«Jede Tätigkeit ist gleich viel wert»
10.07.2026 LäufelfingenBäuerinnen-Serie Teil 2: Andrea Gysin vom Hof Halde
Der Hauptbetriebszweig auf dem Hof Halde ist die Rindermast. Andrea Gysin hilft überall mit und betreut neben dem Haushalt auch den Direktverkauf von allerlei Hofprodukten. Auch ihr Holzofenbrot und die Apéroplatten werden ...
Bäuerinnen-Serie Teil 2: Andrea Gysin vom Hof Halde
Der Hauptbetriebszweig auf dem Hof Halde ist die Rindermast. Andrea Gysin hilft überall mit und betreut neben dem Haushalt auch den Direktverkauf von allerlei Hofprodukten. Auch ihr Holzofenbrot und die Apéroplatten werden sehr geschätzt.
Brigitte Keller
Andrea Gysin (43) macht sich viele Gedanken, «manchmal fast zu viele», wie sie sagt. Eine Gelegenheit, nachzudenken und die Gedanken zu ordnen, bietet sich jeweils morgens, wenn sie – wann immer sie die Zeit dazu findet – zusammen mit Hündin Roxy eine Joggingrunde macht. Der Inhalt eines Podcasts, den sie vor Kurzem gehört hat, habe sie zum Nachdenken gebracht. Der Titel lautet «Wann ist eine Bäuerin eine Bäuerin?» – es ging um Identität, Anerkennung und Realität. Themen, die Gysin nicht fremd sind.
Nicht darüber nachdenken habe sie müssen, ob sie die Frau eines Bauern werden will, als sie mit ihrem Mann Hansueli zusammengekommen sei. «Ich wusste einfach, mit ihm kann ich mir alles vorstellen.» Sie war 24 Jahre alt, als sie auf den Hof Halde etwas oberhalb des Siedlungsgebiets in Läufelfingen zog. Danach sei es Schlag auf Schlag gegangen und innerhalb von vier Jahren sind die Kinder Max, Lina und Anna geboren worden. Ebenfalls zur Familie gehört Hansuelis Tochter Zoe aus einer früheren Beziehung. Wenn sie sich heute dazu Gedanken macht, wie alles gekommen ist, hat Andrea Gysin nach wie vor keinen Zweifel: «Es ist das Beste, was mir je hat passieren können.»
Gysin ist in Läufelfingen aufgewachsen, nur zwei Strassen unterhalb des Hofs Halde. Dass eines Tages «dort oben» ihr Zuhause sein würde, war damals noch in weiter Ferne. Einen kleinen Bezug zur Landwirtschaft hatte sie schon, dank ihren Grosseltern, die in Läufelfingen den Hof Rotacker auf der anderen Talseite bewirtschafteten. Nach der Schule machte sie die Detailhandelsausbildung im Bereich Sport und arbeitete die nächsten Jahre bei Schmutz Sport in Oberdorf und danach im «Aussendienst Detailhandel» der Brauerei Feldschlösschen.
Freude am Verkaufen
Ihr Flair für den Verkauf brachte Andrea Gysin mit ein auf der Halde. Sie regte an, eigene Produkte ab Hof zu verkaufen. Dazu gehören heute beispielsweise Fleisch und Würste von den eigenen Rindern, Apfelmost, Sirup sowie Brot aus dem Holzofen und Geschenkkörbe und Apéroplatten, zusammengesetzt aus all diesen Produkten. Die Freude, die ihr der Direktverkauf macht, sieht man den schön gestalteten Produktetiketten und den Bildern auf der Website an, die sie selber gestaltet hat.
Der Einzug auf einem Bauernhof ist wohl vielerorts nicht einfach, sagt Andrea Gysin. «Du kommst auf einen Hof mit einem funktionierenden System und musst dir darin erst einen Platz suchen respektive deinen Platz finden.» So sei es auch ihr ergangen. Ihr Mann Hansueli habe sie aber immer darin bestärkt, dass jede Tätigkeit, auch die «unbezahlte» Hausarbeit, Teil des Ganzen und damit wertvoll sei.
