Gute Ernte, schlechte Vermarktung
05.06.2026 WintersingenDie Agroscope führte ihre «Breitenhof»-Tagung durch
An der «Breitenhof»-Tagung von Agroscope in Wintersingen trafen sich rund 100 Steinobstproduzenten aus der Nordwestschweiz. Mit Bertrand Gentizon wurde ein neuer Leiter für den «Breitenhof» ...
Die Agroscope führte ihre «Breitenhof»-Tagung durch
An der «Breitenhof»-Tagung von Agroscope in Wintersingen trafen sich rund 100 Steinobstproduzenten aus der Nordwestschweiz. Mit Bertrand Gentizon wurde ein neuer Leiter für den «Breitenhof» gefunden. Das grosse Sorgenkind bleibt die Vermarktung.
Elmar Gächter
«Gute Neuigkeiten», kündigte Manuel Boss an diesem sonnigen und heissen Sonntagmorgen den rund 100 Teilnehmenden der traditionellen «Breitenhof»-Tagung an. Als erfreulich bezeichnete der Leiter des Kompetenzbereichs Pflanzen und pflanzliche Produkte die «Grosszügigkeit» des eidgenössischen Parlaments. Es stellt Agroscope mehr finanzielle Mittel zur Verfügung und ermöglicht damit unter anderem den Ausbau der Japankäfer-Bekämpfung.
Und die aktuellste Mitteilung obendrauf: Der «Breitenhof» wird neu von Bertrand Gentizon geleitet, zurzeit Obstbauberater am Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg. Er wird das Interregnum, das wegen des Weggangs des langjährigen Leiters Thomas Schwizer Ende Jahr entstanden ist, ab September beenden.
Von Herausforderungen und Perspektiven für die Nordwestschweizer Steinobstproduzenten sprach Bruno Wirth, neuer Präsident des Aargauer Obstverbands. Laut dem Biolandwirt und Obstbauer aus Olsberg ist die Aufbruchstimmung der Nullerjahre einer gewissen Resignation gewichen. Damit meinte er nicht primär die Schädlingsprobleme wie Kirschessigfliege und Pflaumenwickler, auch wenn deren Bekämpfung in Zeiten sinkender Wirkstoffe zunehmend schwieriger werde. «Die grössten technischen Herausforderungen bei der Kirschenund Zwetschgenproduktion haben wir im Griff, nicht jedoch die Vermarktung. Etliche Entscheidungsträger in den nachgelagerten Betrieben sind weit weg von der Produktion. Sie verstehen nicht, dass unsere Früchte Naturprodukte sind und nicht jederzeit kurzfristig geliefert werden können», so seine Kernaussage.
Chancen für Obstbetriebe
Er erwähnte insbesondere die Lagerhaltung im Zusammenspiel mit der maschinellen Kirschenkalibrierung. Sie führe zu feinen Druckstellen bei den Früchten, die meistens erst nach Stunden in den Gestellen der Detailhändler sichtbar würden. Der Vorteil der konsumentennahen Produktion sei damit verpufft. «Reicht es nicht, wenn wir die kleinsten Kirschen von Hand herausnehmen und damit ein schönes Erscheinungsbild in der Schale haben?» Als Vergleich führte er die Erdbeeren an, die deutlich schneller vom Pflücken bis ins Regal des Detailhandels gelangen. In diesem Bereich habe sich der schweizerische Kirschenmarkt in den vergangenen Jahren massiv verschlechtert.
Trotz der angespannten Lage mit vielen negativen Punkten ergäben sich jedoch auch Chancen für die Betriebe in der Nordwestschweiz. Zum einen bleibe die Region klimatisch bevorzugt für die früh blühenden Steinobstkulturen und müsse weniger Frost bekämpfen als in anderen Gebieten. «Noch entscheidender ist jedoch, dass unsere Vorfahren über mehrere Generationen immer ein wenig mehr leisten müssen als andere Landwirte, die auf Fläche und mit leichten Böden arbeiten können.»
Die kleinen Familienbetriebe seien es gewöhnt, geringere Margen und Einnahmen durch zusätzlichen Aufwand der Familie zu kompensieren. «Das Herzblut von uns Obstbauern hier in der Region für Kirschen und Zwetschgen und vermehrt auch für Aprikosen ist der Schlüssel für eine positive Entwicklung in der Steinobstproduktion der Nordwestschweiz», zeigte sich Bruno Wirth überzeugt.
Auf dem Betriebsrundgang stellte Moritz Köhle neue Kirschensorten vor und hob dabei hervor, dass künftig die längeren Stiele der Kirschen und ihre bessere Festigkeit laufend eine grössere Bedeutung erhalten. Barbara Egger sprach über Strategien zur Bekämpfung der Blattläuse, wobei in einer zweijährigen Versuchsphase vor allem die Behandlung mit Paraffinöl zu den besten Ergebnissen führte. Vom erfolgreichen Kirschenanbau in Mitteldeutschland berichtete Martin Penzel vom Landesamt für Landwirtschaft und ländlichen Raum in Thüringen. Er plädierte für schmalere Anbausysteme und einen maschinellen Schnitt, um die Ernteleistungen zu erhöhen.
Für Teilnehmer Ernst Lüthi, Obstbauer aus Ramlinsburg, sind solche Tagungen mit praxisorientierten Empfehlungen sehr wichtig und eine Standortbestimmung für seinen Betrieb. Entscheidend sei, dass jeder Betrieb eine eigene Strategie verfolge und aus den Erkenntnissen das entnehme, was zu dieser Strategie passe. «Heikel ist es, wenn immer wieder neue Sorten propagiert werden, ohne dass alte ‹ausgeschaubt› werden.» Die Obstbauern in der Schweiz würden heute rund 50 Kirschensorten vermarkten. Betriebswirtschaftlich sinnvoll wäre es, wenn sie sich auf deutlich weniger fokussieren würden.

