Wuschhh, wuschhh, wuschhh! Binnen Sekunden ist der Spuk vorbei und das ganze Fahrerfeld in einem Affenzahn vorbeigerast. 2006 wars, die dritte Etappe der Tour de Suisse führte auf ihrem Weg von Einsiedeln zum Ziel in Arlesheim mitten durch unseren Ort. Von Bennwil her gelangte das Feld zu ...
Wuschhh, wuschhh, wuschhh! Binnen Sekunden ist der Spuk vorbei und das ganze Fahrerfeld in einem Affenzahn vorbeigerast. 2006 wars, die dritte Etappe der Tour de Suisse führte auf ihrem Weg von Einsiedeln zum Ziel in Arlesheim mitten durch unseren Ort. Von Bennwil her gelangte das Feld zu uns nach Niederdorf, schon von Weitem sahen wir die Veloprofis von der anderen Dorfseite kommen. Danach führte die Strecke direkt an unserem Haus vorbei, die Arboldswilerstrasse empor. Mein Vater, durchaus mit dem Radrennsport vertraut, hatte vorab behauptet, diese Rampe sei so steil, da würde bestimmt jeder Fahrer aus dem Sattel gehen … Von wegen! «Jan Ullrich radelte locker hoch und plauderte sogar noch mit einem Kollegen», weiss Vater heute zu berichten.
Aus seinen Erzählungen weiss ich auch von denjenigen Tour-Etappen über jedes Detail Bescheid, an die ich selbst keine Erinnerungen habe. 1986 und 1989 war Liestal Etappenort mit Ziel im «Stedtli». «Da brausten die Fahrer das eine Mal mit 70 Stundenkilometern das Oristal hinab, das andere Mal fuhren sie mit einem ‹Vierziger› um das Regierungsgebäude und sprinteten dann mit schäumendem Mund ins Ziel vor dem ‹Törli› … Es war der Wahnsinn!»
Vierjährig war ich, als ich dann selbst zum ersten Mal dabei sein konnte. Am 27. Juni 1991 führte die neunte Tour-de-Suisse-Etappe von Murten nach Basel über den Passwang. Das wollte Vater keinesfalls verpassen, er machte früher Feierabend. Mit mir im Schlepptau stand er rechtzeitig am Streckenrand und schrie laut «Hopp Fabian!», als sich der Oberdörfer Fabian Jeker als Führender näherte. Immer wieder: «Hopp Fabian!» Papa war im Element. Und bemerkte nicht, dass klein Seraina unbedingt hätte Pipi machen müssen … Was ich damals überhaupt nicht lustig fand, ist heute eine gern zitierte Familienanekdote: dass ich eingenässt und weinend zu Hause angekommen sei. Item. Lokalmatador Jeker wurde kurz vor dem Ziel eingeholt und verpasste den Etappensieg.
Es folgten Jahre, in denen Vater und ich zig Etappen von Rundfahrten wie der Tour de France am Fernsehen verfolgten. Alex Zülles Erfolge sind mir gegenwärtig, die Duelle zwischen Lance Armstrong und Jan Ullrich, die Sprints von Erik Zabel und Mario Cipollini. Es war die Zeit, in der man Radrennen arglos und ohne Zweifel schaute. Doch all die Genannten flogen später wegen Dopings auf.
Der Radsport fasziniert mich noch immer. Doch zuweilen wäre ich gern wieder das Mädchen am Strassenrand des Passwangs, das nichts Böses ahnt.
Seraina Degen
Seraina Degen (1986) ist in Niederdorf aufgewachsen. Als Torhüterin spielte sie lange leidenschaftlich Fussball, heute bleibt sie beruflich am Ball – als Redaktorin bei SRF Sport.