Gemeinde schwimmt gegen Strom
22.05.2026 LäufelfingenUnternehmen weiht neue Schnellladestation ein
Entgegen kantonalen Prognosen hat die Liestaler Energiegenossenschaft Adev in Läufelfingen eine neue Schnellladestation für Elektroautos gebaut. Ein Widerspruch?
Jo Krebs
Wer ein Elektroauto ...
Unternehmen weiht neue Schnellladestation ein
Entgegen kantonalen Prognosen hat die Liestaler Energiegenossenschaft Adev in Läufelfingen eine neue Schnellladestation für Elektroautos gebaut. Ein Widerspruch?
Jo Krebs
Wer ein Elektroauto fährt und im Oberbaselbiet wohnt, lädt dieses in aller Regel bequem in der heimischen Garage. Diese Praxis stützt die Stossrichtung des Kantons: In einem Bericht der landrätlichen Umweltschutz- und Energiekommission (UEK) hält die Verwaltung fest, dass sich in den ländlichen Gebieten angesichts der vielen Eigenheime das sogenannte «Home Charging» durchsetzen wird.
Wie treffend diese kantonale Analyse ist, belegen die neuesten Zahlen der ansässigen Netzbetreiberin EBL vom Mai dieses Jahres: Im gesamten EBL-Netzgebiet sind mittlerweile 2961 private Ladestationen installiert. Allein auf das obere Baselbiet (Bezirke Sissach und Waldenburg) entfallen 1361 private Wallboxen. In der 1400-Seelen-Gemeinde Läufelfingen selbst verzeichnet die EBL aktuell 47 privat installierte Ladestationen. Und wer unterwegs laden muss, findet unter ich-tanke-strom.ch im Umkreis von 5 Kilometern um Läufelfingen 25 öffentliche Ladestandorte mit 55 Stationen.
Baut die Adev mit ihrer neuen, öffentlichen Ladesäule am Bahnhof Läufelfingen also komplett am eigentlichen Bedarf vorbei? Bei der Energiegenossenschaft sieht man das differenzierter. Auch der Adev sei klar, «dass die Hauptstrommenge heute zu Hause oder im Büro geladen wird», hält das verantwortliche Adev-Trio – bestehend aus Thomas Tribelhorn (Vorsitzender der Geschäftsleitung), Bernhard Schmocker (Leiter Bau und Planung) und Projektleiter Thomas Kramer – fest. Doch die kantonale Betrachtung hat in der Praxis einen gewichtigen Haken: die Mieterinnen und Mieter. Wer in einem Mehrfamilienhaus wohnt, für den bleibt das Laden daheim oft eine baulich unlösbare Illusion. «Es gibt nach wie vor viele Mehrfamilienhäuser, in deren Tiefgaragen es nicht möglich ist zu laden», weiss Thomas Tribelhorn aus eigener Erfahrung. Genau diese Menschen sind auf ein breites öffentliches Ladenetz angewiesen.
Initiiert wurde das Projekt am Bahnhof von der damaligen Gemeindepräsidentin Sabine Bucher (heute Gemeinderätin Sissach). Ihr Ziel: Das für Solarstrom gut geeignete Dach des Gemeindewerkhofs sinnvoll nutzen und gleichzeitig die Park-&-Ride-Parkplätze aufwerten, um die S9 für Pendler mit Elektroautos attraktiver zu machen.
Laut Adev handelt es sich zudem um die einzige Schnellladestation im Oberbaselbiet, die nicht an einer Autobahnraststätte liegt. Entsprechend ist sie primär für Autofahrende gedacht, die rasch Energie brauchen («Stop & Charge»). «Das Konzept in Läufelfingen sieht zudem vor, dass der Standort auch mit langsameren AC-Ladestationen ergänzt wird», erklärt Thomas Kramer. Man habe sich im Dienstbarkeitsvertrag bereits das Recht gesichert, bei der ohnehin anstehenden Sanierung der Kantonsstrasse die nötigen Leitungen für diese günstigeren Pendler-Stationen zu verlegen.
Fehlendes Puzzleteil: Speicher
Der Werkhof beim Bahnhof benötigt nur 6 Prozent des produzierten Stroms der 82-Kilowatt-Anlage selbst. Für das Projektteam ist das Ziel deshalb klar: Man will einen hohen Eigenverbrauch vor Ort erzielen, «was vor allem möglichst viel Läufelfinger Sonnenstrom bedeutet». Davon profitiert auch die Kundschaft an der Zapfsäule: Mit 54 Rappen pro Kilowattstunde ist der bezogene Strom für einen Schnelllader ausserordentlich günstig. Aus Sicht der Adev ergibt die Kombination von Solaranlage und Ladesäule grossen Sinn, auch weil sich so ein einziger Stromanschluss geschickt doppelt nutzen lässt.
Wer allerdings abends oder frühmorgens im Dunkeln lädt, tankt keinen Sonnenstrom. Ein Batteriespeicher könnte dieses Problem lösen, und das Projektteam bestätigt, dass für einen Speicher inklusive intelligentem Lastmanagement bereits alles vorbereitet ist.
Warum zögert man also? Bernhard Schmocker macht dazu eine klare Ansage: «Natürlich muss sich ein Batteriespeicher rechnen, ansonsten wird nicht investiert.» Vorerst freut man sich bei der Adev darüber, dass mehr als 50 Prozent der Ladevorgänge tagsüber stattfinden. «Mit zum Beispiel drei Ladevorgängen an einem Tag, knapp einen Monat nach Inbetriebnahme, hätten wir nicht gerechnet.»
Über die Ladesäule allein wird der grosse Überschussstrom des Werkhof-Daches jedoch kaum abgesetzt werden können. Im Hintergrund arbeitet man deshalb an viel weitreichenderen Konzepten. Mit Modellen wie einem virtuellen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) oder einer lokalen Elektrizitätsgemeinschaft (LEG) kann mehr Sonnenstrom direkt vor Ort abgesetzt werden. Der Pilot in Läufelfingen ist somit viel mehr als nur eine Zapfsäule. Er ist ein lokales Labor, das zeigen soll, wie sich dezentraler Solarstrom in Zukunft am besten nutzen und vermarkten lässt.

