Für alle ein offenes Ohr
19.03.2026 LupsingenPfarrer Roland Durst wird Ende Monat pensioniert – er hat einiges bewegt
17 Jahre lang war Roland Durst Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Ziefen-Lupsingen-Arboldswil. Nun wird der 65-Jährige in die Pension verabschiedet. Vorher spricht er über seine Zeit als ...
Pfarrer Roland Durst wird Ende Monat pensioniert – er hat einiges bewegt
17 Jahre lang war Roland Durst Pfarrer der Reformierten Kirchgemeinde Ziefen-Lupsingen-Arboldswil. Nun wird der 65-Jährige in die Pension verabschiedet. Vorher spricht er über seine Zeit als Seelsorger und seinen ungewöhnlichen Weg ins Pfarramt.
Timo Wüthrich
«Die Pension fühlt sich etwas paradox an», sinniert Roland Durst in seinem Arbeitszimmer. Zwischen leer geräumten Bücherregalen und Umzugskisten blickt der Pfarrer auf seine 17-jährige Amtszeit zurück. «Die Beziehungen loszulassen, die ich in dieser Zeit aufbauen konnte, fällt mir sehr schwer», gesteht Durst. «Gleichzeitig freue ich mich darauf, weniger Verantwortung tragen zu müssen.» Der 65-Jährige war in der Reformierten Kirchgemeinde Ziefen-Lupsingen-Arboldswil für seinen Weitblick und Humor bekannt. Ende Monat wird er pensioniert. Am Sonntag findet in der Ziefner Kirche St. Blasius eine Abschiedsfeier statt.
Für Durst verlief der Weg ins Pfarramt alles andere als geradlinig. Er machte zunächst eine Ausbildung zum Physiotherapeuten und studierte Betriebswirtschaft, ehe er sich im Alter von 41 Jahren neu orientierte und für ein Studium der Theologie entschied. «Während einer halbjährigen Periode der Arbeitslosigkeit überdachte ich vieles. Mir wurde klar, dass ich mit Menschen zusammenarbeiten und dabei etwas bewegen will – ohne den Druck der freien Wirtschaft», erklärt Durst. «Zudem ging ich in ein Kloster, um eine Auszeit zu nehmen. Die positive Erfahrung bestärkte meine Entscheidung, Pfarrer werden zu wollen.»
Als Spätberufener war das Theologiestudium für Durst eine Herausforderung: «Die Sprachen bereiteten mir einiges an Kopfzerbrechen, vor allem die hebräische. Meine Mitstudierenden waren halb so alt wie ich. Sie konnten über das Wochenende schnell einige Hundert Vokabeln auswendig lernen. Da hatte ich deutlich mehr zu beissen.» Doch das Durchhalten zahlte sich aus. Mit 48 Jahren beendete er das Studium und war ausgebildeter Theologe. Nach einem einjährigen Vikariat, der praktischen Ausbildung für angehende Pfarrer, kam er ins Oberbaselbiet – für den gebürtigen Basler bis dahin eine eher unbekannte Gegend.
Durst blickt auf die Umzugsschachteln und erinnert sich an seine Anfänge in Lupsingen, wo er während seiner Zeit bei der Kirchgemeinde Ziefen-Lupsingen-Arboldswil wohnte. «Im Unterschied zum Stadtleben kennt hier jeder jeden, das war für mich zu Beginn neu.» Obschon ihm der Beruf grosse Freude bereitete, sei seine Rolle im Dorf teilweise herausfordernd gewesen, erzählt er. «Wenn ich aus dem Haus ging, war ich immer der Pfarrer.» Deshalb habe er nur selten an Gemeindeversammlungen teilgenommen. «Dort wurde ich nicht als Einwohner gesehen, sondern als Vertreter der Kirche. Ich wollte nicht, dass sich potenzieller Frust über meine politische Einstellung auf die Kirche überträgt», sagt Durst.
Dorfcafé als Höhepunkt
Ganz ohne Politik verstand Durst sein Amt jedoch nie: «Ich sehe mich als politischen Pfarrer.» In seinen Predigten verbinde er gesellschaftspolitische Themen mit biblischen Texten. «Die Relevanz der Bibel zeigt sich für mich erst mit Bezug zur Gegenwart. Ein Gottesdienst soll keine trockene Textkritik sein.» Trotz beinahe zwei Jahrzehnten Erfahrung ist der 65-Jährige vor Gottesdiensten immer noch nervös – kalte Hände seien seine treuen Begleiter.
Neben der Nervosität haben den Seelsorger vor allem die zahlreichen Freiwilligen begleitet: «Ohne sie hätte ich nur halb so viel bewirken können. Besonders beim ‹L25› sind helfende Hände wichtig», hebt Durst hervor und deutet auf den Anbau neben seinem Büro. Hinter der etwas sperrigen Abkürzung verbirgt sich ein von der Kirchgemeinde betriebenes Café, das am Donnerstagnachmittag als Treffpunkt für das Dorf dient. Das Kürzel steht für die Adresse des Lokals – und für die Preise: Alle Getränke und Speisen kosten 2.50 Franken. Die Idee für den Begegnungsort stammt von Durst selbst: «Dieses Projekt gehört für mich zu den Höhepunkten. Kirche ist da, wo sich Menschen treffen.»
«Das ist sehr bedauerlich»
Zu den schwierigsten Aufgaben seines Berufs zählte für Durst, Beerdigungen junger Verstorbener zu leiten. Für ihn als Seelsorger gelte es, Angehörige und Freunde bestmöglich zu unterstützen und ihrem Schmerz Worte zu geben. «Bei Abdankungen steht zwar die verstorbene Person im Vordergrund. Doch es soll den Trauernden die Möglichkeit gegeben werden, im Rahmen dieses uralten Rituals zu trauern und Abschied nehmen zu können – aber es darf auch gelacht werden», sagt er. «Meine Aufgabe war es, für alle ein offenes Ohr zu haben – egal, welcher Konfession sie angehören.»
Durst beobachtete eine Entwicklung, die er kritisch sieht. «Es findet eine Privatisierung statt. Angehörige wollen bewährte und kraftvolle Rituale wie Taufen oder Trauerfeiern immer häufiger nur im engsten Familienkreis durchführen. Das ist sehr bedauerlich», sagt er und ergänzt: «Jemand, der einen verstorbenen Menschen hin und wieder im Dorf sah, aber nicht näher kannte, hat so keine Möglichkeit mehr, Abschied zu nehmen von dieser Person.»
Am Sonntag wird sich Durst in die Pension verabschieden und dabei in seinem Baseldeutsch vielen ein letztes Mal ein «Läb wohl» wünschen. An der Abschiedsfeier rechnet der abtretende Pfarrer mit vielen Umarmungen, Händeschütteln und auch einigen Tränen. Dieser Tag beschäftigt den Seelsorger schon seit einigen Wochen. «Ich will mich ein letztes Mal zeigen – so wie ich bin. Eine Show abzuziehen, ist nicht meine Art.»
Insbesondere wolle er sich bei jenen Menschen bedanken, die er während der 17 Jahre in den drei Dörfern kennenlernen durfte. «Schliesslich war genau das meine Motivation, mit über 40 nochmals einen anderen Weg zu gehen.»

