(K)ein Rezept für Frieden
01.07.2025 SissachGesprächsrunde mit Ueli Mäder im «Cheesmeyer»
«Können Sport und Reisen Frieden fördern?» Dies war der Titel der letzten Gesprächsrunde vor der Sommerpause in der Reihe «Für eine soziale und ökologische Wende» mit Moderator ...
Gesprächsrunde mit Ueli Mäder im «Cheesmeyer»
«Können Sport und Reisen Frieden fördern?» Dies war der Titel der letzten Gesprächsrunde vor der Sommerpause in der Reihe «Für eine soziale und ökologische Wende» mit Moderator Ueli Mäder und zwei Gästen. Die Antwort darauf: «Ja, wenn …»
Brigitte Keller
An diesem heissen Juniabend trafen sich die Besuchenden «in einem noch nie dagewesenen überschaubaren Kreis», wie Ueli Mäder zur Begrüssung bemerkte. Dennoch waren einige bekannte Gesichter dabei – treue Besucherinnen und Besucher, während viele andere wohl der Ferienzeit und dem Fernweh gefolgt waren.
Die Begriffe «Fernweh» und «Sehnsucht» fielen im ersten Teil des Abends ein paar Mal. Als Gäste auf dem Podium hatten Isabel Prinzing, langjährige Nationalliga-Handballerin und heute als Friedensforscherin bei Swisspeace tätig, sowie Hansruedi Müller, langjähriger Direktor des Forschungsinstituts für Freizeit und Tourismus der Universität Bern, Platz genommen.
Mäder und Müller kennen sich seit mehr als 40 Jahren, wie Müller bei der Vorstellungsrunde verriet. «Wir haben uns über den Tourismus kennengelernt damals, als ich Student und später Assistent war bei Jost Krippendorf», wie Müller Moderator Mäder und die Gäste wissen liess. Zur Erinnerung legte er drei Bücher von Mäder aus den 1970er- und 1980er-Jahren zum Thema Tourismus auf den Tisch.
«Danke, dass du mich daran erinnerst, das ist sehr lange her», quittierte Ueli Mäder die Worte Müllers schmunzelnd und bat ihn, einleitend zu erläutern, wie er den Gang der Dinge in den vergangenen Jahrzehnten wahrgenommen habe und wie er sich seine andauernde Faszination für das Thema erhalten konnte. «Da könnten wir auch das Publikum befragen», gab Müller an selbiges gerichtet zur Antwort, «denn bestimmt sind Sie alle, oder die meisten, ab und zu unterwegs, und das schon seit vielen Jahren.» Gerade die Schweizer Seniorinnen und Senioren, wenn sie viel Zeit und eine schöne Pension hätten, seien sehr viel unterwegs. «Das Fernweh und die Sehnsucht hören eigentlich nie auf.»
Steigende Nachfrage
Die Themen, mit denen er sich über die Jahre befasste, hätten sich gewandelt. So sei das Thema «Klimawandel» und «CO2-Ausstoss» zu Zeiten seines Vorgängers am Institut noch kein Thema gewesen, dafür aber der Umgang mit Natur und Landschaft. Er erwähnte bei dieser Gelegenheit, dass der von ihm und Mäder sehr geschätzte Schweizer Tourismusforscher Jost Krippendorf (1938 – 2003) im Jahr 1976 das Buch «Die Landschaftsfresser» herausgegeben hatte und mit einem Auftrittsverbot im Kanton Graubünden belegt wurde.
Mäder rekapitulierte, dass sich viele der Hoffnungen für einen faireren Tourismus, der auch dazu geführt hätte, dass die zum Teil unfreiwillig Bereisten mehr von diesem Geschäft hätten profitieren können und mehr lokale Produkte in den Kreislauf miteinbezogen worden wären, als Illusion erwiesen. Seiner Feststellung, dass sich «die Hoffnung nach mehr Gerechtigkeit, mehr Achtsamkeit und einer höheren Bereitschaft, zumindest über Kompensationszahlungen, ja irgendwie im Rahmen hielten», musste auch Müller zustimmen. Fernweh und Wohlstand, zusätzlich befeuert von «Paradies-Verkäufern», steigere die Nachfrage laufend. Pädagogische Appelle hätten dem sehr wenig entgegenzusetzen – oder würden gar das Gegenteil provozieren, meinte Müller weiter. Kaum jemand wolle in diesem Moment hören, dass der Luftverkehr etwas vom Klimaschädlichsten sei.
Müller, etwas desillusioniert, wie er selber nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem Thema zugeben musste, appelliert denn auch an die weiteren «Player», also die Verantwortlichen der Tourismusbranche, des Luftverkehrs und der Politik. «So ist Kerosin der einzige Treibstoff, auf den keine Steuern erhoben werden», sagt Müller. Auch eine Beimischquote, also die gesetzliche Verpflichtung, nachhaltig hergestellten Luftfahrttreibstoff aus nichtfossilen Rohstoffen, Fachausdruck «Sustainable Aviation Fuel (SAF)», auch in der Schweiz beizumischen, wie es in der EU bereits mit einem Anteil von 5 Prozent Pflicht sei, könnte als «Gamechanger» fungieren.
Nach den ausführlichen Voten und Appellen zum Thema «Reisen und Tourismus» kam auch Isabel Prinzing zu Wort. Sie ist für die friedensfördernde Institution «Swisspeace» tätig, organisiert Rahmenveranstaltungen mit vielen, immer wieder wechselnden Teilnehmenden und ist auch forschend tätig. Ein aktuelles Projekt befasst sich mit der besseren Visualisierung von «Frieden». «Wenn es um Kriege und Konflikte geht, haben wir ganz klare Vorstellungen, wie das aussieht», erläuterte sie, «aber ‹Frieden› bleibt sehr oft ein abstraktes Konzept.» Vielleicht sehe man eine Taube oder zwei Menschen, die sich die Hände reichen, aber alltagsnahe Visualisierungen würden fehlen. Jemand habe einmal geschrieben: «Wie sollen wir Frieden bilden, wenn wir nicht wissen, wie er ausschauen soll?»
Die nächste halbe Stunde gehörte dem mehr oder weniger Verbindenden des Sports. «Ich bin zwiegespalten, ob Sport verbindend ist; ich würde sagen schon, aber nicht immer und nicht um jeden Preis», sagte Prinzing. Viele weitere Aspekte wie Politik im Sport, Spitzensport versus Breitensport und anderes wurden angesprochen.
Im letzten Teil des Abends, der wie gewohnt musikalisch umrahmt wurde von Lukas Rickli am Piano, konnte das Publikum Fragen stellen oder Kommentare und Inputs abgeben.
Zum Schluss wurde nochmals die Eingangsfrage gestellt: «Können Sport und Reisen Frieden fördern?» Die Schlussworte der beiden Podiumsgäste dazu lauten zusammengefasst etwa wie folgt: «Ja, Sport kann verbindend und friedensfördernd wirken, wenn entsprechende Anlässe gut und von geeigneten flankierenden Massnahmen begleitet werden. Überhöhen darf man dessen Wirkung aber nicht», so die Einschätzung von Isabel Prinzing. Ganz ähnlich klang eine Antwort von Hansruedi Müller: «Ja, achtsames Reisen kann verbindend wirken und eine Lebensschule sein, dies will aber gelernt sein und beginnt bereits im Kindesalter – beispielsweise an gemeinsamen Schulreisen.»
Diese Gesprächsrunde und alle vorherigen in der Reihe finden sich als Podcast zum Nachhören unter www.cheesmeyer.ch/kultur

