Gründlich auf dem Holzweg
06.10.2026 SissachRolf Brogli verwandelt Fundholz in Kunstwerke
Um die geeigneten Fundhölzer zu finden, muss man mit offenen Augen durch die Wälder streifen. Zudem ist es von Vorteil, wenn man mit einer guten Portion Fantasie gesegnet ist. So entstehen mit viel Handarbeit Kunstwerke, die in ihrer ...
Rolf Brogli verwandelt Fundholz in Kunstwerke
Um die geeigneten Fundhölzer zu finden, muss man mit offenen Augen durch die Wälder streifen. Zudem ist es von Vorteil, wenn man mit einer guten Portion Fantasie gesegnet ist. So entstehen mit viel Handarbeit Kunstwerke, die in ihrer Art einzigartig sind.
Heiner Oberer
Rolf Brogli (70), Fundholzkünstler aus Sissach, ist auf der Pirsch. An seiner Seite, ungeduldig und an der langen Leine, schnuppert sich Onda, Broglis dreijährige Lagotto-Romagnolo-Hündin durchs Unterholz. Während sich die quirlige Hundedame vor allem für die Gerüche von Reh und Hase interessiert, ist Brogli auf der Suche nach Holz. Seine Passion ist die Verwandlung von natürlich geformten Hölzern in Skulpturen und Kunstobjekte. «Mein Ziel ist es nicht, dem Holz eine neue Form zu verpassen. Vielmehr lasse ich mich von den organischen Strukturen, Verwachsungen und Strömungslinien inspirieren.»
Angefangen mit dem kunstvollen Bearbeiten verwitterter Hölzer hat der ehemalige Diplomierte Ingenieur HTL aus äusserem Anlass: Zu seinem 60. Geburtstag wurde er von seiner Ehefrau Christine und Verwandten mit einem Gutschein für einen Fundholzschnittkurs in Scuol beschenkt. «Ich vermute, Christine wollte meinem Leben nach der Pension neuen Schub verleihen», sagt er und lacht.
«Gut», dachte sich der angehende Holzkünstler. Ab ins Engadin und mal schauen, was da auf ihn zukomme. Es sei nicht so, dass er künstlerisch vorbelastet sei, sagt Brogli. «Mein Vater war ein einfacher Handwerker. Die Mutter schmiss den Haushalt und umsorgte mich und meine sieben Jahre jüngere Schwester Corina. Wenn schon Kunst, dann war es die Mutter, die Freunde und Bekannte mit unzähligem Selbstgestricktem versorgte.»
Erste Versuche in Scuol
2016, an einem Freitagmorgen im Herbst, trafen sich acht Personen in Scuol und wurden nach einer kurzen Begrüssung vom Kursleiter sogleich zu einem nahegelegenen Murgang geschickt. Dort sollten die Kursteilnehmer nach Fundholz Ausschau halten und etwas zurückbringen, das während dreier Kurstage zu einem Kunstwerk verarbeitet werden konnte. Der Kursleiter gab ihnen folgenden Rat: «Das Fundstück bestimmt das Ergebnis.» Nach gut einer Stunde kehrten alle mit einem Stück Holz zurück.
Anschliessend ging es auf eine Alp in der Nähe, wo das Fundstück unter der kundigen Anleitung des Kursleiters auf Holzböcken und in Handarbeit, mit Holzschnitzwerkzeug und Holzhammer, in ein Kunstwerk verwandelt wurde, das sie anschliessend nach Hause nehmen durften. «Das war der Moment, in dem es mich gepackt hat», so Brogli.
Seine Philosophie sei einfach, sagt der Sissacher: «Ich nehme ein Stück totes Holz. Egal was. Ich drehe und wende das Fundstück und versuche zu ergründen, was in diesem Holz steckt. Wie es beschaffen ist. Wie die Maserung verläuft.» Er gehe nicht auf die Suche nach einem Stück Holz, das einem Gesicht oder einem Vogel ähnlich sehe. Er lasse sich von der Form und der Farbe inspirieren.
