In der Orientierungsphase
07.05.2026Was für ein schönes und zugleich irritierendes Gefühl, ganz allein im Trubel einer Stadt unterwegs zu sein. Genau so ging es mir, als ich einen Tag nach meiner Reha-Entlassung in Zürich unterwegs war, um an der Universität bei einem Modul mitzuhelfen.
Der ...
Was für ein schönes und zugleich irritierendes Gefühl, ganz allein im Trubel einer Stadt unterwegs zu sein. Genau so ging es mir, als ich einen Tag nach meiner Reha-Entlassung in Zürich unterwegs war, um an der Universität bei einem Modul mitzuhelfen.
Der Snowboardunfall lag bereits fünf Monate zurück und fast so lange dauerte auch der Reha-Aufenthalt. In dieser Zeit war ich kaum unterwegs. Mit meinem noch angeschlagenen linken Arm war es mir noch nicht möglich, die Rampe der Bahnhofsunterführung mit dem Rollstuhl zu überwinden. Entsprechend sorgfältig plante ich meine Reise nach Zürich. Am selben Abend durfte ich bei «Lausen Kulturell» als Referentin auftreten. Für diesen ersten Tag hatte ich mir viel vorgenommen und wollte auf allen Ebenen überzeugen. Der Tag war hart, doch es tat gut zu spüren, dass ich mich auch ausserhalb der Rehaklinik, dieser «sicheren Blase», zurechtfinden kann.
Nach längeren Klinik-Aufenthalten habe ich bisher immer die Erfahrung gemacht, dass ich das Vertrauen zu meinem Körper wieder neu aufbauen muss.
Es ist grossartig, wieder zu Hause zu sein. Gleichzeitig beginnt hier erst ein wichtiger Teil der eigentlichen Arbeit. Es ist ein stetiges Ausprobieren und Neuorientieren. Erst ausserhalb der Rehaklinik wird einem richtig bewusst, wie gross die Einschränkungen noch immer sind. Alltägliche Aufgaben wie Einkaufen, Haushalten oder auch das Training verlangen mir viel Energie ab. Es war mir klar, dass es noch ein weiter Weg ist. Aufgaben mit ausgestrecktem Arm bleiben eine Herausforderung, besonders auf Schulterhöhe kämpfe ich noch stark. Doch dann führe ich mir wieder vor Augen, dass ich vor wenigen Monaten den linken Arm noch gar nicht ansteuern konnte. Da liegt also bereits eine riesige Entwicklung hinter mir.
Das eher fremdbestimmte Leben in der Klinik war in gewisser Weise anstrengend, doch es war auch sehr simpel. Nun gilt es, mir wieder eigene Strukturen aufzubauen und die nötige Disziplin dafür aufzubringen. Zum Glück fällt mir das als Sportlerin nicht allzu schwer. Ich befinde mich also gerade in einer Phase der Orientierung. Schritt für Schritt finde ich meinen Weg zurück.
Inzwischen wurde das 5-Kilo-Limit für meinen Arm aufgehoben, ein weiterer Meilenstein. Die Nachkontrolle verlief erfolgreich.
Nun soll ein Sommer folgen, dem der weitere Aufbau gilt – spektakuläre Ideen lasse ich aber lieber bleiben. Auf die Schulter zu fallen, ist nämlich noch streng verboten. Also arbeite ich weiter konsequent an mir und geniesse die unspektakuläre Ruhe. Der Herbst und der Winter sollen dann gerne wieder spannender werden.
Romy Tschopp
Vom Rollstuhl aufs Snowboard: Die Sissacherin Romy Tschopp (1993) ist die erste Schweizer Para-Snowboarderin, die an Paralympischen Spielen teilnehmen konnte. Sie wurde 2023 Vizeweltmeisterin im Snowboardcross.

