«Ich fühlte mich nie als Dorfkönig»
30.06.2026 DiegtenRuedi Ritter war gerne Gemeindepräsident – nun übernimmt Niklaus Häfelfinger
20 Jahre lang gehörte Ruedi Ritter dem Diegter Gemeinderat an, 14 davon als Präsident. Nun freut er sich, das Amt seinem Wunschnachfolger übergeben zu können.
...Ruedi Ritter war gerne Gemeindepräsident – nun übernimmt Niklaus Häfelfinger
20 Jahre lang gehörte Ruedi Ritter dem Diegter Gemeinderat an, 14 davon als Präsident. Nun freut er sich, das Amt seinem Wunschnachfolger übergeben zu können.
Elmar Gächter
Es wird viel gelacht an diesem Junimorgen in Diegtens Gemeindehaus. Der Protagonist berichtet mit sichtlicher Freude vom Besuch seines Sohns und dessen Familie mit zwei Enkelkindern, die in den USA leben und die er schon längere Zeit nicht gesehen hatte. Man spürt den Stolz des Vaters über die berufliche Karriere seines Filius, die ihn an die Spitze der amerikanischen Division des bekanntesten Schienenfahrzeugherstellers der Schweiz geführt hat.
Nach und nach wendet sich das Gespräch jener Zeit zu, über die Ruedi Ritter einiges zu erzählen weiss. Seit 2006 gehört er dem Gemeinderat der 1600-Seelen-Gemeinde an, 14 Jahre als Präsident an vorderster Stelle. Auf die Frage, ob er sich wie ein Dorfkönig gefühlt habe, antwortet er ohne Zögern: «Nein, so habe ich mich nie gefühlt.»
Politik war am Mittagstisch seiner Eltern, die im Dorf einen Landwirtschaftsbetrieb führten, kein Thema. «Mich hat sie jedoch schon in jungen Jahren interessiert. Mir war klar: Ich lebe hier und möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben», sagt Ritter zurückblickend. Als Oberturner und zehn Jahre lang als Präsident des Turnvereins engagierte er sich früh im Vereinsleben und übernahm Verantwortung. Leiten und Führen bereiteten ihm Freude. Den zahlreichen Ermunterungen, für den Gemeinderat zu kandidieren, folgte er jedoch erst, als seine drei Kinder dem Schulalter entwachsen waren.
Zusammenhalt fördern
Die erfolgreiche Wahl markierte den Auftakt zu einer Tätigkeit, die ihm zusagte. «Mir war bewusst, dass es vier Jahre braucht, um als Gemeinderat richtig Fuss zu fassen, und dass nach spätestens 12 Jahren der Zeitpunkt gekommen ist, aufzuhören.» Doch es kam anders. Im Jahr 2012 wählte ihn die Bevölkerung zum Gemeindepräsidenten. «Ich war als Gemeinderat zufrieden und strebte dieses Amt nicht an, auch weil mir bewusst war, dass diese Funktion eine Nummer grösser und mit einem deutlich höheren Zeitaufwand verbunden ist.» Dass eine seiner beiden Töchter in den Landwirtschaftsbetrieb eingestiegen war, erleichterte es ihm, die zusätzliche Zeit für das öffentliche Amt aufzubringen.
Die nachhaltige Entwicklung der Gemeinde und die Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts bezeichnet Ruedi Ritter als seine wichtigsten Ziele. Gerade für Letzteres sei mit den rund 30 Vereinen eine hervorragende Grundlage vorhanden. Dass die Einwohnerzahl seit längerer Zeit weitgehend konstant bleibt, empfindet er nicht als Nachteil. «Bei stark wachsenden Gemeinden im Oberbaselbiet sehen wir, dass dies erhebliche Kosten verursacht, unter anderem für den Ausbau der Infrastruktur.»
