranke Bewohnerinnen und Bewohner «sauber» werden, ihre Substitutionsmedikamente abbauen können oder ein komplett selbstständiges Leben führen, bewertet Caroline Gerster als eher gering. Dennoch spricht die ausgebildete Sozialarbeiterin von einer sinnstiftenden Arbeit, die sie gemeinsam mit ihren sechs Kolleginnen und Kollegen leistet. «Man darf hier nicht mit der Erwartung kommen, Leute zu retten oder Dankbarkeit zu erhalten. Es geht darum, die kleinen, aufrichtigen Momente zu erkennen, etwa wenn es jemand geschafft hat, selbstständig aufzustehen oder ein schönes Menü zu kochen», sagt sie. Resilienz sei eine der wichtigsten Voraussetzungen für diesen Job. Es gelte, unterschiedliche Lebensentwürfe zu akzeptieren und zu unterstützen. Dies sieht auch Hassib Rasuli so, der seit rund 13 Jahren im «Haus Harmonie» tätig ist. «Das richtige Mass an Nähe und Distanz ist etwas vom Entscheidendsten in unserem Beruf. Oft sehen Neueinsteigende zu viel unrealistisches Potenzial in den Bewohnerinnen und Bewohnern und überfordern sie damit», ist der 39-jährige Familienvater überzeugt.
Christian Burkhardt, Einwohner von Langenbruck und ehemaliger Gemeindeverwalter des Dorfes, präsidiert den Verein Haus Harmonie. Er hält auf Anfrage fest: «Der Aufenthalt in der ‹Harmonie› ist für Suchtkranke von hoher Bedeutung. Die dezentrale Lage von Langenbruck kann einen sicheren und abstinenten Rahmen bieten, um den Alltag in einer strukturierten und sozialen Rehabilitation zu fördern. Dies kann für den Wiederaufbau eines selbstständigen Lebens von grosser Bedeutung sein. Der Kontakt mit der Bevölkerung unseres Dorfes ist nicht sehr gross, es gibt jedoch keine nennenswerten Probleme. Ich bin überzeugt, dass die ‹Harmonie› hier schon seit Längerem stillschweigend akzeptiert ist.»
Bewohner Claudio, der seine Alkoholsucht überwunden hat, möchte nirgendwo anders wohnen. «Ich bin hier glücklich und zufrieden und habe alles, was ich brauche. Vor allem werde ich akzeptiert, wie ich bin», sagt er. «Zudem holen sich jüngere Bewohner bei mir Rat bei ihren Problemen. Die verschiedenen Kulturen und Hautfarben in unserem Haus sind für mich absolut kein Problem.»
Verein Haus Harmonie
emg. Im Zuge der Aufhebung des Platzspitz wurde der Verein «abri» gegründet, der 1995 das Wohnheim Erzenberg in Liestal eröffnete. Ziel war es, Unterstützungssuchenden niederschwellige Aufnahmebedingungen, eine Unterkunft und eine Tagesstruktur zur Verfügung zu stellen. Der «Erzenberg» entwickelte sich gemäss den veränderten Bedürfnissen und den sich ändernden Drogenmärkten weiter. Mit dem Hintergrund, älteren Suchtkranken ein ruhiges Zuhause anbieten zu können, entstand aus dem Verein «abri» das «Haus Harmonie» in Langenbruck. 2006 folgte die Loslösung und der eigenständige Verein Haus Harmonie.

