Gerettete und entsorgte Werke
30.10.2026 PrattelnEin Archiv lagert regionale Kunst und bewahrt sie vor der Zerstörung
ARK Basel, das «Archiv Regionaler Künstler*innen-Nachlässe», archiviert in Pratteln Nachlässe von regionalen Künstlerinnen und Künstlern und arbeitet sie wissenschaftlich auf. Mit ...
Ein Archiv lagert regionale Kunst und bewahrt sie vor der Zerstörung
ARK Basel, das «Archiv Regionaler Künstler*innen-Nachlässe», archiviert in Pratteln Nachlässe von regionalen Künstlerinnen und Künstlern und arbeitet sie wissenschaftlich auf. Mit viel Glück ist dort auch eine Gipsplastik von Jakob Probst untergekommen.
Martin Stohler
Während vieler Jahre stand Jakob Probsts «Schweizertyp II. Fassung» mit fünf weiteren «Gipsen» von Probst im Reigoldswiler Gemeindezentrum. Mit dem absehbaren Abriss des Gebäudes fehlte für die sechs überlebensgrossen Figuren plötzlich der Platz (die «Volksstimme» berichtete mehrfach). Eine der Plastiken – der «Schwörende» – wurde von der kunsthistorischen Sammlung der Hauptabteilung Archäologie und Museum Baselland übernommen. Den restlichen fünf drohte die Entsorgung.
Dank dem Einsatz von Tomas Lochman, dem früheren Leiter der Basler Skulpturenhalle und Mitglied des Teams von ARK Basel, wurde schliesslich eine der fünf restlichen Gipsplastiken vom «Archiv Regionaler Künstler*innen-Nachlässe» übernommen und bleibt damit für die Nachwelt erhalten.
Damit dies möglich wurde, musste Tomas Lochman zuerst einige Bedenken seiner Kolleginnen und Kollegen vom ARK Basel zerstreuen. Denn eigentlich hat das Archiv in Pratteln keinen Platz für derart grosse Werke. Die aufgenommenen Nachlässe bestehen weitgehend aus Bildern, Zeichnungen und Drucken.
Stetig wachsendes Archiv
Der gemeinnützige Verein ARK Basel hat seine Tätigkeit im Jahr 2019 aufgenommen und 2020 in der «Zentrale Pratteln» am Gallenweg sein Quartier eingerichtet. Dort war das Archiv bis vergangenes Jahr provisorisch in einer grosszügigen zwischengenutzten Lagerhalle untergebracht. Letzten Sommer dann erfolgte der Umzug in einen rund 630 Quadratmeter grossen Raum im Dachgeschoss des ehemaligen Coop-Lagerhauses. Der Ortswechsel wurde dazu genutzt, das stetig wachsende Archiv neu zu konzipieren und das Lagersystem, die Verzeichnung und die digitale Struktur zu vereinheitlichen.
2026 betreute ARK Basel 35 Nachlässe und drei Sammlungen. «Natürlich können wir nicht alles annehmen und aufbewahren», sagt Tomas Lochman. Nach dem starken Wachstum der ersten Jahre übernimmt ARK Basel jährlich drei bis vier Nachlässe. Bei der Übernahme findet jeweils eine Triage statt, in deren Verlauf der Nachlass auf ein knappes zu erhaltendes «Kernvolut» reduziert wird.
Dabei wird zwischen Werken von guter Qualität und von zentraler Bedeutung für das Œuvre eines Künstlers oder einer Künstlerin und Werken zweiter Wahl unterschieden. Diese können von Kunstliebhabern zu günstigen Konditionen erworben werden. Der Erlös kommt ARK Basel zu und trägt dazu bei, die Lagerkosten zu decken. Werke von geringer Qualität oder solche, die als nicht erhaltenswert beurteilt werden, wandern dagegen in die Mulde.
Dieses Schicksal konnte Tomas Lochman vier der Reigoldswiler «Gipse» von Jakob Probst nicht ersparen: Nicht nur der Platzmangel in Pratteln, sondern auch der Zustand, in dem sie sich befanden, sprach gegen eine Rettung. Zum Teil fehlten ihnen Gliedmassen, zudem wiesen sie Beschädigungen und Bruchstellen auf, die Transport und Lagerung als schwierig erscheinen liessen.