Diegten sei verkehrsmässig zwar gut erschlossen, politisch jedoch eher eine Schlafgemeinde. Die Gemeindeversammlungen lockten meist nur wenige Einwohnerinnen und Einwohner in den Gemeindesaal. Fragen würden selten gestellt und die meisten Anträge ohne grosse Diskussionen gutgeheissen. «Woran das liegt, weiss ich nicht», sagt Ritter.
Nach dem Ringen in die Beiz
Die Zusammenarbeit im Gemeinderat beschreibt er als kollegial. Besonders wichtig war ihm als Parteilosem, dass Parteipolitik im Gremium keine Rolle spielte. «Selbstverständlich führten wir gelegentlich auch harte Diskussionen mit erhöhtem Lärmpegel. Nach jeder Sitzung trafen wir uns jedoch zu einem Schlummertrunk in einer der wenigen Beizen im Dorf – und dort war Gemeindepolitik kein Thema mehr», betont er. Diese Tradition sei wichtig, oder wie es ein Turnerkollege einmal treffend formuliert habe: «Das Turnen macht 50 Prozent aus, das Zusammensein danach die anderen 50 Prozent.»
Ruedi Ritter ist jemand, der wegen seiner Überzeugungen auch gegen den Strom schwimmt. Als Beispiel nennt er das Projekt der Doppelturnhalle, das er als Einziger im Gemeinderat befürwortete und an der Gemeindeversammlung mit einem Ja unterstützte. «Der Kredit wurde zwar abgelehnt, aber mir war wichtig, auch in der Öffentlichkeit konsequent zu meiner Meinung zu stehen. Sonst wäre ich unglaubwürdig geworden.» Mit einer solchen Haltung mache man sich nicht nur Freunde. Die Bevölkerung habe ihm dies jedoch nie nachgetragen und er sei stets mit einem guten Resultat wiedergewählt worden. «Mir fällt auch kein Zacken aus der Krone, wenn der Gemeinderat eine juristische Niederlage erleidet, wie kürzlich beim Entscheid über die Tiefgarage. Wichtig ist mir, dass der gesamte Gemeinderat überzeugt war, im öffentlichen Interesse richtig gehandelt zu haben.»
Der Stellenwert des Gemeindepräsidiums habe sich im Lauf der Jahre verändert. Immer häufiger würden die Behörden zur Zielscheibe von Kritik und für sämtliche Probleme verantwortlich gemacht. Ritter erwähnt den kürzlichen Unfall eines Kindergärtlers auf dem Fussgängerstreifen vor dem «Hirschen». «Obwohl uns die Kantonspolizei wenige Tage zuvor bestätigt hatte, dass der Fussgängerübergang am richtigen Ort liegt, wurden vonseiten der Elternschaft schwere Vorwürfe gegen den Gemeinderat erhoben.» Als speziell schöne Aufgabe bezeichnet Ritter Geburtstagsbesuche bei älteren Jubilarinnen und Jubilaren. «Dort merkt man noch, dass das Amt eines Gemeindepräsidenten geschätzt wird.»
Finanzen im Lot
Besonders freut Ruedi Ritter die gesunde Finanzlage seiner Gemeinde, auch wenn ihm gelegentlich vorgeworfen worden sei, zu sehr auf dem Geld zu sitzen. «Es sind schliesslich Steuergelder, die wir verwalten. Und die Kritiker wären die Ersten, die sich melden, wenn wir unseren tiefen Steuersatz von 56 Prozent erhöhen müssten.» Auch in seinem Landwirtschaftsbetrieb sei er stets ein Rechner gewesen. «Mein Primarlehrer sagte einmal zu mir: ‹Du darfst beim Kopfrechnen nicht mitmachen, du kennst das Resultat schon vorher.›» Gleichzeitig sei er offen für Innovationen und Fortschritt. So habe er als einer der ersten Landwirte in der Schweiz einen Melkroboter angeschafft. Auf jeden Fall sei die Gemeinde infrastrukturmässig gut aufgestellt. In den vergangenen Jahren konnte Diegten auch grössere Investitionen in diesem Bereich tätigen und sich damit für die Zukunft rüsten. Als Beispiel nennt Ritter den Bau der Aussensportanlagen und des Spielplatzes.
