Im Sog des Wortes
23.06.2026 Kultur, Bezirk LiestalErzähl-Feuerwerk am Literatur-Open-Air
Abgründiges, Skurriles, Zärtliches – wie sich Leben und Literatur gegenseitig befruchten, wurde am Literatur-Open-Air Liestal fulminant durchbuchstabiert: Mitreissende Slam-Poetry und zwei neue Romane versprechen einen heissen ...
Erzähl-Feuerwerk am Literatur-Open-Air
Abgründiges, Skurriles, Zärtliches – wie sich Leben und Literatur gegenseitig befruchten, wurde am Literatur-Open-Air Liestal fulminant durchbuchstabiert: Mitreissende Slam-Poetry und zwei neue Romane versprechen einen heissen Geschichtensommer.
Fabienne Hohl
«Hopp Schwiiz!» Auf der Suche nach einer passenden Sportart ist Slam-Poetin Fine Degen beim Steckenpferd-Rennen (neudeutsch «Hobby-Horsing») zwar kläglich gescheitert, aber hey: Der Tierschutz liebt die Disziplin! Genau wie das Publikum des vierten Literatur-Open-Air Liestal (Loal). Es schwingt heiter mit, wenn die Wortkünstlerin mit grosser Geste einen Groschenroman voller zweifelhafter Lebensweisheiten skizziert oder darüber sinniert, was die Jahre mit ihr und uns allen machen.
Mehr als 120 «regenfeste» Literaturbegeisterte hätten sich von der Wetterprognose nicht abschrecken lassen, freute sich Kantonsbibliothekarin Susanne Wäfler. Denn heuer konnte das Loal nach zwei Indoor-Ausgaben wieder auf dem Liestaler Zeughausplatz stattfinden.
Für den beliebten Anlass sind die Kantonsbibliothek gemeinsam mit dem Dichter:innen- und Stadtmuseum Liestal (Distl) verantwortlich sowie neu auch mit «BuchBasel».
Wer die schwülen 34 Grad, Donner und ein paar Regentropfen aussass, wurde reich belohnt: Zum Auftakt machten zwei weitere bekannte Slam-Poeten die «älteste Form von Literatur», wie Rea Köppel vom Distl es formulierte, zum Live-Erlebnis: Micha van Roo begeisterte mit dem Bericht über die Begegnung mit einem Ausserirdischen in Gestalt eines Appenzeller Nacktwanderers und verdeutlichte mit drastischem Humor, warum ein «Buschi» am liebsten im Mutterleib verbliebe. Vera Hiltbrunner, «eigentlich Opernsängerin», die immer wieder an «glamourösen Orten» arbeiten dürfe, schilderte eine nächtliche Begegnung am Bahnhof Langenthal, die ein nachdenkliches Fragezeichen hinter die hiesige Zielstrebigkeit setzt. In ihrem letzten Beitrag versöhnte sich Hiltbrunner dank Instagram-Bekenntnissen aus aller Welt mit der erwachsen gewordenen Beziehung zu ihrem Teddybären.
Grosses Kino
Nach der Pause liess «Volksstimme»- Kolumnist Max Küng, gebürtiger Maispracher, langjähriger «Magazin»- Kolumnist und Meister der Abschweifung, das Publikum eine vergnügliche halbe Stunde auf die Lesung seines neuesten Romans «Supertoskana» warten … Quasi bis die Figuren aus Küngs früherem Werk «Fremde Freunde» in seinem Kopf um ihr Weiterleben demonstrierten und er die bös-lustige Feriengeschichte über sieben Erwachsene und ein Baby im Sehnsuchtsland Italien niederschrieb.
Ein Sehnsuchtsort ist auch der bulgarische «Goldstrand», Namensgeber des preisgekrönten Romans von Katerina Poladjan. Gleichzeitig sei er ein Unort, der seine ideologischen Versprechen nie eingelöst habe, sagte die Autorin im Gespräch mit Marion Regenscheit von «Buch-Basel». Der «Goldstrand» ist Ausgangspunkt der elegant erzählten Familiengeschichte eines einst erfolgreichen Filmregisseurs. Grosses Kino, das seinen Zauber im Abenddunkel auch vorgelesen entfaltet. Und bei vielen Zuhörenden sicher nachwirkt, bis das Literatur-Open-Air sein nächstes Erzähl-Feuerwerk zündet.
