«Ich tauche gern ab in andere Welten»
22.10.2026 OltingenDieses Wochenende findet ein Erzähl-Festival statt – mit dabei ist Denise Racine
Dieses Wochenende findet in Oltingen die Premiere des Erzählfestivals «fabelhaft!» statt. Treibende Kraft hinter diesem Anlass ist unter anderem die Baslerin Denise Racine. Ein ...
Dieses Wochenende findet ein Erzähl-Festival statt – mit dabei ist Denise Racine
Dieses Wochenende findet in Oltingen die Premiere des Erzählfestivals «fabelhaft!» statt. Treibende Kraft hinter diesem Anlass ist unter anderem die Baslerin Denise Racine. Ein Porträt.
Robert Bösiger
Lange habe sie nicht gewusst, welchen Beruf sie lernen und ausüben soll, sagt Denise Racine (67) bei unserem Besuch in Basel. Eine unbeschwerte und spannende Kindheit mit vielen Freundschaften habe sie erlebt, erzählt sie bei Kaffee und Mineralwasser auf dem Dachboden ihres Hauses. Dann kam der Umzug mit den Eltern nach Binningen. Auch der Besuch des Gymnasiums mit Fachmaturität Musik bringt keine Klarheit.
Nur so viel: «Ich wollte raus aus Basel, die Welt entdecken!» In der lokalen Zeitung entdeckt sie ein Inserat, in dem ein Schauspieler-Ehepaar in Paris ein Au-pair-Mädchen sucht. Sie wird engagiert, um sich um den einjährigen Sohn zu kümmern. Das Ehepaar ist Teil der Schauspieltruppe um den britischen Theater- und Filmregisseur Peter Brook (1925 – 2022), der als wichtigster Vertreter des zeitgenössischen europäischen Theaters gilt. Sofort wird sie in den Bann der Theaterwelt gezogen, wie sich Denise Racine erinnert. Es ist sozusagen Liebe auf den ersten Blick, als sie zum ersten Mal das 1876 eröffnete Pariser «Théâtre des Bouffes du Nord» mit seinen 530 Sitzplätzen betritt. Racine: «Diese Stimmung, dieses ganz eigene Klima …!»
Peter Brook ist damals Leiter des Theaters. Doch Brook bereist auch die Welt. Au-pair Racine begleitet ihre Gastfamilie, sorgt für den Nachwuchs und gewinnt so Einblick ins faszinierende Leben der Theaterleute. «Wir waren in Australien, in New York, in Frankreich – überall.» Nach dem Aupair-Jahr bleibt Racine ab 1980 für fast drei Jahre in der «Stadt der Liebe» und belegt Kurse bei Schauspiellehrern und Theaterpädagogen wie Jacques Lecoq (1921 – 1999), Philippe Gaulier (1943 – 2026) und Monika Pagnieux (1927 – 2023).
Zurück in Basel («Ich musste Geld verdienen»), findet sie eine Stelle in der Pädagogischen Dokumentationsstelle, heute Pädagogisches Zentrum. Sie lässt sich gleichzeitig als Gemeindebibliothekarin ausbilden und nimmt Gesangsstunden. Und sie tingelt gelegentlich mit einer hiesigen Theatercompanie durch die Lande.
Freude am Erzählen
Denise Racine lernt ihren heutigen Mann Klemens Dollinger kennen, wird Mutter zweier Söhne. Auf dem «Basler Jugendbücherschiff» an der Schifflände, das seit 1981 Generationen von Schulkindern mit der Bücherwelt vertraut macht und ihnen den Zugang zum Lesen vermittelt, realisiert Racine: «Ich habe eine Begabung, Geschichten zu erzählen und diese spielerisch zu vermitteln.» So konzentriert sie sich fortan auf die Kunstform des Erzählens. Vor bald 20 Jahren lässt sie sich bei der Mutabor-Stiftung für Märchen und Erzählkultur im emmentalischen Trachselwald als Märchenerzählerin ausbilden. Seither ist sie als professionelle Erzählerin unterwegs.
«Erzählen wollte ich schon immer», sagt Racine. Schon mit vier Jahren habe sie den Zahnarzt «Doktor Plombeisen vom Stockhornliechtli» erfunden. Später habe sie dem kleinen Bruder Geschichten erzählt, später als Lehrerin den Schülern und selbstverständlich den Söhnen.
