Kirschen pflücken und andere Erinnerungen
22.05.2026 OltingenGreta Gysin ist Tessiner Nationalrätin mit Baselbieter Wurzeln – und wohl bald grüne Fraktionschefin
Tessiner Nationalrätin mit Oltingen als Bürgerort: In der Brust von Greta Gysin schlagen zwei Herzen. Die 42-Jährige schwärmt nach ihrem Besuch am ...
Greta Gysin ist Tessiner Nationalrätin mit Baselbieter Wurzeln – und wohl bald grüne Fraktionschefin
Tessiner Nationalrätin mit Oltingen als Bürgerort: In der Brust von Greta Gysin schlagen zwei Herzen. Die 42-Jährige schwärmt nach ihrem Besuch am Dorffest von der Solidarität im Dorf. Persönlich steht sie vor dem nächsten Karriereschritt in Bern.
Pascal Kamber
Tausende Menschen strömten vor drei Wochen nach Oltingen ans Dorffest. Sie tummelten sich vor mehreren Bühnen mit breitem Programm und vor 20 originellen Kugelbahnen, flanierten durch den traditionellen «Oltiger Määrt» und verweilten in liebevoll dekorierten Scheunen. Unter die zahlreichen Besucherinnen und Besucher mischte sich ein besonderer Gast: Greta Gysin. Die 42-jährige Grünen-Nationalrätin aus dem Tessin verbrachte mit ihrer Familie drei Tage in Oltingen. «Das Dorffest war schlicht grossartig», blickt sie zurück. Noch heute staunt sie über die Bereitschaft der Dorfbevölkerung, diesen riesigen Aufwand auf sich zu nehmen, um die Sanierung der Mehrzweckhalle zu ermöglichen: «Es war beeindruckend zu sehen, wie sich eine Gemeinschaft zusammentut und etwas Grosses organisiert für ein gemeinsames Ziel. Das gibt es nicht überall in der Schweiz.»
Nun stellt sich die Frage: Was führt eine Nationalrätin aus dem Tessin an ein Dorffest ins obere Baselbiet? Im Fall von Greta Gysin findet sich die Antwort bei ihrer Familie. Ihr Vater kam in Oltingen zur Welt und wuchs im Dorf auf, ehe er später in Zürich studierte und auf die andere Seite des Gotthards zog. Für das Dorffest kehrte Gysin nun in ihren Heimatort zurück. «Auf den Strassen wimmelte es nur so von Menschen. Mit ihnen zu reden war schön», sagt sie. Viele dieser Gespräche handelten von der Kindheit des Vaters oder von Geschichten der Grosseltern. «Als meine Grossmutter noch lebte, war ich oft bei ihr zu Besuch und half Kirschen pflücken», erzählt Gysin. Wie die gesammelten Früchte danach in orangen Kisten mit dem Traktor abtransportiert wurden, sei eine der prägendsten Erinnerungen an ihre zweite Heimat. «Mein Vater wuchs in einem alten Haus in einem Bauerndorf auf, da konnten wir uns als Kinder jeweils so richtig austoben», sagt Gysin, die von einem «schönen Gefühl von Freiheit» spricht.
«Ein logischer Schritt»
Ähnliches empfindet Gysin an ihrem Wohnort Rovio, einem kleinen Dorf unterhalb des Monte Generoso unweit der italienischen Grenze. Ein- bis zweimal pro Jahr komme sie aber für einen Familienbesuch nach Oltingen. Wie beim Dorffest übernachte sie dann in der Ferienwohnung im «Familienhaus», die sich ihr Vater und ihr Onkel teilen. Die Baselbieter Wurzeln bedeuten ihr viel: «Ich bin im Tessin geboren und aufgewachsen, habe in Zürich studiert und politisiere in Bern. Ich kenne und verkörpere die Vielfalt der Schweiz, darauf bin ich stolz.» Insbesondere mit ihrer Mehrsprachigkeit – Gysin spricht fliessend Italienisch und Deutsch – könne sie diese Diversität gut repräsentieren.
Es sind Eigenschaften, die auch auf dem politischen Parkett zweifellos nützlich sind. 2004 wurde Gysin in den Gemeinderat von Rovio gewählt, dem sie bis 2012 angehörte und von 2008 bis 2009 als Präsidentin vorstand. Sie gründete die «Jungen Grünen Tessin» und schaffte 2007 den Sprung in den Grossen Rat des Kantons. Im Oktober 2019 wählte sie die Bevölkerung schliesslich als erste grüne Tessiner Politikerin in den Nationalrat – auch dank des originellen Wahlslogans «Greta? Gysin», mit dem sie auf die Namensverwandtschaft mit der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg anspielte. Sieben Jahre später folgt nun mit grosser Wahrscheinlichkeit der nächste Ritterschlag: die Wahl zur Fraktionspräsidentin der Grünen in Bundesbern. Weil Gysin als einzige Person für das Amt kandidiert, gilt die Ernennung als Formsache. «Nach sechs Jahren als eine der Vize-Fraktionspräsidentinnen wäre das ein logischer Schritt für mich. Die Aufgabe passt für mich persönlich wie auch inhaltlich», sagt Greta Gysin.
Der Wechsel an der Fraktionsspitze ist nötig, weil die bisherige Amtsinhaberin, die Berner Nationalrätin Aline Trede, kürzlich in den Regierungsrat gewählt worden ist. Obwohl Trede parteiübergreifend bestens vernetzt war, fühlt sich Greta Gysin der Herausforderung gewachsen. «Ich kann mit allen Menschen gut auskommen. Man muss Brücken bauen – auch mit den Parteien, mit denen man nicht unbedingt die gleichen Werte teilt. Das ist eine Grundvoraussetzung für dieses Amt», sagt Gysin. Nach rund zwei Legislaturen kenne sie ausserdem die Abläufe im Bundeshaus bestens und sei in der Fraktion gut integriert.
Einfach wird die Aufgabe für Gysin jedoch nicht. Weil Parteipräsidentin Lisa Mazzone 2023 als Genfer Ständerätin nicht wiedergewählt wurde, kommt dem Fraktionspräsidium bei den Grünen eine besonders wichtige Rolle zu. «Man muss sich gut koordinieren und zusammenarbeiten. Unabhängig davon, wie die Kombination aussieht.» Mit Mazzone funktioniere das ausgezeichnet, versichert Gysin: «Das war bislang kein Problem. Lisa ist sehr dossierfest.»
«Wir sind stark»
Aller Voraussicht nach nehmen die Grünen die eidgenössischen Wahlen im Herbst 2027 also mit Greta Gysin als Fraktionschefin in Angriff. Nach den Sitzverlusten bei den letzten Gesamterneuerungswahlen 2023 wartet auch hier keine einfache Aufgabe auf Gysin. Der Blick auf die jüngsten Abstimmungsresultate stimmt sie aber zuversichtlich: «Wir haben mehr Abstimmungen gewonnen als der Bundesrat und die SVP. Wir sind stark. Zudem stehen Umwelt und Klima beim Sorgenbarometer an oberster Stelle, was deutlicher denn je zeigt, dass es die Energiewende braucht.»
Gemäss ersten Wahlprognosen dürften die Grünen deshalb in rund einem Jahr wieder leicht zulegen. «Wir sind die zweitgrösste Bundeshausfraktion in der Geschichte der Grünen. Man darf uns noch nicht abschreiben», warnt Greta Gysin. Klar sei aber auch, dass ihre Partei aufzeigen müsse, warum die grüne Politik im Alltag nötig sei. Und wenn es nur darum geht, dass auch ihre Kinder in Zukunft in Oltingen Kirschen pflücken können.


