«Funktioniert es, ist es genial»
18.06.2026 EptingenMundartsänger Ritschi über die Höhen und Tiefen seines Berufs
Mit der Mundartband Plüsch wurde Ritschi zu einer prägenden Figur der Schweizer Musikszene. Im Gespräch blickt der Berner zurück auf seinen Weg ins Rampenlicht und verrät, was ihn nach ...
Mundartsänger Ritschi über die Höhen und Tiefen seines Berufs
Mit der Mundartband Plüsch wurde Ritschi zu einer prägenden Figur der Schweizer Musikszene. Im Gespräch blickt der Berner zurück auf seinen Weg ins Rampenlicht und verrät, was ihn nach über 20 Bühnenjahren motiviert, an Konzerten wie dem «EptingAIR» aufzutreten.
Nicolas Jermann und Noel Bühlmann
Ritschi, wann haben Sie gewusst, dass Sie Musiker werden wollen?
Ritschi: Gewusst habe ich das eigentlich nie. Es hat in der Sekundarschule angefangen. Mein Musiklehrer Tinu Heiniger, der selbst ein bekannter Schweizer Liedermacher ist, erkannte mein Talent und holte mich für einen Auftritt auf die Schulbühne. Nach dem Auftritt kam ein anderer Lehrer auf mich zu, der mich von der Schulband überzeugte. Die Schulband war im Nachhinein die bestmögliche Entscheidung, da daraus zuerst «VIP» und dann «Plüsch» entstand. Ich liebte es von Anfang an, auf der Bühne zu stehen, aber dass Musik einmal mein Beruf werden würde, hätte ich nie gedacht. Das ergab sich vor allem durch den Erfolg unseres ersten Albums.
Mit «Plüsch» haben Sie Schweizer Musikgeschichte geschrieben.
Wie blicken Sie heute auf diese intensive Anfangszeit zurück?
Unsere Anfangszeit war nicht extrem intensiv. Für uns war es zu Beginn vor allem der Spass am Musikmachen, der im Vordergrund stand. Wir haben damals einfach unglaublich viel geprobt. Während andere in den Ausgang gingen, spielten wir im Bandraum. Mit viel Freude und ohne grossen Druck eigneten wir uns alles selbst an. Als später Hunderte oder sogar Tausende Menschen zu unseren Konzerten kamen, fühlte sich das nicht belastend an. Das war für uns wie selber zu feiern, nur mit Applaus am Ende. Schwieriger wurde es erst, als die Erwartungen stiegen. Nach unserem ersten Album, das völlig unerwartet durch die Decke ging, musste das zweite Album plötzlich genauso erfolgreich sein wie das erste.
Was hat sich seit damals verändert?
Heute ist der Beruf sogar noch intensiver. Früher musste man gute Songs schreiben und auftreten. Mit ein wenig Glück erhielt man dann einen Plattenvertrag. Heute kommen Social Media, Werbung, Sponsoren und Selbstvermarktung dazu. Es reicht nicht mehr aus, nur gute Musik zu machen. Ein junger Musiker muss sich neben der Musik noch auf viele andere Dinge fokussieren. Das ist auch für ältere Musiker eine grosse Herausforderung.
Sie singen seit jeher im Berner Dialekt. Stand ein Wechsel auf Englisch oder Hochdeutsch jemals zur Debatte?
Eigentlich nicht. Mundart ist für mich die natürlichste Sprache zum Schreiben und Auftreten. Zwischen Ansagen und Liedern gibt es keinen sprachlichen Bruch, das baut aufeinander auf. Zudem reicht mein Englisch nicht aus, um Texte genauso authentisch zu formulieren, wie ich es möchte. Nur wenige Schweizer Musiker schaffen es, auf Hochdeutsch wirklich natürlich zu klingen. Ich habe zwar schon auf Englisch gesungen, zum Beispiel bei der Fernseh-Show «Sing meinen Song», aber beim Songwriting wäre ich in längerer Hinsicht auf Hilfe angewiesen. Das würde nicht nur Geld kosten, sondern auch bedeuten, dass ich Urheberrechte teilen müsste.
Wie war der Übergang vom Bandmitglied zum Solokünstler?
Ich musste nicht bei null anfangen. Viele Leute aus meinem Team blieben dieselben. Neu war vor allem, dass ich Songs und Texte allein schreiben musste. Anfänglich empfand ich das als befreiend, weil ich keine Kompromisse mehr eingehen musste. Plötzlich musste ich nicht mehr mit den anderen diskutieren. Später merkte ich aber auch, dass mir der gemeinsame Austausch innerhalb einer Band fehlte. Als Solokünstler stehst du plötzlich ganz alleine an der Front. Du trägst die gesamte Verantwortung selbst.
