Gelebte und geliebte Tradition, die verbindet
12.05.2026 Sissach Bilderbuchbanntag mit mehr als 300 wanderlustigen Teilnehmern
Christian Horisberger und Rolf Wirz (Text und Bilder)
Wer die Wetterprognose für den Auffahrtstag von übermorgen anschaut (es soll regnerische 11 Grad geben) könnte ...
Bilderbuchbanntag mit mehr als 300 wanderlustigen Teilnehmern
Christian Horisberger und Rolf Wirz (Text und Bilder)
Wer die Wetterprognose für den Auffahrtstag von übermorgen anschaut (es soll regnerische 11 Grad geben) könnte neidisch sein auf die Sissacher, die am Samstag bei Sonnenschein und mehr als 20 Grad ihren Banntag abhielten. Das Traumwetter lockte eine grosse Zahl Mitwirkende an. Gut 300 Männer und zur Freude von Bürgerratspräsident Christoph Tschan auch viele Buben schmückten den Hut, schnürten die Wanderschuhe und fanden sich am späten Vormittag im Dorfzentrum ein, um ihrer «Pflicht» nachzukommen, die Gemeindegrenzen zu kontrollieren.
Mit den Hüten am Banntag ist es so eine Sache: Man sieht alle möglichen und unmöglichen Sachen. Dem Einfallsreichtum gewisser Herren scheinen keine Grenzen gesetzt. Im Grunde ist es ganz einfach: Mann trägt am Banntag einen Fedora mit einem gut befestigten Maien auf der linken Seite. Fertig! Am diesjährigen Sissacher Banntag den Vogel abgeschossen haben mindestens drei Teilnehmer. Rottenchef Niggi Bärtschi hatte seinen Hut noch auf der Wacht mit einem billigen Plastikfarn bestückt. Als er bemerkte, dass dies eine gewisse Aufmerksamkeit erregte, tauschte er diesen noch vor dem Ausmarsch durch einen flugs angelieferten Maien aus. Der ehemalige Präsident des Bezirksturnverbands Sissach, Martin Hasler (Thürnen), hatte an seinem Hut einen Maien mit hängender Tulpe befestigt, die ihm bei jeder Bewegung um den Kopf baumelte. Sieger des kleinen Banntagshut-Contests ist jedoch eindeutig Regierungsrat Isaac Reber, der eine Art Lampenschirm aus Stroh, Typ französische Provence, auf dem Kopf hatte.
Ein ebenso fester Bestandteil der Banntagstradition wie der Maien am Hut ist das Schiessen. Hier sah Peter Häberli nach dem Rechten: Er kontrollierte die Waffen, wobei er nur jene von Johann Rudolf Gunzenhauser disqualifizieren musste. Damit «J.R.» trotzdem mittun konnte, stellte Häberli ihm eine Ersatzwaffe zur Verfügung. Darüber hinaus definierte der Schützenmeister den Schiess-Knigge, und er dirigierte die «Feuergefechte», sei es vor dem Abmarsch, nach der Totenehrung oder nach der Rückkehr vor der Wacht. Gut 20 Schützen begleiteten mit Vorderlader-Gewehren und Pistolen die Rotte, darunter ein 12und ein 15-Jähriger – die von Könnern betreut wurden.
Während der «Grenzkontrolle» wurden viele Kilo Schwarzpulver zu Schall und Rauch. Nachhaltiger sind hoffentlich die Worte von Banntagsredner Thomas Weber. Der Alt-Regierungsrat hielt ein Plädoyer für Traditionen und Bräuche. Wie der Banntag, der vom rechtlichen Akt zu einem Brauch geworden sei, handle es sich auch bei der Fasnacht, dem Eierläset, dem Jodeln, dem Trachtentanz, dem Chorgesang oder dem Schwingen um Formen der Volkskultur. Im Nachgang zum «Esaf» in Pratteln, dessen OK Weber präsidiert hatte, entstand die IG Lebendige Traditionen Basel-Landschaft, für die er das Patronat übernommen hat. Die IG unterstütze Vereine und Verbände in ihrer wertvollen
Arbeit. Traditionen, Brauchtum, Heimat und Geselligkeit gehörten zusammen. Dies zeige sich im Dorf, in der Stadt, im Kanton und in der Schweiz, was man kürzlich am Dorffest in Oltingen eindrücklich habe erleben können, so Weber. Am Eidgenössischen Jodlerfest in Basel von Ende Juni werde dies wiederum der Fall sein, versprach er: «Die Menschen wollen sich an etwas Erfreulichem festhalten, das sie verbindet. Gelebtes Brauchtum ist auch eine Brücke über viele Generationen hinweg und bettet uns in die Heimat ein.» Bürgerratspräsident Christoph Tschan pries den Banntag mit Blick auf die Mitwirkenden von jung bis alt als etwas Verbindendes – auch über Generationen hinweg. Der Anlass definiere sich weniger über Grenzen, sondern über die Momente, die man miteinander teile.
Was haben Ruedi Ritter (Diegten), Martin Mundwiler (Itingen) und Rolf Wirz (Nusshof) gemeinsam? Es handelt sich um Gemeindepräsidenten, die auf Einladung der Bürgergemeinde Sissach am Banntag teilnahmen. Und: Sie alle treten Ende Juni von ihrem Amt zurück. Als sich bei einem Halt der Zunzger Präsident Hansruedi Wüthrich zum Trio gesellte, drängte sich die Frage geradezu auf, ob er es ihnen nicht gleichtun wolle. Wüthrich verneinte. Jedenfalls wisse er davon noch nichts.
Eines haben alle Sissacher Banntagsrouten gemeinsam: Es geht immer «obsi». Die diesjährigen Route wies gleich zwei nahrhafte Steigungen auf. Fähnrich Thomas Häfelfinger führte die Rotte zunächst in Richtung Gelterkinden aus dem Dorf, um beim «Nebiker» auf die Thürner Grenze einzuschwenken. Hier erfolgte der erste, knackige Aufstieg zur «Chärneweid». Nach einer Verschnauf- und Trinkpause ging es hinunter zur «Bierchällerhütte», wo die Festrede und die Totenehrung stattfanden. Nach dem Durchschreiten der Talsohle beim «Tannenbrunn» und dem Überqueren der Autobahn ging es – nun entlang der Grenze zu Zunzgen – wieder steil hinauf in Richtung «Spitzeberg». Die letzte Etappe führte nahe der Grenze zu Itingen zum Festplatz bei der ehemaligen Kehrichtdeponie im Gebiet «Tanneried». Dort schöpften die Bürgerräte aus Eimern Suppe mit Spatz, frisch zubereitet von der Banntagskommission.
Im Festzelt machte während des Essens ein Formular die Runde: die Adressliste für die nächstjährigen Einladungen zum Banntag. Dies zur Enttäuschung der Banntägler, denen die diesjährige Route etwas gar streng war. Unter eine Petition für weniger Höhenmeter im nächsten Jahr hätten sie ihren Namen wohl freudiger gesetzt.
Als würdiger Abschluss des Anlasses möge man möglichst vollzählig gemeinsam im Dorf einmarschieren. Diesem Wunsch des Bürgerpräsidenten folgte die Banntagsrotte grossmehrheitlich. Dass mit Heiner Oberer und Jürg Chrétien ausgerechnet zwei Berufssissacher das Sakrileg begingen, sich nach dem Wurst-und-Brot-Halt «französisch» zu verabschieden, sei ihnen vergeben: Sie durften/ mussten/sollten gleichentags einem Geburtstagskind ihre Reverenz erweisen.




