«Ich bin eine Wand»
07.05.2026 Sport, EishockeyTobias Fohrler – von Sissach in den deutschen Play-off-Final
Tobias Fohrler unterlag kürzlich mit den Adler Mannheim den Eisbären Berlin im Play-off-Final der deutschen Eishockey-Liga. Es war einer der Höhepunkte einer Karriere, die einst in Sissach ihren Anfang nahm ...
Tobias Fohrler – von Sissach in den deutschen Play-off-Final
Tobias Fohrler unterlag kürzlich mit den Adler Mannheim den Eisbären Berlin im Play-off-Final der deutschen Eishockey-Liga. Es war einer der Höhepunkte einer Karriere, die einst in Sissach ihren Anfang nahm – und noch längst nicht zu Ende ist.
Luana Güntert
Als Tobias Fohrler vor zwei Wochen ans Telefon ging, klang er konzentriert. Kein Wunder: Mit den Adlern Mannheim stand der 28-jährige Verteidiger vor dem Play-off-Final der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Es ist genau die Phase, auf die ein Team monatelang hinarbeitet. «Es ist eine besondere Zeit», sagte Fohrler, «wir haben die ganze Saison geackert, um jetzt hier zu sein.» Belohnt wurden die Adler für die Rackerei nicht: Gegen die Eisbären Berlin gingen die Mannheimer in der «Best of seven»- Serie am Ende mit 1:4 unter.
Insgesamt blickt Fohrler nüchtern auf seine Saison. «Relativ zufrieden», sagt er. «Ich spiele so wie immer.» Gegen Ende der Spielzeit habe die Konkurrenz im Kader nochmals zugenommen, Rotationen seien unausweichlich gewesen. «Bei Mannheim ist das keine Schande – der Verein ist extrem gut besetzt.»
Zwischen zwei Welten
Dass sich die «Volksstimme» für Fohrler interessiert, ist kein Zufall. Seine Mutter stammt aus Sissach und wuchs später in Gelterkinden auf. Für Fohrler selbst wurde die Schweiz früh zu einem wichtigen Bezugspunkt. Geboren und aufgewachsen ist er allerdings im deutschen Siegburg bei Köln. Doch die Weihnachtsferien verbrachte die Familie traditionell bei der Grossmutter in Gelterkinden. «Von Weihnachten bis Neujahr waren wir immer dort. Der Spengler Cup lief jedes Jahr im Fernseher, und wir gingen oft in Sissach aufs Eis.»
Ein Erlebnis blieb besonders hängen: Im Jahr 2005 besuchte die Familie das Eröffnungsspiel des EHC Zunzgen-Sissach auf der renovierten «Kunsti». «Ich war sofort Feuer und Flamme», erinnert sich Fohrler. «Nach dem Spiel durfte ich in die Kabine, und die Spieler haben mir einen Schläger geschenkt. Da war es um mich geschehen.» Zurück in Deutschland, habe er seine Eltern so lange bearbeitet, bis er selbst mit dem Eishockey beginnen durfte.
Sein Weg führte den heute 28-Jährigen früh aus dem Elternhaus. Bereits mit 12 Jahren wechselte Fohrler in den Nachwuchs der Adler Mannheim. «Heute frage ich mich manchmal, wie meine Eltern das zulassen konnten», sagt er und lacht. «Ich musste sie schon ziemlich überzeugen.» In Mannheim lebte er bei einer Gastfamilie – eine prägende Zeit: «Das hat mir viel abverlangt. Ich bin dort charakterlich stark gewachsen.»
In der U20 zog es Fohrler in die Schweiz, zunächst zum EV Zug. Dort gelang ihm der Sprung in den Profibereich, allerdings nicht ohne Rückschläge: Nach einem Trainerwechsel verlor er seinen Platz im Profiteam und spielte zwischenzeitlich für die Academy-Mannschaft in der zweithöchsten Liga. «Im Nachhinein war das wichtig. Ich bekam viel Spielpraxis», sagt Fohrler.
