Ich mache mir Sorgen

  27.08.2026 Politik

Thomas Noack, Landrat SP und Gemeinderat Bubendorf

Diesen Sommer wurde aus einer abstrakten Klimadiskussion plötzlich eine sehr konkrete Betroffenheit. Die ausgetrockneten Wiesen. Bäume, die schon im Juli ihre Blätter fallen liessen. Bäche, die kaum mehr Wasser führten. Und Tage, an denen man nur noch den Schatten suchte.

Ich bin in Binningen aufgewachsen. Am 30. Juli wurden dort 39,7 Grad gemessen – so heiss war es noch nie seit Beginn der Messungen. Die Trockenheit ist vor unserer Haustür für uns alle sichtbar. Die Felder und Wiesen sind braun, die Bäche führen kaum noch Wasser, und in einzelnen Gemeinden wird bereits das Trinkwasser knapp.

Der nächste Sommer könnte kühl und regnerisch sein. Doch die Häufung heisser Sommer entspricht dem, was die Klimaforschung seit Jahren ankündigt: Hitzewellen wie auch Starkniederschläge werden häufiger und intensiver. Und wir wissen längst, was zu tun wäre.

Wir müssen weniger Öl und Gas verbrennen, Häuser erneuerbar heizen und kühlen, Dächer für Solarstrom nutzen und Verbrenner durch Elektroautos ersetzen. Alles erfunden, erprobt und längst markttauglich. Gleichzeitig müssen wir unsere Dörfer und Städte klima- und vor allem hitzetauglich machen: mehr grosse Bäume, Schatten, weniger Asphalt, entsiegelte Bö- den, begrünte Plätze und Strassenräume. Häuser, die sich im Sommer nicht unerträglich aufheizen. Kühle Orte für Menschen, die zu Hause keinen solchen haben. Vieles davon hätten wir längst umsetzen müssen. Stattdessen haben wir Zweifel gesät, aufgeschoben, zerredet oder wollten es uns nicht leisten.

Diesen Sommer erleben wir den Klimawandel konkret – in Stuben, Büros und Schulzimmern. Doch betroffen sind nicht alle gleich. Wer ein eigenes Haus besitzt, kann Storen montieren, sanieren, einen Baum pflanzen oder eine Klimaanlage installieren. Wer es sich leisten kann, fährt wie ich für ein paar Tage in die Berge.

Aber was macht die Rentnerin in einer schlecht isolierten Dachwohnung? Die Familie mit kleinen Kindern und kleinem Einkommen an einer dicht bebauten Strasse? Der Mieter, der weder Gebäude noch Umgebung verändern kann? Menschen mit wenig Geld und ungünstiger Wohnsituation zählen zu den besonders gefährdeten Gruppen. Heisst: Klimapolitik ist nicht nur Umweltpolitik. Sie ist Sozialpolitik. Wohlhabende können sich schüt- zen oder vor der Hitze fliehen. Menschen mit wenig Geld viel weniger.

Können – oder wollen – wir es uns leisten, notwendige Investitionen weiter aufzuschieben? Bäume, Schatten, klimataugliche Schulen und Altersheime, erneuerbare Energien und ein guter öffentlicher Verkehr kosten Geld. Aber auch Hitze, Trockenheit, Waldschäden, Ernteausfälle, Gesundheitsprobleme und Notmassnahmen kosten Geld. Während wir über die Kosten des Handelns diskutieren, steigen die Kosten des Nichthandelns.

Ja, ich mache mir Sorgen. Aber ich bin nicht hoffnungslos. Wir wissen, was zu tun ist. Massnahmen und Ideen für lebenswerte, klimaangepasste Gemeinden sind vorhanden. Für mich gehört dazu vor allem eines: dass am Ende nicht diejenigen die höchste Rechnung bezahlen, die am wenigsten dazu beigetragen haben und am meisten betroffen sind.


In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.


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