Das Wohnhaus, in dem sie und ihr Mann mit seinen Eltern wohnten, wurde schnell zu klein, als die Familie Nachwuchs bekam. Nachdem als Lösung für ihre Schwiegereltern ein Stöckli gebaut worden war, konnte die junge Familie das Wohnhaus innerhalb von zehn Jahren renovieren und nach ihren Bedürfnissen umbauen. Dass sie im Lauf der Jahre den Betrieb des Hofs Rotacker mitübernehmen konnten, habe eine wichtige Rolle für den Weiterbestand und Ausbau des Familienbetriebs gespielt, hält Andrea Gysin weiter fest.
Vor 16 Jahren stellten die Gysins von Munimast auf die Mutterkuhhaltung um. Im vergangenen Jahr kehrten sie zur Mast von Rindern zurück. «Schade, haben wir das nicht schon früher gemacht», haben ihr Mann und sie gerade wieder einmal festgestellt. Dies sei die beste Entscheidung gewesen und bedeute für ihre Familie mehr Lebensqualität. Die Abläufe seien überschaubarer und geregelter.
Dass die konventionelle Landwirtschaft immer wieder – sei es im persönlichen Umfeld und noch mehr in den Medien – kritisiert würde, finden die Gysins nicht sehr fair. Denn für sie ist die Landwirtschaft dafür da, Nahrungsmittel zu produzieren und die Bevölkerung zu ernähren. Sie setzen stark auf «Swissness», im Stall wie auch bei allen anderen produzierten Produkten. Die Tiere und die damit verbundenen Arbeiten seien der Bereich ihres Mannes, sie unterstütze ihn aber bei sämtlichen Tätigkeiten und sie könne auch überall einspringen. «Wir funktionieren sehr gut zusammen und besprechen immer alles, was sehr wertvoll ist», erzählt Andrea Gysin.
Geteilte Leidenschaft
«Es ist ein Riesengeschenk, dass unsere Kinder die Leidenschaft für die Landwirtschaft teilen und schon seit jeher viel geholfen haben.» Stieftochter Zoe hat die Ausbildung zur Landwirtin gemacht; jetzt ebenfalls in der Ausbildung sind Sohn Max und Tochter Lina. Die Jüngste im Bunde, Tochter Anna, hilft ebenfalls tatkräftig mit. Nur bei der Arbeit im Haushalt, da sei die Bereitschaft zum Helfen etwas weniger ausgeprägt.
Viel Arbeit und Leidenschaft steckt Andrea Gysin in ihren Garten und die Blumen rund um den Hof. Vieles, das dort gedeiht, verarbeitet sie zu Produkten, die sie direkt vermarktet. In der Adventszeit nimmt sie an mindestens einem Markt teil. Ebenfalls viel Freude bereitet ihr das Dekorieren im und ums Haus. Dank Hochbeeten im Garten, die ihr Mann gebaut habe, ist das Pflanzen im Nutzgarten trotz Hanglage sehr praktisch geworden.
Auf dem Hof Halde wurde und wird in die Infrastruktur investiert. «Wir bauen sehr gerne», sagt Andrea Gysin. Neben einem neuen Silo, das gerade in der Planungsphase ist und die «Siloballenschlacht» rund um den Hof verringern soll, freut sie sich ganz besonders auf die Realisierung eines anderen Projekts: Ihr langgehegter Wunsch nach einem richtigen Hofbrunnen soll in Kürze in Erfüllung gehen.
Prägender Nebenjob
Seit vier Jahren nimmt im Leben von Andrea Gysin noch etwas Weiteres einen wichtigen Platz ein: Sie arbeitet jeden zweiten Donnerstag in einem Hospiz in Derendingen. Spontan hatte sie davor den Kurs «Palliative Care» des Roten Kreuzes besucht und sich dann auf die Ausschreibung hin gemeldet. «Ich hatte das Gefühl, ich bräuchte etwas nur für mich», erzählt sie, und die Tätigkeit dort sei längst zu einem sehr wichtigen Bestandteil in ihrem Leben geworden.
«Wir sind ein ganz tolles Team und neben allem Traurigen wird auch viel gelacht.» Die Lebensgeschichten, mit denen sie dort konfrontiert werde, zeigten ihr immer wieder auf, achtsam mit sich und dem zu sein, was man hat. «Eine tiefe Zufriedenheit hat es mir gebracht und die Erkenntnis, dass jede Tätigkeit gleich viel Wert hat.»
Bereits erschienen ist das Porträt von Sonya Leuenberger vom Hof Halde in Ziefen. Die Serie wird wöchentlich fortgesetzt.