Auf die Frage nach der Selbstständigkeit der Gemeinde verweist Ritter auf die bereits bestehende Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden im Tal, etwa bei der Kreisschule, der Feuerwehr oder der Sozialhilfestelle. «Für Kooperationen sind wir stets offen. Eine Gemeindefusion ist für mich heute und morgen jedoch kein Thema. Hingegen sehe ich mögliche Synergien und Einsparungen im Finanzbereich, zumal Eptingen und Tenniken dasselbe IT-System nutzen wie wir.»
Was macht Ruedi Ritter mit seiner bald «unbegrenzten» Freizeit? «Sicher werde ich weiterhin meiner Tochter im Landwirtschaftsbetrieb zur Seite stehen. Zudem bin ich kein Ferientyp, sondern schätze vielmehr die Ausflüge mit ehemaligen Turnkollegen in der Region. Dabei wird mir immer wieder bewusst, welch schöne Landschaft wir direkt vor unserer Haustür haben.» Vorstellen könne er sich zudem ein soziales Engagement. Vielleicht sei auch bald wieder eine Reise nach Salt Lake City geplant, um Zeit mit den Enkelkindern zu verbringen.
RUEDI RITTER
emg. Ruedi Ritter, geboren 1957 und Bürger von Buus, wurde 2006 in den Gemeinderat und 2012 zum Gemeindepräsidenten von Diegten gewählt. Er führte viele Jahre seinen eigenen Landwirtschaftsbetrieb. Er ist Vater eines Sohns und von zwei Töchtern, von denen die ältere vor ein paar Jahren den Betrieb übernommen hat. Zudem ist er stolzer Grossvater von zwei Grosskindern.
«Vereine sind mir eine Herzensangelegenheit»
Herr Ritter, welcher ist der persönliche Höhepunkt Ihrer Amtszeit?
Ruedi Ritter: Dass wir die Finanzen im Griff haben, erfüllt mich mit einem gewissen Stolz. Für mich persönlich sind es aber vor allem die interessanten und spannenden Leute, die ich kennenlernen durfte. Dadurch konnte ich mein Netzwerk auf wertvolle Weise erweitern.
Gibt es Ziele, die Sie nicht erreicht haben?
Ich würde nicht von persönlichen Zielen sprechen. Vieles von dem, was mir vorschwebt, kann eine Gemeinde nicht allein lösen. Als ehemaliger Stiftungsrat des Alters- und Pflegeheims in Sissach wurde mir bewusst, wie stark die Kosten steigen. Wir müssen uns fragen, ob sämtliche Leistungen in der heutigen Form gerechtfertigt sind. Ich bin überzeugt, dass viele Bewohnerinnen und Bewohner mit weniger zufrieden wären. Zudem stört es mich, wenn Personen ihr Haus einer Institution vermachen und die Gemeinde später für die Kosten ihres Aufenthalts im Pflege- oder Altersheim aufkommen muss. Da stimmt etwas im System nicht.
Haben Sie einen Rat an Ihren Nachfolger?
Ich denke nicht, dass Niklaus Häfelfinger einen Rat von mir benötigt. Ich freue mich einfach, dass er gewählt worden ist, und ich wünsche ihm viel Erfolg in einem verantwortungsvollen Amt. Ich habe immer gesagt, dass ich dann zurücktrete, wenn sich eine geeignete Nachfolge findet. Nun ist dieser Zeitpunkt gekommen.
Was wünschen Sie Diegten für die Zukunft?
Für mich waren und sind die Vereine von zentraler Bedeutung. Vereinsleben ist Dorfleben – man kennt einander und pflegt den Zusammenhalt. Gerade die Zusammenarbeit in und zwischen den Vereinen leistet einen wichtigen Beitrag zu einer funktionierenden Gemeinschaft. Deshalb ist es mir ein grosses Anliegen, dass dies auch in Zukunft so bleibt.