Beschränkter Platz
Zu den Zielen von ARK Basel gehört es, die übergebenen Nachlässe zu erschliessen und sie auf der Website ark-basel.kleio.com öffentlich zugänglich zu machen. Diese stehen der Forschung sowie Ausstellungs-, Vermittlungs- und Bildungsprojekten zur Verfügung. ARK Basel selbst vermittelt das Œuvre der aufgenommenen Kunstschaffenden mit eigenen Veranstaltungen, Ausstellungen und Publikationen einer breiteren Öffentlichkeit. So hat ARK Basel seit der Eröffnung des Archivs monografische Ausstellungen zum Schaffen von Agat Schaltenbrand, Max Kämpf, Alfredo Pauletto, Tilly Keiser und Peter Stettler realisiert und diesen Kunstschaffenden zu einer neuen Öffentlichkeit verholfen.
Bei unserem Besuch in Pratteln sind im vorderen Teil des Archivs, dem Arbeitsraum, zahlreiche Werke des Malers Kurt Hinrichsen zu sehen. «Wir stecken gerade mitten in den Vorbereitungen für unsere Hinrichsen-Ausstellung im Projektraum M54 in Basel», erklärt Lochman.
Damit wird es in Basel erstmals seit mehr als 60 Jahren zu einer Ausstellung von Bildern des 1963 verstorbenen Kurt Hinrichsen kommen (siehe auch Kasten).
Im hinteren Teil des Raums, wo die verschiedenen Nachlässe eingelagert sind, ist es eng und es wird künftig noch enger werden. Bei ARK Basel geht man davon aus, dass die Zahl der übernommenen Nachlässe bis 2030 auf 50 steigen und der Bedarf an Lagerfläche steigen wird.
Für Probsts «Schweizertyp» wäre es im Lagerteil angesichts der Vielzahl der Archivalien schon heute zu eng. Tomas Lochman hat ihm darum einen Platz im Eingangsbereich zugewiesen, wo er die Besucherinnen und Besucher des Archivs willkommen heisst.
Ausstellung Kurt Hinrichsen in Basel
sto. Vom 30. Oktober bis zum 8. November präsentiert ARK Basel im Projektraum M54 Basel Werke des Malers Kurt Hinrichsen (1901 – 1963). Kurt Hinrichsen wurde in St. Gallen geboren, wuchs aber nach einem Umzug seiner Eltern in Basel auf. Ein Jurastudium brach er 1920 nach kurzer Zeit wieder ab, statt der Rechtswissenschaft wollte er sich lieber der Malerei widmen. 1925 zog es ihn nach Paris, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1963 ein Leben als Künstler führte.
In den 1930er-Jahren lernte er die Hebamme Marie Neveu kennen, die für viele seiner Bilder Modell sass. Die beiden heirateten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Über die Jahre hinweg blieb Hinrichsen in stetem Kontakt mit Basel und seinen dortigen Freunden.
Auf seinen Bildern lässt Kurt Hinrichsen oft schrille, satirisch überzeichnete Figuren vor prominenten grossstädtischen Kulissen agieren. Mit ihren grellen Farben bietet Hinrichsens Malerei in ihrer Virtuosität und ihren thematischen Kapriolen den Betrachtenden ein grosses Schauvergnügen. Zusätzlich zur Ausstellung gibt Band 4 der von ARK Basel herausgegebenen Buchreihe «Essenzen» mit Beiträgen von Andreas Chiquet und Tomas Lochman sowie einem Text von Friedrich Glauser Einblick in Kurt Hinrichsens künstlerisches Schaffen. Zudem findet am Mittwoch, 4. November, um 19 Uhr eine Podiumsdiskussion zum Frauenbild, männlichem Blick und zu gesellschaftlichen Rollen im Werk von Kurt Hinrichsen statt.
Projektraum M54, Mörsbergerstrasse 54, Basel, vom 30. Oktober bis 8. November, täglich 15 bis 19 Uhr, Führungen jeweils um 17 Uhr (ausser am Tag der Finissage). www.ark-basel.ch




