Im Demenzdorf gibt es keine verschlossenen Türen
27.02.2026 SissachSiedlung für bis zu 200 Bewohnende geplant
Am Bienenberg in Frenkendorf soll ein Demenzdorf für die Nordwestschweiz mit 200 Pflegeplätzen entstehen. Diese Form eines Pflegeheims wird insbesondere dem Bewegungsdrang von Patienten mit einer Demenzerkrankung gerecht.
...Siedlung für bis zu 200 Bewohnende geplant
Am Bienenberg in Frenkendorf soll ein Demenzdorf für die Nordwestschweiz mit 200 Pflegeplätzen entstehen. Diese Form eines Pflegeheims wird insbesondere dem Bewegungsdrang von Patienten mit einer Demenzerkrankung gerecht.
Christian Horisberger
Senioren mit einer Demenzerkrankung stehen im Pflegeheimalltag häufig vor verschlossenen Türen. Dies zwar zu ihrem eigenen Schutz, doch kann es bei den Betroffenen zu Frustration und Aggression führen. Diesem Umstand trägt ein Betreuungskonzept Rechnung, das in Frenkendorf zur Anwendung kommen soll: ein Demenzdorf. Hier haben die Bewohnerinnen und Bewohner volle Bewegungsfreiheit innerhalb ihres Wohnbereichs und grösstmögliche Freiheit innerhalb des ganzen Areals.
Co-Projektleiter Hartmut Vetter erörtert das Konzept: Das Demenzdorf ist nicht nur dem Namen nach ein Dorf. Es besteht aus mehreren Wohnhäusern, in denen jeweils zwei Wohngemeinschaften mit je sechs bis acht Bewohnerinnen und Bewohnern mit einer Pflegeperson zusammenleben. Die Wohngruppen werden nach gemeinsamen Interessen und ähnlichen Lebensstilen zusammengestellt: «Die Menschen sollen sich möglichst so fühlen wie in ihrem früheren Daheim.»
Im Dorf sind ausserdem ein Einkaufsladen sowie mehrere Aktivierungsorte geplant. In einer ersten Etappe soll Platz für 120 Betten entstehen, im Endausbau sieht das Konzept 200 Pflegeplätze vor, sagt der Kommunikationsexperte und Arlesheimer Gemeinderat. Rund 250 Mitarbeitende wären erforderlich, um den Vollbetrieb sicherzustellen.
Lebensqualität verbessern
Erfahrungen von solchen Einrichtungen im Ausland zeigten, dass sich die Lebensqualität der Demenz-Betroffenen erhöht und stabilisiert, so Vetter. Dies dank einem höheren Mass an Bewegung, dank dem Zusammenleben und Aktivierungsprogrammen. Laut neuesten Erkenntnissen reduziere sich zudem der Bedarf an Physiotherapie und Medikamenten.
Das weltweit erste Demenzdorf entstand im Jahr 2009 in der Nähe von Amsterdam, weitere wurden etwa in Kanada oder Frankreich realisiert. In der Schweiz gibt es bisher zwei solche Einrichtungen: das «Juradorf» in Wiedlisbach (SO) mit rund 130 Plätzen, davon gut 60 in acht Wohngemeinschaften, und den «Lindenpark» in Balsthal mit zwölf Wohngruppen für je sechs bis sieben Personen. Das Demenzdorf Nordwestschweiz in Frenkendorf soll laut Vetter auf der Basis neuester Erkenntnisse realisiert, wissenschaftlich begleitet und damit das «modernste Demenzdorf der Welt» werden.
Entstehen soll das Dorf ausserhalb des Siedlungsgebiets, am Bienenberg, dem Standort des heutigen Pflegeheims «dahay» der Stiftung Eben Ezer, die auch die Initiative für das Projekt ergriffen hat. Der Betrieb des «dahay» mit heute 59 Betten und 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern soll zugunsten des Demenzdorfs eingestellt, das ältere der bestehenden Gebäude abgerissen und das neuere umgenutzt werden, wie Vetter weiter ausführt. Das Investitionsvolumen beziffert er auf 90 Millionen Franken für den Vollausbau. Die Investitionskosten pro Bett sind laut Vetter im Demenzdorf mit 400 000 Franken tiefer als die 550 000 Franken in einer herkömmlichen Demenzabteilung. Mit einem Vergleich der Pflegekosten will er sich nicht auf die Äste hinaus wagen: «Man geht aber davon aus, dass Spezialisierungen und Zentralisierung eine kostendämpfende Wirkung haben können.»
Stiftungen und Mäzene
Das Vorhaben ist ambitioniert und es gilt, noch manche Hürde zu nehmen. Angefangen bei der Finanzierung, bei der man auf Stiftungen und Mäzene setzt. Erste Gespräche seien geführt, die Ergebnisse beurteilt er als «verhalten positiv». Gleichzeitig wird nun die Planung vorangetrieben. Aus einem Varianzverfahren, bei dem sich die Architekten während der Planung mit dem Auftraggeber im Austausch befinden, soll ein konkretes Bauprojekt hervorgehen.
Das Vorhaben benötigt nicht zuletzt auch den Segen der Frenkendörfer Bevölkerung. Der Gemeinderat unterstützt die Stossrichtung des Projekts, wie er in seinem Mitteilungsblatt schreibt. Den Standort beurteilt er als «anspruchsvoll». Aufgrund der exponierten Lage ausserhalb des Siedlungsgebiets und der anspruchsvollen Verkehrssituation – die Zufahrt erfolgt durch ein Wohnquartier – messe er einer sorgfältigen Planung mit wirksamen Begleitmassnahmen grosse Bedeutung bei. Besonderes Augenmerk sei auf die Verkehrserschliessung zu legen, wobei die zusätzliche Verkehrsbelastung möglichst gering zu halten sei. Dies ist auch ein Anliegen der Initianten. Daher möchten sie beim Demenzdorf eine Bushaltestelle einrichten.
Gemäss Hartmut Vetter sind Gemeinde, Kanton und alle wichtigen Institutionen der Alterspflege über das Vorhaben im Bild und sie würden es unterstützen.
«Der Kanton Baselland unterstützt das Projekt nicht finanziell», stellt die Baselbieter Volkswirtschafts- und Gesundheitsdirektion (VGD) auf Anfrage der «Volksstimme» klar. Das sei Sache der Trägerschaft. Die VGD stehe dem Vorhaben interessiert gegenüber. Doch sei die Versorgungsplanung betreffend Demenz Aufgabe der Versorgungsregionen und Gemeinden. Daher müssten in erster Linie die Gemeinde Frenkendorf, die Altersund Pflegeregion Liestal mit ihren Gemeinden sowie allenfalls weitere Versorgungsregionen das Projekt wohlwollend aufnehmen.