Es folgte 2019 ein Wechsel zum HC Ambrì-Piotta – und mit den Tessinern ein Moment, der für Fohrler fast etwas Märchenhaftes hat: der Sieg beim Spengler Cup 2022. «Dieser Wettbewerb war einer der Gründe, weshalb ich überhaupt mit Eishockey angefangen habe. Dass ich ihn dann selbst gewinnen durfte, war wie ein Kreis, der sich schliesst.» Ein weiterer Kreis schloss sich 2024 mit der Rückkehr nach Mannheim, zu jenem Club, bei dem einst alles ernsthaft begonnen hatte.
«Ich bin noch lange nicht fertig»
Mit rund 300 Spielen in der höchsten Schweizer Liga, 80 in der zweithöchsten sowie inzwischen rund 90 Partien in der DEL gehört Fohrler zu den erfahrenen Verteidigern. «Ich bin in einer Phase, in der ich sagen würde: ‹Das ist der Höhepunkt meiner Karriere›», schätzt er ein. «Aber ich bin noch lange nicht fertig.»
Seine Rolle auf dem Eis beschreibt er selbst mit einem Augenzwinkern: «Ich bin ein solider defensiver Verteidiger. Robust, körperbetont – ich versuche, ein einfaches, fehlerloses Spiel zu machen. Ich bin eine Wand», sagt er und lacht.
International lief Fohrler für Deutschland auf, etwa bei der WM 2024, als das Team den 6. Platz erreichte. Für die Weltmeisterschaft in der Schweiz, die am 15. Mai beginnt, wurde er jedoch nicht nominiert – eine Entscheidung, die ihn trifft. «Natürlich bin ich enttäuscht. Als Sportler will man immer an einer WM teilnehmen.» Dennoch ordnet er die Situation ein: «Die Konkurrenz ist riesig, der Trainer trifft die Entscheidung. Das muss man akzeptieren.» Abgeschlossen sei das Thema Nationalmannschaft für ihn keineswegs. «Mit 28 wäre das Quatsch. Ich sehe die Nichtnomination als Ansporn und hoffe, mich wieder zu empfehlen.»
Der Blick nach vorne
Dass er theoretisch auch für die Schweiz hätte spielen können – Fohrler besitzt beide Pässe – war für ihn nie wirklich ein Thema. «Ich habe in den deutschen Nachwuchsteams gespielt und dort viele Freundschaften aufgebaut. Das war für mich entscheidend.» Doch auch seine Jahre in der Schweiz hätten ihn geprägt, sagt Fohrler. «Diese respektvolle, zuvorkommende Mentalität – das nehme ich definitiv mit.»
Abseits des Eises setzt Fohrler ebenfalls auf Entwicklung. Er studiert Business und Management an einer Fernuniversität und steht kurz vor dem Abschluss. Den Ausgleich zum intensiven Eishockeyalltag findet er auf dem Velo: «Ich bin viel mit dem Mountainbike oder Rennrad unterwegs. Die Gegend um Mannheim und Heidelberg ist ideal dafür.»
Und die Zukunft? Der Traum von der NHL habe sich erledigt, sagt Fohrler offen: «Der Zug ist abgefahren.» Stattdessen fühlt er sich in Mannheim am richtigen Ort. «Ich bin super zufrieden hier und möchte bleiben.» Mannheim sei keine Fussballstadt. «Hier gehen die Leute zum Eishockey. Der erste Titel für die Adler seit 2019 wäre etwas Riesiges gewesen für alle.»
Und vielleicht schliesst sich dann 2027 für Tobias Fohrler der nächste Kreis: vom kleinen Knaben, der in Sissach einen Schläger geschenkt bekam, zum Meisterspieler auf der grossen Bühne in der Eishockeystadt Mannheim.
Public Viewing der WM in Hemmiken
lug. Morgen in einer Woche, am 15. Mai, beginnt die Eishockey-Weltmeisterschaft. Gespielt wird in der Swiss Life Arena in Zürich und der BCF-Arena in Freiburg. Die Schweizer Spiele können zudem gemeinsam im Oberbaselbiet erlebt werden: In der Alten Turnhalle in Hemmiken werden an einem Public Viewing alle Schweizer Partien live übertragen.