Mittlerweile verknüpft sie das Geschichtenerzählen mit Elementen der Theaterwelt. Mit ihrem ersten Einfraustück von 2006 habe das Solotheater seine heutige Gestalt bekommen. Seither sind weitere Stücke entstanden. Racine tritt mit ihren Programmen einerseits in Schulen, Bibliotheken und Kleintheatern auf, andererseits auch an Privatanlässen. Bei den Solo-Programmen wird sie häufig begleitet durch ihren Mann, der den akustischen Rahmen dazu beisteuert. Er macht Geräusche und Sounds und unterstützt mit Instrumenten die Erzähl-Performance seiner Frau.
Wie geht sie vor, um einen Erzählabend zu bestreiten? Racine: «Meine Theaterstücke basieren auf universellen Stoffen aus Märchen, Mythen und Sagen. Ich schreibe sie um, schreibe sie mir auf den Leib und bringe sie erzählend, spielend und singend auf die Bühne. Über die Dialoge zeigen die Figuren ihre Gefühle, ihre Befindlichkeiten, ermöglichen den Zuschauenden Identifikation und ziehen sie in die Handlung hinein. Ich bin glücklich, wenn die Kinder still werden, die Erwachsenen gespannt lauschen, wenn wir auf die Reise gehen, in vergangene Zeiten, in ferne Länder.»
Wer nun meint, das Erzählen sei einfach, liege falsch, sagt Racine. Man müsse sich verbinden mit der Geschichte. Beim Formulieren müsse man darauf achten, dass das Erzählen im Einklang stehe mit dem Klangteppich oder der Musik. Zudem: Das Erzählen geschieht «freestyle», also ohne Skript oder Spickzettel. Dies, so Racine, sei nötig, um im Kontakt zu stehen mit dem Publikum. Die Geschichten sucht sich Racine selber aus. Dazu kann sie auf eine umfangreiche Bibliothek an Märchen und Geschichten zu Hause zurückgreifen. Sie finde meistens eine passende Geschichte, selbst wenn sie bei einem Auftrag stichwortartige Vorgaben erhalte.
Doch weshalb erzählt Denise Racine überhaupt Geschichten? «Es ist meine Art, mich mit den Dingen zu beschäftigen, die mich bewegen. Ich tauche gern in andere Welten ab – und noch schöner finde ich es, wenn es mir gelingt, andere in dieses Reich der inneren Vorstellung mitzunehmen.»
Zusammen mit der Basler Schauspielerin Michèle M. Salmony hat sie unter dem Namen «fabelhaft!» ein Erzählfestival auf die Beine gestellt, das dieses Wochenende über die Bühne geht (siehe Kasten). Ein Ziel des Festivals ist es, das Erzählen als weitere Kunstform neben Theater und Musik zu festigen.
Das Erzählfestival
rob.
Vom 23. bis 25. Oktober verwandelt sich die Obere Mühle in Oltingen für drei Tage in einen Ort voller Geschichten. Gut 20 professionelle Erzählerinnen und Erzähler aus der ganzen Schweiz laden zum «fabelhaft!»-Erzählfestival der Region Basel ein. Sie erzählen Märchen, Sagen, Mythen und Geschichten. Am Freitagabend und Samstag richtet sich das Programm vor allem an Erwachsene. Am Nachmittag erzählen Künstlerinnen und Künstler aus dem ganzen Land, am Abend solche aus der Region Basel – in zwei Blöcken kann man fünf Stunden Geschichten lauschen. Der Sonntag gehört den Familien und Kindern. Angesagt sind Geschichten, Basteln, Spielen. Ein weiterer Höhepunkt erwartet die Besucherinnen und Besucher in der mittelalterlichen Kirche des Dorfs, wo Schöpfungsmärchen den Gottesdienst bereichern. Organisiert wird der Anlass von Michèle M. Salmony Di Stefano und Denise Racine. Dank ehrenamtlichem Engagement sowie Unterstützung durch Sponsoren und Swisslos-Fonds bleibt der Eintritt für das Festival für alle frei. Auch für das leibliche Wohl ist gesorgt: In der Oberen Mühle werden Suppe und Brot, Kaffee und hausgemachte Kuchen angeboten. Wer möchte, kann sich zudem im gegenüberliegenden Restaurant «Ochsen» verwöhnen lassen.

