Keine neuen Strassen gegen den Stau
18.09.2026 SissachRegierung setzt im oberen Ergolztal auf den Umbau von Knoten, den öV und Velorouten
Der Verkehr im oberen Ergolztal nimmt zu, vor den neuralgischen Knoten staut es regelmässig. Eine neue Umfahrungsstrasse soll dennoch nicht die Lösung sein: Der Regierungsrat setzt auf ...
Regierung setzt im oberen Ergolztal auf den Umbau von Knoten, den öV und Velorouten
Der Verkehr im oberen Ergolztal nimmt zu, vor den neuralgischen Knoten staut es regelmässig. Eine neue Umfahrungsstrasse soll dennoch nicht die Lösung sein: Der Regierungsrat setzt auf lokale Verbesserungen statt auf einen grossflächigen Ausbau der Strassenkapazität.
David Thommen
Eine Umfahrungsstrasse für Gelterkinden, eine neue Verbindung im Raum Sissach-Ormalingen-Tecknau oder andere grossflächige Kapazitätserweiterungen: Der Regierungsrat will solche Lösungen nicht weiterverfolgen. In einer soeben publizierten Vorlage hält er fest, dass eine Steigerung der Gesamtkapazität auf der Strasse im Bezirk Sissach «klar abgelehnt» werde. Stattdessen solle das bestehende Verkehrsnetz besser funktionieren und ein grösserer Teil der Mobilität künftig auf öffentlichen Verkehr und Velo verlagert werden.
Damit beantwortet die Regierung zwei Vorstösse des inzwischen zurückgetretenen Gelterkinder FDP-Landrats Stefan Degen. 2023 verlangte Degen in einem Postulat langfristige Überlegungen zu einer Kapazitätserweiterung im Dreieck Sissach, Ormalingen und Tecknau. Ausdrücklich sollten dabei auch Umfahrungsstrassen einbezogen werden. Degen schrieb unter anderem: «Gerade in einer Gemeinde wie Böckten nimmt die Lebensqualität mit jeder zusätzlichen Staustunde massiv ab.» Der Vorstoss war parteiübergreifend von mehr als 20 weiteren Landratsmitgliedern mitunterzeichnet worden. Ein zweites Postulat Degens, ebenfalls aus dem Jahr 2023, forderte ein gesamtheitliches Verkehrskonzept für das Oberbaselbiet und rasch umsetzbare Verbesserungen. Degen gehörte bis Ende 2024 dem Kantonsparlament an.
Die Regierung beantragt dem Landrat nun, beide Vorstösse abzuschreiben. Sie stützt sich dabei auf das Regionale Entwicklungskonzept Oberbaselbiet (REK) sowie die «Strategische Planung Chienbergtunnel», welche die konkreten Engpässe auf der Strassenachse zwischen Sissach und Gelterkinden beziehungsweise Ormalingen untersucht.
Problem liegt an den Knoten
Die Verkehrsplaner des Kantons kommen zum Schluss, dass nicht die gesamte Achse gleichermassen überlastet ist. Die entscheidenden Schwachpunkte lägen an wenigen Knoten: Sissach West und Sissach Ost beim Chienbergtunnel und Roseneckkreisel in Gelterkinden. Die Kapazitätsengpässe konzentrieren sich laut Vorlage vor allem auf die morgendliche und abendliche Hauptverkehrszeit und dauern jeweils etwa anderthalb bis zwei Stunden.
Am Knoten Sissach West (Portal Richtung Liestal) sieht der Kanton den grössten Handlungsbedarf. Neben Kapazitätsproblemen bestünden dort Sicherheitsdefizite und ein erhöhtes Unfallaufkommen. Die Regierungsvorlage spricht von einem bereits durchgeführten umfangreichen Variantenstudium. Die daraus hervorgehenden Massnahmen sollen zusammen mit der anstehenden Sanierung des Chienbergtunnels – ein Riesenprojekt, auf das die Vorlage nicht näher eingeht – umgesetzt werden. Auf Nachfrage der «Volksstimme» präzisiert die BUD allerdings, die Überprüfung laufe noch; Resultate seien frühestens Anfang 2027 zu erwarten. Ziel sei insbesondere, Rückstau ab Kreisel in den Chienbergtunnel hinein zu vermeiden.
Weiter fortgeschritten sind die Pläne für Sissach Ost (Portal Richtung Gelterkinden/Olten). Laut BUD sieht das Vorprojekt eine zweispurige Zufahrt vom Tunnel zum Kreisel vor: rechts für den Verkehr Richtung Homburgertal, links Richtung Böckten/ Gelterkinden. Dadurch soll der heutige Rückstau weitgehend behoben und die Reisezeit besonders in der Abendspitze etwas verkürzt werden. Die Anpassung sei nach der Sanierung der Hauptstrasse in Böckten für etwa 2030 vorgesehen.
Ein weiteres Projekt betrifft die Gehrenstrasse («Schwarze Brücke», Abzweiger nach Thürnen). Dort soll vor allem die Situation für den Veloverkehr verbessert und die Kantonsstrasse weniger durch abbiegende Fahrzeuge blockiert werden. Zudem soll im Dorfkern von Sissach die Verzweigung Zunzgerstrasse/Bahnhofstrasse durch einen Kreisel ersetzt werden (die «Volksstimme» berichtete mehrfach).
