«Ich möchte, dass man uns hört»
22.10.2026 WaldenburgDer 22. Oktober ist der Welttag des Stotterns
Florian Furler ist Gemeinderat in Waldenburg und stottert. Anlässlich des Welttags des Stotterns von heute Donnerstag spricht er darüber, wie sich sein Umgang mit dem Stottern verändert hat und was ein gutes Gespräch ...
Der 22. Oktober ist der Welttag des Stotterns
Florian Furler ist Gemeinderat in Waldenburg und stottert. Anlässlich des Welttags des Stotterns von heute Donnerstag spricht er darüber, wie sich sein Umgang mit dem Stottern verändert hat und was ein gutes Gespräch für ihn ausmacht.
Wendy Maltet
Vor zwölf Jahren kam Florian Furler nach Waldenburg. «Die magische Ausstrahlung hat mich angezogen», sagt er. Es sei die Mischung aus Natur, Wäldern und Felsen sowie der Industriegeschichte, die den Ort für ihn besonders mache. Seit 2024 engagiert sich Furler als Gemeinderat für das «Stedtli». Die angespannte Finanzlage der Gemeinde beschäftigte ihn, und er wollte sich mit eigenen Überlegungen und Analysen in die Diskussion einbringen.
Der Wahlkampf stellte ihn allerdings vor eine besondere Herausforderung. Das Reden vor Publikum gehörte lange zu den Situationen, die Furler wegen seines Stotterns am meisten Mühe bereiteten. Deshalb führte er seinen Wahlkampf schriftlich: mit einem Blog, Analysen und einem Flyer. Dass er später als Gemeinderat vor Menschen sprechen und politische Geschäfte präsentieren würde, war für ihn ein wichtiger Schritt.
Furler stottert, seit er sprechen gelernt hat. Während es in der frühen Kindheit noch kaum eine Rolle spielte, wurde es ab der sechsten Klasse schwieriger. Vergleiche und Hänseleien führten dazu, dass er sich zurückzog. Er vermied Referate, hielt sich zurück und fürchtete Situationen, in denen er sprechen musste.
Mit der Zeit veränderte sich sein Blick darauf. Durch Übung und die Erfahrung, schwierige Situationen zu bewältigen, verlor das Stottern für ihn an Bedeutung. «Ich kann ja eigentlich reden», habe er irgendwann für sich erkannt. Ganz verschwunden sei es nicht. Beim Telefonieren, bei Präsentationen oder beim Bestellen in einer Bäckerei könne es weiterhin auftreten. Doch heute vermeide er solche Situationen nicht mehr. «Manchmal stottert man eben», sagt er. Entscheidend sei, dass man sich dadurch nicht mehr von seinen Vorhaben abhalten lasse.
Fast 92 000 Betroffene
Heute spricht Furler offen über das Stottern. Er möchte erreichen, dass es im Alltag stärker wahrgenommen wird und andere Betroffene sehen, dass sie nicht allein sind. Im Austausch mit stotternden Menschen und deren Familien habe er festgestellt, wie wichtig Vorbilder und Gelegenheiten zum Austausch seien. «Ich höre viele, die fragen: Wo stecken die denn alle?» Dabei würde rund 1 Prozent der Bevölkerung, also fast 92 000 Menschen in der Schweiz, stottern. Trotzdem werde das Thema im Alltag vergleichsweise wenig wahrgenommen. Vielleicht, vermutet Furler, seien viele Betroffene eher ruhige Menschen. Er möchte deshalb sensibilisieren und dazu ermutigen, auf Menschen zuzugehen, die stottern. Wer Fragen habe, solle diese direkt stellen. Es helfe, das Thema anzusprechen, statt aus Unsicherheit darüber hinwegzusehen.
Persönliche Gespräche sind ihm heute sehr wichtig. Sie ermöglichen es, das Gegenüber besser einzuschätzen und wirklich aufeinander einzugehen. In sozialen Medien hingegen sei er weniger unterwegs. Digitale Kommunikation könne für Menschen, die beim Sprechen unsicher seien, zwar eine Erleichterung sein, etwa wenn sie telefonisch ein Hotelzimmer buchen müssten. Langfristig sei das jedoch ein zweischneidiges Phänomen. «Ohne Konfrontation hätte ich die Angst nie verloren», sagt Furler. Für ihn war es essenziell, schwierige Situationen zu üben, anstatt ihnen dauerhaft auszuweichen.
Sein Rat an Menschen, die selbst stottern und sich dadurch eingeschränkt fühlen, ist simpel: «Einfach machen.» Die Barriere liege häufig im eigenen Kopf. Auch an das Gegenüber hat er eine klare Bitte: Blickkontakt halten, zuhören und nicht versuchen, Sätze zu beenden oder Wörter zu ergänzen.
Ein gutes Gespräch ist für Florian Furler eines, bei dem alle Beteiligten zu Wort kommen und sagen können, was sie sagen möchten. Es darf humorvoll sein und soll Raum zum Nachdenken lassen. Menschen, die stottern, neigten manchmal dazu, sich kurz zu halten, so der Waldenburger. Deshalb sei es wichtig, die eigene Redezeit einzufordern und andere nicht für sich sprechen zu lassen. Für ihn könne das konkret bedeuten, zu sagen: «Nein, ich möchte meinen Satz selber beenden.» Dabei sieht Furler auch bei sich selbst Übungsbedarf. Er sei ebenfalls ungeduldig, wenn jemand langsam spreche, sagt er und lacht. Auch er müsse lernen, geduldig zuzuhören.
Selbstversuch für Mutige
Zum Welttag des Stotterns, der jeweils am 22. Oktober stattfindet, wünscht sich Furler, dass die Bevölkerung auf das Thema aufmerksam wird, darüber gesprochen wird und Betroffene wissen, wo sie Hilfe und Austausch finden. Eine Anlaufstelle ist die Vereinigung für Stotternde und Angehörige, kurz Versta (siehe am Schluss dieses Artikels).
Für besonders Mutige hat Florian Furler noch eine ungewöhnliche Idee: «Versucht einmal extra zu stottern und ruft ein Hotel an, um euch nach den Zimmern zu erkundigen.» So lasse sich vielleicht erahnen, wie sich eine solche Situation für Betroffene anfühlen könne. Vor allem aber möchte Furler, dass Menschen, die stottern, wahrgenommen werden und ihre Sätze selbst zu Ende sprechen können.
Weitere Informationen, Neuigkeiten und Hilfsangebote zum Thema Stottern finden sich auf www.stottern-schweiz.ch

