Hochstammkirschen gegen Wollsocken
23.06.2026 RothenfluhMarlies Mazzucchelli ist sich sicher: Die beste Kirsche wächst im «Leimet»
Der mächtige Hedelfinger-Hochstamm im Rothenflüher «Leimet» hat schon bessere Zeiten erlebt. Doch seine Kirschen gelten für Marlies Mazzucchelli noch immer als die besten ...
Marlies Mazzucchelli ist sich sicher: Die beste Kirsche wächst im «Leimet»
Der mächtige Hedelfinger-Hochstamm im Rothenflüher «Leimet» hat schon bessere Zeiten erlebt. Doch seine Kirschen gelten für Marlies Mazzucchelli noch immer als die besten weit und breit – und sind Grund für ein ungewöhnliches Tauschgeschäft.
Otto Graf
«Das ist mein Baum, und er trägt die besten Kirschen, die es überhaupt gibt», erklärt Marlies Mazzucchelli mit einem gewissen Stolz in der Stimme, als sie sich mit dem «Volksstimme»- Reporter auf die Suche nach «ihren» Kirschen im Gebiet «Leimet» begibt. Auf die Frage, wie sie zu diesem Baum gekommen sei, holt sie ein paar Jahrzehnte in die Vergangenheit aus. Damals wohnten Marlies und Gianni Mazzucchelli mit ihren drei Söhnen an der Rössligasse in Rothenfluh und waren mit der Bauernfamilie Rieder, «s‘Hirzeärnschte», benachbart. Da zur Erntezeit zusätzliche Hände höchst willkommen waren, half Marlies Mazzucchelli beim Kirschenpflücken jeweils aus. «Das war eine schöne Zeit», erinnert sich die Seniorin.
Bäuerin Hermine Rieder habe immer einen grossen Korb mit dem «Zoobe» aufs Land mitgenommen. Beim «Zoobe» im Schatten eines Baums, ein eigentliches Ritual, habe man sich damals noch Zeit genommen. Man habe viel miteinander gesprochen, natürlich auch über die Kirschen. Schon damals, so Mazzucchelli, sei ihr der Hochstamm mit der Sorte Hedelfinger aufgefallen: «Dieser Baum hat die köstlichsten Kirschen, die man sich vorstellen kann», schwärmt sie von den glänzenden
Schwarzbraunen. Die Früchte seien aromatisch, süss-säuerlich und fest. Am besten seien sie direkt vom Baum, fügt sie an. Die neuen grossfruchtigen Sorten seien den alten Sorten geschmacklich unterlegen.
Obsternte im Wandel
Später bauten Mazzucchellis auf «Vogtsmatten» ihr eigenes Haus in Rothenfluh. Felix Rieder übernahm den elterlichen Bauernbetrieb und pflegt seither den Hochstammbestand seiner Kirschbäume im «Leimet». Einst seien hier 30 Stämme gestanden, berichtet Rieder. Heute seien es nur noch fünf, die sich auf die Sorten Hedelfinger, Basler Langstieler und Isacher verteilen. «Der ‹Hedelfinger› hatte früher eine viel mächtigere Krone und hat deutlich grössere Früchte hervorgebracht», erklärt Rieder. In seinen besten Zeiten habe man bis 300 Kilo von diesem Baum geholt und zu einem guten Preis verkaufen können.
Mit wohl gegen 100 Jahren hat der Baum seinen Zenit überschritten. Rieder schneidet die Bäume regelmässig und schützt sie gegen Schädlinge. Dank dieser Massnahmen tragen sie jedes Jahr, sofern der Frost keinen Strich durch die Rechnung macht. Wirtschaftlich springt dabei angesichts der heutigen Anbaumethoden in überdachten oder sogar eingenetzten Niederstammanlagen nichts heraus.
Das war, als es noch keine Niederstammanlagen gab, ganz anders. Der Erlös aus dem Verkauf von Hochstammkirschen als Tafelobst, Konserven oder Brennerware machte in der Vergangenheit einen erheblichen Anteil am landwirtschaftlichen Einkommen aus. Die alten Sorten, die sich auch zu Konfitüre, Kompott, Wähen und anderen Erzeugnissen verarbeiten oder zu Kirsch destillieren lassen, haben ihren Nimbus behalten. Die Sorte Schauenburger, das einstige Flaggschiff der Tafelkirsche, lässt grüssen.
Seit etwa zehn Jahren nutzt Marlies Mazzucchelli ihren Baum. Dabei stellt ihr Felix Rieder jeweils die Leiter an und um. Einen schriftlichen Vertrag braucht es dazu nicht. Pro Jahr holt die Pflückerin 8 bis 10 Kilogramm vom Baum. Einmal waren es sogar 30 Kilogramm, von denen sie einen grossen Teil weiter verschenkt hat.
Als Gegenleistung schenkt Marlies dem Bauern zu Weihnachten gestrickte Wollsocken. Generell, berichtet die Kirschenliebhaberin weiter, falle die Ernte jetzt wegen der klimatischen Veränderungen jahreszeitlich früher an. Heuer hat sie bereits Mitte Juni die ersten Früchte gepflückt. Bis jetzt ist die Kirschessigfliege, der die Hochstammkirschbäume praktisch schutzlos ausgeliefert sind, im «Leimet» noch nicht aufgetaucht. Das dürfte sich jedoch angesichts der hohen Temperaturen bald ändern. Sticht das Insekt eine Frucht an, ist diese für den menschlichen Geschmack ungeniessbar. Das gilt auch für die «beste Kirsche» der Welt.