Problem Roseneckkreisel
Beim wichtigsten Engpass in Gelterkinden fällt die Prognose zurückhaltender aus. Der Roseneckkreisel sei hoch belastet und der «leistungsbestimmende Knoten» im Ort, schreibt der Regierungsrat in seiner Vorlage. Eine «effektive Verbesserung des Verkehrsflusses» könne derzeit nicht in Aussicht gestellt werden.
Auf Nachfrage präzisiert die BUD die Gründe: Kapazitätssteigernde Massnahmen wie zweistreifige Zufahrten benötigten viel zusätzlichen Platz und gerieten unter anderem mit Velosicherheit, Raumplanung und Gewässerraum in Konflikt. Das laufende Vorprojekt sieht einen erhöhten Innenring für mehr Velosicherheit sowie eine «lichtsignalgeregelte Steuerung» vor. Sie soll verhindern, dass die Buspriorisierung den Kreisel in Spitzenzeiten «überstaut». Die Realisierung ist gemäss BUD nach heutigem Stand für 2031/32 vorgesehen.
Alt Landrat Stefan Degen hält Knotenoptimierungen zwar für sinnvoll, aber für ungenügend. Nach seiner Auffassung müsste bereits heute mit der Planung zusätzlicher, möglichst unterirdischer Kapazitäten begonnen werden (siehe «Nachgefragt»).
Das REK gibt die Richtung vor
Dass der Regierungsrat keine ganz neuen Strassenprojekte weiterverfolgen will, begründet er wesentlich mit dem REK. Dieses wurde gemeinsam mit den Gemeinden und unter Beteiligung der Bevölkerung erarbeitet. Mit der Charta hätten sich die Gemeinden dazu bekannt, es als Grundlage für strategische Entscheidungen zu verwenden. Das REK sehe keine neuen Umfahrungen vor, sondern setze auf öV, Velo und Verbesserungen auf belasteten Ortsdurchfahrten.
Auf Nachfrage der «Volksstimme» nennt die BUD keine, wie von Degen gefordert, separat untersuchten Umfahrungsvarianten. Zusätzliche Strassenverbindungen seien im Rahmen des REK «umfassend und integral» betrachtet worden. Separate Alternativplanungen wolle der Kanton nicht weiterverfolgen.
Lokale Verkehrsflussoptimierungen seien ausdrücklich erwünscht und sollen die Stausituation spürbar verbessern. Nicht vorgesehen seien hingegen «grossflächige Erhöhungen der Kapazität für den motorisierten Individualverkehr», wie die Regierung bilanzierend schreibt. Genau hier widerspricht Degen: Das REK schliesse zusätzliche Kapazitäten nicht ausdrücklich aus; aus einer fehlenden Forderung werde in der Vorlage faktisch eine Ablehnung gemacht.
Neue Achsen für das Velo
Eine konkrete Rolle in der Verkehrsstrategie erhält das Velo. Die Regierung weist darauf hin, dass die heutigen Verbindungen zwischen Ormalingen und Sissach teilweise im Mischverkehr verlaufen oder zu wenig direkt sind. Gleichzeitig sieht sie im Talboden wegen der Topografie Verlagerungspotenzial.
Zwischen Sissach und Itingen soll eine Velovorzugsroute – Velos haben Vortritt – entstehen und über Pratteln mit Anschluss bis Basel-Stadt weiterführen. Zwischen Sissach und Gelterkinden ist laut Regierungsvorlage ebenfalls eine Velohauptroute vorgesehen; weitere solche Routen sind im vorderen Diegter-, Homburger- und Eital geplant. Das erweiterte Netz solle bei der nächsten Anpassung in den kantonalen Richtplan aufgenommen werden.
Auch beim öffentlichen Verkehr sieht das REK Ergänzungen vor: Geprüft werden eine kantonsübergreifende Buslinie ins Fricktal und bedarfsgesteuerte Angebote – sprich Rufbusse – im Freizeitverkehr. Zudem bleibe eine Ausweitung des Tarifverbunds Nordwestschweiz bis Olten ein Thema. Sissach und Gelterkinden beurteilt der Kanton bereits heute als gut bis sehr gut mit der Bahn erschlossen. Während die Hauptverbindungen in den Spitzenzeiten stark ausgelastet sind, sieht er bei der S9 und bei den meisten Buslinien noch deutliche Reserven.
Ob die beiden Vorstösse zur Verkehrssituation im oberen Ergolztal damit politisch erledigt sind, entscheidet nun der Landrat.
Verkehr kommt vor allem aus der Region
tho. Die meisten der täglich rund 19 500 Fahrzeuge im Chienbergtunnel kommen aus der näheren Region. Das zeigen Auswertungen von «TomTom»- Daten für einen durchschnittlichen Werktag 2024, die in der Vorlage der Regierung publiziert sind.
Rund 55 Prozent der Tunnelbenutzer stammen demnach aus dem oberen Ergolztal, weitere rund 32 Prozent aus dem Homburgertal. Überregionaler Verkehr, etwa aus dem Fricktal via Wegenstetten oder Rothenfluh, macht lediglich etwa 5 bis 7 Prozent aus. Der Kanton folgert daraus, dass es sich im Wesentlichen um Ziel- und Quellverkehr der Gemeinden in der Region handelt.
Das Verkehrsaufkommen auf den wichtigsten Achsen hat in den vergangenen zehn Jahren zugenommen. Auf der Sissacherstrasse in Gelterkinden wurden 2024 durchschnittlich rund 17 900 Fahrzeuge pro Werktag gezählt, in Diepflingen rund 8500. Je nach Achse betrage die Zunahme seit demJahr 2015 etwa 5 bis 10 Prozent.

