«Ich will unter 30 Stunden laufen»
20.08.2026 Sport, Weitere SportartenLars Gysin steht vor prestigeträchtigem Trailrennen
Der 25-jährige Ormalinger Lars Gysin startet kommende Woche auf der Königsdistanz des Ultratrail du Mont-Blanc, der als eines der bedeutendsten Rennen im Trailrunning gilt. Auf den Oberbaselbieter warten 174 Kilometer und knapp 10 000 ...
Lars Gysin steht vor prestigeträchtigem Trailrennen
Der 25-jährige Ormalinger Lars Gysin startet kommende Woche auf der Königsdistanz des Ultratrail du Mont-Blanc, der als eines der bedeutendsten Rennen im Trailrunning gilt. Auf den Oberbaselbieter warten 174 Kilometer und knapp 10 000 Höhenmeter.
Timo Wüthrich
«Es ist das Durchbeissen, das mich am Ultralaufen so fasziniert», sagt Lars Gysin, als die «Volksstimme» ihn gerade in der Lücke zwischen Feierabend und Training telefonisch erreicht. Der 25-Jährige zählt zu den profiliertesten Trailrunnern im Oberbaselbiet. Für ihn gilt: je länger die Distanz, desto besser.
Trotz seines für diese Sportart noch jungen Alters hat der Ormalinger bereits sechs Rennen über mehr als 100 Kilometer absolviert. Wird der «Marathon des Sables» hinzugerechnet, ist es sogar noch eines mehr. Bei diesem Etappenrennen durch die marokkanische Wüste gelang dem Oberbaselbieter im vergangenen Frühling ein Achtungserfolg: Unter mehr als 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern lief er als bester Schweizer auf den hervorragenden 17. Schlussrang.
Am 28. August um 17.45 Uhr fällt für Gysin ein weiterer Startschuss zu einem Ultratrail: zum Ultratrail du Mont-Blanc (UTMB). Bei der Hauptdistanz, offiziell 100 Meilen, aber mit 174 Kilometern eigentlich noch mehr, gilt es für die Teilnehmenden, die Strecke unter dem Zeitlimit von 46 Stunden und 45 Minuten zu bewältigen.
Woher kommt die Begeisterung für etwas, das viele pauschal als Verrücktheit abstempeln? Lars Gysin schmunzelt: «Meine ersten sportlichen Schritte machte ich als Bub im Schwingkeller; später spielte ich in Gelterkinden Fussball. Über den Turnverein Hemmiken kam ich schliesslich zum Laufen.» Lange ging es nicht, bis er sich an Grosses wagte: «2024 absolvierte ich bei den 100 Kilometern von Biel meinen ersten Ultramarathon.» Das Rennen sei gut gelaufen – trotz falschem Schuhwerk und Schmerzen am Fussgelenk habe ihn die Faszination fürs Ultralaufen seither nicht mehr losgelassen.
Laufen nach körperlicher Arbeit
Drei Monate nach seinem Debüt in Biel folgte ein weiterer Ultramarathon, diesmal auf den Trails im Berner Oberland. «Bei diesem Rennen wurde meine Faszination fürs Trailrunning richtig entfacht», erklärt der 25-Jährige. «Laufend können unglaublich schöne Landschaften entdeckt werden. Zudem ist der Umgang unter den Läufern viel mehr von einem Miteinander geprägt als in anderen Disziplinen.»
Im vergangenen Jahr legte der Ormalinger dann richtig los: Er absolvierte gleich vier Läufe über der 100-Kilometer-Marke. Alle vier Rennen sind Teil der internationalen «UTMB World Series», über die sich die Teilnehmenden für den namensgebenden Saisonhöhepunkt in den französischen Alpen qualifizieren können.
Im Winter bekam der Oberbaselbieter einen Startplatz für die 100-Meilen-Distanz am UTMB zugesprochen. Für den Ausdauersportler ist das Rennen der vorläufige Höhepunkt seiner Karriere: «Der UTMB ist der grösste Traillauf der Welt und eng mit der Entstehung der Sportart verknüpft. Fast jeder Trailrunner träumt davon, einmal in Chamonix an der Startlinie zu stehen.» Trotz der Vorfreude verlief die Vorbereitung nicht ganz nach Wunsch: Aufgrund seines fordernden Berufsalltags konnte der 25-Jährige nicht so viele Trainingskilometer absolvieren wie erhofft – insbesondere die langen Läufe fielen oft aus.
Gysin arbeitet als Landmaschinenmechaniker; zudem hilft er auf dem Hof seiner Eltern aus. Die Doppel- oder Dreifachbelastung fordert ihren Tribut: «Gerade im Sommer gibt es im Betrieb wie auch auf dem Hof viel zu tun. Oft arbeite ich sechs Tage die Woche und habe selten vor 17 Uhr Feierabend. Nach der körperlichen Arbeit fehlt abends manchmal schlicht die Kraft und auch die Lust, sich nochmals durch ein langes Training zu quälen», gewährt Gysin Einblick. Sorgen macht sich der Oberbaselbieter wegen der fehlenden Trainingskilometer aber nicht: Bei seinen bisherigen Ultramarathons seien es meist andere Hürden gewesen, die ihn herausforderten – allen voran die Ernährung.
Übelkeit und Krämpfe
«Bei Läufen, die länger als 20 Stunden dauern, ist die richtige Verpflegung der Schlüssel. Man gerät fast zwangsläufig in ein massives Kaloriendefizit», erklärt der Ausdauersportler. Bisher haben ihn bei jedem seiner Ultratrails Übelkeit und Krämpfe geplagt. Wie wichtig schnelles Anpassen ist, bewies der Ormalinger beim «Mallorca Trail»: Auf dem letzten Streckenabschnitt brachte er nur noch Wasser und Mandarinen herunter – gegen Cola oder andere feste Speisen habe sein Körper rebelliert. Trotzdem beendete er das 138 Kilometer lange Rennen noch auf dem 11. Platz.
Neben der Ernährung erwartet den Läufer vor seinem bisher grössten Rennen eine weitere Unbekannte: der Schlafmangel. «Beim UTMB strebe ich eine Zeit von unter 30 Stunden an. Ich rechne damit, dass ich im Verlauf des Rennens einen kurzen Powernap einlegen werde; am ehesten wohl in der zweiten Rennhälfte», erklärt der 25-Jährige. Mit dieser gezielten Mini-Pause will er der mentalen Erschöpfung entgegenwirken, die erfahrungsgemäss mit dem Anbruch der zweiten Nacht aufzieht. «Doch bevor ich mir darüber noch den Kopf zerbreche, gehe ich jetzt laufen», sagt Gysin und beendet das Telefonat.
Um den Mont Blanc
tw. Der «Ultratrail du Mont-Blanc» (UTMB) gilt als einer der prestigeträchtigsten Wettkämpfe in der Welt des Trailrunnings. Am UTMB wird auf verschiedenen Distanzen gelaufen, als Königsdisziplin wird das 100-Meilen-Rennen angesehen, das am 28. August ansteht. Die Strecke folgt im Wesentlichen dem Fernwanderweg der «Tour du Mont-Blanc», der das gleichnamige Bergmassiv umrundet. Auf die Tausenden Teilnehmenden warten 174 Kilometer und knapp 10 000 Höhenmeter. Die Eliteläufer brauchen für die gesamte Route unter 20 Stunden; das Zeitlimit liegt bei 46 Stunden und 45 Minuten.