Wie fanden Sie den Rank?
Zum Glück hatte ich damals sehr viel Selbstvertrauen und konnte mit demselben Produzenten wie zu «Plüsch»-Zeiten weiterarbeiten. Ich konnte auch einen Teil der Fans weiterhin begeistern, wusste aber gleichzeitig auch, dass es völlig okay ist, wenn ich allein nicht gleich viele Leute erreichen kann wie mit der Band. Dass ich locker bleiben musste, habe ich gewusst, und klar ist Lockerheit etwas, das auch nur dann funktioniert, wenn man Erfolg hat; aber zum Zeitpunkt, als ich aus der Band kam, war das so.
Was ist heute Ihre Haupteinnahmequelle?
Das verändert sich ständig. Früher konnte man mit Albumverkäufen gutes Geld verdienen. Heute werden kaum noch CDs verkauft, die Produktionskosten sind aber ähnlich hoch geblieben. Streaming bringt nur sehr wenig ein. Selbst Millionen von Streams decken die Produktionskosten oft nicht. Geld verdient man heute hauptsächlich mit Konzerten. Doch viele Menschen gehen seit der Pandemie seltener zu Konzerten. Ich halte Vorträge in Firmen und spreche dort über Motivation und die Herausforderungen der Musikbranche. Dazu kommen Sponsoring sowie Einnahmen aus Urheberrechten. Für mich reicht das zum Leben. Viele Musiker müssen allerdings zusätzlich einem anderen Beruf nachgehen. Musiker zu sein ist ein Fulltime-Job, der viel Einsatz verlangt.
Was würden Sie heute Ihrem 20-jährigen Ich raten, das gerade am Anfang der Karriere steht?
Meinem 20-jährigen Ich, also dem Ritschi, der gerade mit «Plüsch» die ersten Erfolge feiert, würde ich sagen: «Werde Musiker!» Es hat ja funktioniert. Meinem Sohn würde ich raten, seine Lehre zu beenden und sich zu bilden. Aber natürlich würde ich ihn auch voll bei seinen Musikträumen unterstützen. Ich fände es super, wenn er es ausprobiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass man mit der Musik wirklich Erfolg hat, ist zwar klein, wenn es funktioniert, ist es aber genial.
Was steht diesen Sommer an?
Dieser Sommer wird ziemlich intensiv, aber auf eine sehr schöne Art. Wir sind mit meinem aktuellen Album voll auf Tour und jetzt stehen die Open Airs und Festivals an. Eines davon ist das «EptingAIR», auf dieses freue ich mich besonders, denn unter freiem Himmel zu spielen, ist immer grossartig. Wir spielen quer durch die Schweiz – von kleinen, herzigen Dorf-Festivals bis hin zu den grösseren Bühnen.
Wie sieht es mit neuer Musik aus?
Parallel zu den Konzerten sitze ich schon wieder an neuen Songideen. Ich nutze oft die Zeit im Auto oder die Tage zwischen den Wochenend-Gigs, um Zeilen aufzuschreiben oder Melodien ins Handy zu summen. Ein neues Album steht zwar so schnell noch nicht an, aber wir wollen eine neue EP veröffentlichen, mit Aufnahmen von einem meiner Konzerte mit dem Sinfonieorchester Basel. Das wird sicher ganz besonders. Gegen Anfang Herbst gehe ich dann mit Andreas Hunziker, dem ehemaligen Keyboarder von «Plüsch», auf Tour. Wir wollen zusammen sicher noch eine neue Single veröffentlichen.
Zur Person
vs. Andreas Ritschard, bekannt als «Ritschi», wurde am 7. März 1979 in Interlaken geboren. Nach einer Schreinerlehre etablierte er sich als einer der bekanntesten Mundart-Popsänger der Schweiz. Mit «Plüsch» feierte er grosse Erfolge in der Schweizer Musikszene, bevor er seine Solokarriere startete. Mit «Plüsch» und als Solokünstler hat er mittlerweile mehr als 365 000 Alben verkauft und mehr als 400 Konzerte gespielt. Fünf seiner bisher sechs Soloalben stiegen in die Top 3 der Schweizer Hitparade ein. Im Jahr 2021 gewann er die zweite Staffel von «The Masked Singer Switzerland».
«EptingAIR», Open-Air Konzert in Eptingen, 20. und 21. Juni mit Ritschi und «Stubete Gäng».


