Hopfen, Malz und Künstliche Intelligenz
08.04.2026 GelterkindenHobby-Brauer kommt mit seinem Bier auf die IT-Weltbühne
Der Gelterkinder Gerhard Erschwendner kam kürzlich an einer Konferenz des amerikanischen Chip-Herstellers Nvidia zu Wort. Dabei hat der 68-jährige Tüftler doch nur Bier gebraut.
Christian ...
Hobby-Brauer kommt mit seinem Bier auf die IT-Weltbühne
Der Gelterkinder Gerhard Erschwendner kam kürzlich an einer Konferenz des amerikanischen Chip-Herstellers Nvidia zu Wort. Dabei hat der 68-jährige Tüftler doch nur Bier gebraut.
Christian Horisberger
Nach einer Hüft-Operation würde Gerhard Erschwendner eigentlich lieber Billard spielen als Bier brauen, sagt er, während er mit einem Flaschenzug unter einiger Kraftanstrengung den Braukessel aus dem Gehäuse der Brauanlage hievt. «Dort könnte ich mich am Tisch oder wenigstens mit dem Queue abstützen.» Aber in den kommenden Wochen dürfte er in der «Eibachbraui» an der Rössligasse in Gelterkinden trotz Beschwerden einige Sonderschichten einlegen.
Denn eines seiner Biere hat jüngst international für Aufsehen gesorgt: ein mithilfe von Künstlicher Intelligenz gebrautes Amber, das «Lobster Lager». An der jüngsten KI-Konferenz des amerikanischen Chip-Herstellers Nvidia wurde dieses Projekt von dessen CEO Hensen Huang erwähnt. Jetzt möchten Tech-Nerds aus ganz Europa das KI-Bier gerne probieren.
Der 68-Jährige nimmt am Tisch in der Kleinstbrauerei Platz, an dem die Mitglieder des Eibachbraui-Vereins ansonsten seine Kreationen geniessen, und erzählt in seinem Salzburger Dialekt, wie es dazu gekommen ist. Gerhard Erschwendners Sohn Stefan, der als Unternehmensberater tätig ist, hat erfahren, dass der österreichische Software-Entwickler Peter Steinberger praktische Anwendungen für seinen KI-Agenten «OpenClaw» sucht, und dachte an die Micro-Brauerei seines pensionierten Vaters.
Bluetoothfähiger Kessel
Den Ex-Polizisten, Tüftler und Computernerd für diese Idee zu gewinnen, war für dessen Sohn ein Leichtes. Allerdings hatten die beiden die Rechnung ohne den Braukessel gemacht: Die 50-Liter-Anlage, die der Gelterkinder Verein Eibachbraui nutzt, liess sich nicht mit dem Computer verbinden. Der Brauer versuchte es mit der halb so grossen Anlage, die dem grösseren Kessel hatte weichen müssen – und hatte Glück: Diese liess sich via Bluetooth mit dem Computer beziehungsweise von «OpenClaw» ansteuern.
Bei «OpenClaw» handelt es sich um einen so genannten KI-Agenten, ein Assistenz-System, mit dem nicht nur kommuniziert werden kann wie beispielsweise mit «ChatGPT», sondern das auch Aufträge ausführt. In diesem Fall überwacht und steuert der digitale Agent während des zweieinhalbstündigen Brauvorgangs die unterschiedlichen Temperaturstufen und die jeweils zugehörige Kochdauer. Da die Mikrobrauerei ansonsten nicht automatisiert ist, geht es zumeist nicht ohne den Eibachbrauer: Beim Einfüllen von Wasser und Braumalz, dem Läutern, der Beigabe des Hopfens oder dem Umpumpen des Biers in die Lagertanks ist nach wie vor Handarbeit gefragt. Der Agent teilt seinem Handlanger aber stets über den Messenger-Dienst «Telegram» mit, welcher Arbeitsschritt wann zu erledigen ist, erklärt der Brauer.
Ausserdem analysiert der Agent über ein im Gärtank angebrachtes Messgerät während der Umwandlung der Stärke in Alkohol die Dichte und Temperatur und übermittelt die Daten. Als erfahrener Bierbrauer käme Erschwendner auch ohne solche Hilfestellungen aus. Aber mithilfe des Agenten könne auch ein Nicht-Profi ein gutes Bier herstellen, sagt er.
Ein Rezept für das «Lobster Lager», benannt nach dem Hummer im Logo von «OpenClaw», hätte der Brauer den KI-Agenten auch auf der Basis einer Internet-Recherche erstellen lassen können. Er zog jedoch ein preisgekröntes, eigenes Rezept für ein untergäriges Amber Lager vor, dessen Zutaten und Zubereitung er der KI per PDF übermittelte.
KI designt Website
Auch andere Aufgaben eines solchen Projekts könnten durch den Agenten erledigt werden, sagt Erschwendner: das Marketing, ein Vertriebskonzept oder die Gestaltung einer Website. Letzteres ist auch geschehen. www.lobsterlager.com erzählt unter anderem die Geschichte des KI-Biers und ihrer Protagonisten und verfügt über einen Online-Shop.
Was den Besuchern der Website vorenthalten wird, ist das Echo, das diese praktische Anwendung des KI- Agenten in der Fachwelt ausgelöst hat. Über «OpenClaw»-Entwickler Peter Steinberger erfuhr der weltweit führende Chip-Hersteller Nvidia vom KI-Bier – und auf dessen jüngster KI-Konferenz von Mitte März in San Jose (USA) adelte es CEO Jenson Huang mit einer Erwähnung in seiner Keynote.
Stefan Erschwendner erfuhr von der Ehre, die seinem Projekt zuteil werden sollte, zwei Tage vor der Konferenz und buchte kurzerhand einen Flug in die USA. Sein Vater wurde von Nvidia Schweiz zur «Watch-Party» nach Zürich eingeladen, um die Show des Chip-Weltmarktführers bei Häppchen und Drinks am Bildschirm zu verfolgen. «Lobster Lager» wurde dort keines serviert. Das benötigte da noch einige Wochen Lagerzeit.
Der «grosse» Auftritt des «Lobster Lager» an der Nvidia-Konferenz sollte lediglich 30 Sekunden dauern und der Brauer kam dabei nur mit einem eingespielten unvollständigen Satz zu Wort: «Lobster Lager fertig sein». Dennoch: Mehrere österreichische Medien haben über den Coup der beiden gebürtigen Salzburger berichtet. Dem heute in Berlin tätigen Unternehmensberater Stefan Erschwendner trug die Berichterstattung einiges Interesse potenzieller Kunden ein, sagt Vater Gerhard, den es der Liebe wegen ins Baselbiet verschlagen hat.
Für ihn als Mikrobrauer sei die Würdigung des Biers aus der «Eibachbraui» durch das weltweit wertvollste Unternehmen vor allem eine grosse Ehre, sagt er. Und er würde sich ganz besonders darüber freuen, wenn der Wunsch der Tochter des Nvidia-CEO erfüllt würde, in der Firmenzentrale in Kalifornien eine Lobster-Lager-Mikrobrauerei zu installieren. Das Projekt bedeute ihm aber auch deshalb viel, weil er es gemeinsam mit seinem Sohn habe realisieren können
– auch wenn er wegen dessen Bieridee in der kommenden Zeit am Billard-Tisch etwas kürzertreten muss.