Zu Hause werde alles für ihn Störende, was nicht haftet, entfernt. Mit der Zeit und viel Schleifarbeit würden verschiedene Farben zum Vorschein kommen. Das sei das, was er so interessant finde. Anschliessend werde das bearbeitete Fundstück begutachtet. Gefalle es ihm nicht, komme es zum Brennholz. «Bis jetzt habe ich aber noch nie eines meiner vermeintlichen ‹Kunstwerke› verfeuert. Es ist noch immer etwas entstanden.»
Schleifen, schleifen und schleifen
Es würden immer wieder Freunde und Bekannte, die von seiner Leidenschaft wüssten, auf ihn zukommen. Letzthin habe er ein interessantes Stück, die Wurzeln eines Rosenstocks, erhalten. Jetzt sei er gespannt, ob nach dem Putzen die rote Farbe erhalten bleibe, bevor er sich mit dem Werkzeug an die Arbeit mache. Der ganze Prozess sei jeweils mit viel Aufwand verbunden, sei doch 80 Prozent der Arbeit schleifen, schleifen und nochmals schleifen. Je nach Grösse und Beschaffenheit des Holzes arbeitet er 20 bis 30 Stunden am Holzstück. Zuweilen legt er es für eine Weile weg. Holt es dann aber wieder hervor und schleift weiter. Aber wer Rolf Brogli kennt, der weiss, dass er mit einer gehörigen Portion Ehrgeiz und Ausdauer gesegnet ist. Am Schluss wird das Kunstwerk eingeölt. «Und zwar mit Leinöl», erklärt er.
Für ihn sei die Suche nach geeignetem Holz so etwas wie eine Entdeckungsreise. «Das Fundstück muss mich ansprechen, wenn ich durch den Wald gehe.» Es kann vorkommen, dass ihn die Objekte richtiggehend anlachen. «Ich weiss allerdings nie, was mich erwartet.» In seinem ehemaligen Beruf als Ingenieur sei alles klar gewesen. Rechtwinklig und gerade. Bei den Hölzern ist das anders. Die würden seine Fantasie beflügeln.
Er liebe die Streifzüge durch die Natur, alleine oder mit Hund, er geniesse es, den Gedanken nachzuhängen oder Vögel zu beobachten. Naturschutz sei wichtig, betont er. Er sei aber nicht immer einer Meinung mit den «Grünen». Sobald es zu dogmatisch wird, ist «Schluss mit Lustig». Da zeigt sich eine weitere Seite im Wesen Broglis. Er ist in seinen Entscheidungen konsequent. Was bei Freunden und Bekannten durchaus auf Unverständnis stossen kann.
Etwas in den Hintergrund getreten ist die Leidenschaft für das Trommeln. Der begnadete Tambour wurde mit zahlreichen Kränzen bei verschiedenen Tambouren- und Pfeiferfesten ausgezeichnet. «Der Fasnacht in der heutigen Form kann ich nicht mehr viel abgewinnen. Die Fasnacht hat für mich den Reiz verloren», sagt er.
Was jetzt aber nicht heisst, dass er für das 100-Jahre-Jubiläum der Sissacher Nuggi-Clique im nächsten Jahr nicht nochmals «Böckli und Schleegel» vom Estrich holt. Das zeigt, wenn es für Brogli stimmt, ist er mit Eifer und Elan dabei. Eben. Konsequent.
Rolf Brogli stellt seine Kunstwerke an den folgenden Ausstellungen vor: 25. Oktober: Swisshibition, Kunst in Othmarsingen, Mensa «alte Turnhalle», Schulstrasse 10, Othmarsingen. 13. bis 22. November: «ArtLiestal», Schild-Areal, Eichenweg 4, Liestal, Kunstmarkt mit 62 regionalen Kunstschaffenden.


