IM GEDENKEN
14.11.2023 SissachUrs Streuli
«Urs Streuli ist am letzten Samstag gestorben», meldete mir ein Kollege vor einigen Wochen unterwegs. Kurze Zeit davor hatte ich ihn noch im Dorf angetroffen, den grossgewachsenen, aufrechten Mann mit dem langen, ruhigen Schritt, der hohen Stirn, dem ...
Urs Streuli
«Urs Streuli ist am letzten Samstag gestorben», meldete mir ein Kollege vor einigen Wochen unterwegs. Kurze Zeit davor hatte ich ihn noch im Dorf angetroffen, den grossgewachsenen, aufrechten Mann mit dem langen, ruhigen Schritt, der hohen Stirn, dem geraden Blick unter den buschigen Augenbrauen hervor und dem stets etwas mystischen Lächeln. Nichts deutete darauf hin, dass er bald sterben würde.
Urs Streuli kam am 19. Dezember 1952 in Altdorf zur Welt und zog bald mit seinen Eltern nach Wetzikon, im Kanton Zürich. Nach dem Studium an der ETH zum Ingenieur Agronom unternahm er – wie damals üblich meistens per Autostopp – Reisen nach Südfrankreich, Cinque Terre, Osteuropa und Kanada. Er arbeitete in einer drogentherapeutischen Gemeinschaft mit und half ein Jahr lang, die Casa Solidarietà im Tessin zu führen.
Seine ökologischen Vorstellungen lebte er auf verschiedenen Hofgemeinschaften aus, so auf dem Unteren Wieseli in Diegten, wo er mithalf den Bio-Gemüseanbau und den Direktverkauf aufzubauen. Dann übernahm Urs Streuli für fast 32 Jahre die Verantwortung für den Schulgarten am Ebenrain-Zentrum. Traditionell diente der Garten als Lieferant des Gemüses für die Haushaltungsschule und die Schulkantine. Urs krempelte ihn sukzessive in einen Versuchs- und Schaugarten um, der sich laufend weiterentwickelte. Jahrelang pflegte Urs – zusammen mit einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter – mehr als zwanzig wechselnde Tomatensorten und pflanzte auch fremde Früchte und Gemüse an.
Wer heute den Garten besucht, erkennt viele Elemente, die Urs eingerichtet hat, vom englischen Labyrinth am Eingang, der Reblaube, der Kräuterschnecke, dem überdachten Gartensitzplatz bis zu den Rosenbögen weit hinten. Im Garten wuchsen aber auch jene Pflanzen, die man gerne als Unkraut bezeichnet. Urs liess ihnen ihren Platz, solange sie der Produktion nicht im Wege standen, was manches Nasenrümpfen bei den klassischen Gartenfachleuten provozierte.
Zur Ökologie in der Landwirtschaft gehören auch die Hecken. So initiierte Urs die bekannte Hecke oberhalb von Wittinsburg und pflanzte zur Anschauung im Ebenraingarten rund 50 Baum- und Buscharten, die als Heckenpflanzen dienen konnten. Zusammen mit dem zweiten Pionier bezüglich des ökologischen Ausgleichs in der Landwirtschaft, Dieter Rudin, leistete er viel Überzeugungsarbeit auf diesem Gebiet. Urs unterrichtete einige Jahre lang Ökologie an der landwirtschaftlichen Schule und Gartenbau an der Haushaltungsschule.
In den öffentlichen Gartenbaukursen verstand Urs es, sein umfassendes Wissen über die Pflanzen und ihr Gedeihen mit Freude verständlich zu vermitteln. Den praktischen Teil der Kurse verlegte er oft in die Gärten der Kursteilnehmenden, wo dann aktiv geschnitten und gesägt wurde. Urs entwickelte das Label «Marienkäfergarten», um ökologisch geführte Anlagen auszuzeichnen, und verhalf den «Trockenblumenfrauen» und «Teefrauen» zu einem Nebenerwerb, indem er sie beim Anbau der Kulturen anleitete. Urs schrieb jahrelang «Gartentipps» für die «Basellandschaftliche Zeitung», für «Bioterra» und die «Volksstimme».
Er war sehr belesen, handelte gerne selbstständig und rückte ungern von seinen Idealen ab. Bei gemeinsamen Projekten wie dem jährlich stattfindenden Ebenraintag arbeitete er jedoch tatkräftig im Team mit, kreierte wiederholt das Tagesmotto, organisierte jahrelang den Bauernmarkt, putzte den Garten heraus und empfing mit Stolz die Besucherschar. Als Privatperson war er zwölf Jahre lang Vorstandsmitglied der Pro Natura Baselland, davon fünf Jahre als Co-Präsident.
Seine Aufgabe als Familienvater war ihm wichtig. So unternahm er mit seinen Kindern und Grosskindern viele Ausflüge und begleitete sie mit grossem Einfühlungsvermögen. Nach seinem Rücktritt Ende 2016 trat seine soziale Ader nochmals deutlich ans Licht: Er unterstützte eine private Schule, pflegte bei Bedarf Privatgärten und hatte eine offene Türe für die Kinder des Quartiers. Am 7. Oktober starb er unerwartet.
Werner Mahrer, ehemaliger Leiter des «Ebenrain», Sissach

