Im Juli fiel das Laub
29.09.2026 PolitikSimon Tschendlik, Landrat Grüne, Bubendorf
Im Juli lag Laub auf den Waldwegen. Nicht bunt wie im Oktober, sondern braun und knochentrocken. Die Buchen hatten aufgegeben, bevor der Sommer vorbei war. Ab dem 3. Juli galt im Wald absolutes Feuerverbot, wochenlang. ...
Simon Tschendlik, Landrat Grüne, Bubendorf
Im Juli lag Laub auf den Waldwegen. Nicht bunt wie im Oktober, sondern braun und knochentrocken. Die Buchen hatten aufgegeben, bevor der Sommer vorbei war. Ab dem 3. Juli galt im Wald absolutes Feuerverbot, wochenlang. Ein Kreisforstingenieur sagte es öffentlich: Die Lage im Baselbiet ist ernster als 2003 und 2018. Im Hardwald sind zwei Drittel der untersuchten Buchen schwer geschädigt, die meisten werden sterben. Die Universität Basel nennt 2026 «eine Zäsur für unseren Wald». Ich sehe es täglich im Revier: Dieser Sommer hat den Wald verändert. So wie er war, kommt er nicht zurück.
Der Wald von morgen muss gepflanzt und gepflegt werden. Junge Eichen, Schneeballblättrige Ahorne und Nussbäume brauchen 10 bis 20 Jahre Pflege, bis sie allein zurechtkommen. Wer pflanzt und dann die Nachpflege streicht, wirft das Geld in den Wald – und der gibt es nicht zurück.
Genau das ist das Problem. Waldpflege wird im Kanton jedes Jahr neu verhandelt, im laufenden Budget, wie Büromaterial. Kommt eine Sparrunde, steht sie zuoberst auf der Liste. Im Juni lehnte der Landrat meinen Vorstoss gegen weitere Sparrunden bei Wald, Landwirtschaft und Naturschutz mit 36 zu 33 Stimmen ab. Vergangenes Jahr wollte die Verwaltung das Programm «Waldpflege im Klimawandel» kürzen und beim Naturschutz im Wald zugesagte Bundesgelder liegen lassen. Der Bund macht es nicht besser: Erst strich der Bundesrat das Geld für den klimafitten Wald aus dem Finanzplan, dann versprach er am 26. August, mitten in der Dürre, nur 17,5 Millionen Franken ab 2027. Für die ganze Schweiz – eine homöopathische Dosis.
Am Tag danach behandelte der Landrat meine Motion. Sie verlangt etwas Einfaches: Waldpflege, die über Jahrzehnte wirkt – Jungwald, Schutzwald, Umbau auf klimafeste Baumarten –, soll behandelt werden wie eine Brücke oder ein Schulhaus. Mehrjährig geplant, verbindlich finanziert, nicht jedes Jahr zur Disposition. Der Regierungsrat wollte das nicht einmal prüfen. Begründung: Der Kanton könne nicht über fremdes Eigentum verfügen, ihm gehörten nur 600 Hektaren, 3 Prozent des Waldes. Als ob Steinschlag, Trinkwasser und kühle Luft an der Grundstücksgrenze Halt machten. Der Kanton zahlt seit Jahrzehnten Beiträge an Hochwasserschutz, Meliorationen und Denkmäler auf fremdem Boden, weil das öffentliche Interesse zählt. Der Landrat sah das ähnlich: Mit 46 zu 32 Stimmen überwies er den Vorstoss als Postulat. Die Regierung muss nun innert Jahresfrist aufzeigen, wie sich Waldpflege über mehrere Jahre sichern lässt.
Weshalb das alle im Baselbiet angeht: Fast 42 Prozent des Kantons sind Wald. Er hält Steinschlag und Hochwasser von den Dörfern fern, filtert unser Trinkwasser, kühlt die Siedlungen. Er gehört zum grössten Teil Bürgergemeinden und Privaten, die ihn mit Holzerlösen längst nicht mehr finanzieren können. Aufschieben spart nichts. Es verschiebt die Rechnung – und macht sie grösser.
Sie wissen wohl, dass ich als Förster befangen bin. Aber ich habe den Herbst im Juli gesehen. Die Klimaveränderung ist eine neue Aufgabe für uns alle. Mit den Rezepten von gestern lösen wir sie nicht.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

