Flugbewegungen über Sissach
15.05.2025 SissachPeter Bergers Tauben kreisen übers Dorf
Immer wieder fallen mir am Himmel über Sissach Tauben auf, die im Schwarm ihre Runden und Achterschlaufen drehen – einmal höher, einmal tiefer fliegen. Sie gehören dem ehemaligen Bijoutier Peter Berger.
...Peter Bergers Tauben kreisen übers Dorf
Immer wieder fallen mir am Himmel über Sissach Tauben auf, die im Schwarm ihre Runden und Achterschlaufen drehen – einmal höher, einmal tiefer fliegen. Sie gehören dem ehemaligen Bijoutier Peter Berger.
Ruedi Epple
Mich empfangen quakende Frösche, gurrende Tauben und lautlos krabbelnde Schildkröten. Ich befinde mich in der «Oase» von Peter Berger. So nennt der ehemalige Uhrmacher und Bijoutier seinen Garten hinter dem Wohn- und Geschäftshaus an der Hauptstrasse.
Die über Sissach fliegenden Tauben sind seine «Wiener Hochflieger», die als «Stich» – wie Taubenzüchter sagen – ihr «Training» absolvieren. Ziel ist, dass ein «Stich» möglichst kompakt fliegt, hoch in die Lüfte steigt und seinen Flug möglichst lange fortsetzt. Im Wettbewerb zwischen den Züchtern wird daraus ein Index berechnet. Der «Stich» mit dem höchsten Index gewinnt.
Bis vor wenigen Jahren musste man die Flughöhe der Tauben schätzen. Heute verfügen Berger und seine Kollegen über miniaturisierte Barometer von 4 Gramm Gewicht. Diese geben sie den Tauben als Beinringe mit. Drahtlose Übermittlung erlaubt es, die Flughöhe während des ganzen Flugs aufzuzeichnen. Die Wettbewerbe der Taubenzüchter haben dadurch eine verlässlichere Grundlage erhalten. Bergers Flugteam belegte schon oft Spitzenplätze.
Berger zeigt mir eine Grafik zu einem Flug, der beinahe 3 Stunden dauerte und bei dem seine Hochflieger über lange Zeit auf einer Flughöhe zwischen 600 und 1400 Metern verweilten. Auf dieser Höhe waren die Tauben kaum zu sehen.
Die Angst vor dem Falken
Noch eine weitere Beobachtung lässt sich machen. Auf einer Flughöhe von knapp 400 Metern teilte sich der «Stich» plötzlich in 2 Gruppen: Ein erster Teil sank rasch ab und kehrte in den Taubenschlag zurück. Ein zweiter stieg rasch auf und blieb oben. Ein solches Verhalten seines «Stichs» ist für Berger ein untrügliches Zeichen für den Angriff eines Wanderfalken. Ohne Angriff wäre der «Stich» kompakt zusammengeblieben.
Peter Berger züchtet seine Tauben nicht allein auf Leistung. Auch ihr elegantes Aussehen ist ihm wichtig und vor allem ihr Verhalten gegenüber Feinden. Falkenangriffe kommen immer wieder vor. Berger hat Jahre erlebt, in denen er bis zu 50 Tauben an Raubvögel verlor.
Um nicht in deren Fänge zu geraten, müssen Tauben geschickt reagieren: Weichen sie dem Angreifer aus, indem sie nach unten fliegen, erhöht sich das Risiko, vom Falken geschlagen zu werden. Denn dieser ist ein Könner des Sturzflugs. Weichen sie hingegen nach oben aus, haben sie bessere Überlebenschancen. Im raschen Steigflug sind Tauben dem Falken überlegen.
Durch die Auswahl der Tauben, die sich richtig verhalten, gelingt es Berger, die instinktive Reaktionsweise seiner Vögel zu fördern und dem Falken die Jagd zu erschweren. So führt er auf seinem Computer detailliert Buch über den Bestand. Eine Tabelle hält für jede Tauben deren Ahnen, Alter, Geschlecht, Leistung und Flugverhalten fest. Aufgrund dieser Angaben entscheidet Berger über die Paarung der Vögel. Hat sich ein Taubenpaar einmal gefunden, bleibt es monogam und zieht Junge nach. Beim Training der Nachkommen stellt sich heraus, ob die Zucht erfolgreich war. Die sorgfältige Beobachtung seiner Tauben beim Flug und im Fall eines Falkenangriffs sorgt bei Berger jeden Tag für Spannung.
Von Dieben und Brieftauben
Der Taubenschlag in Bergers Garten beherbergt jedoch nicht nur die leistungsfähigen «Wiener Hochflieger», sondern auch einzelne Diebes- und Brieftauben. Diese sind zu Gast in seinem Schlag, weil sie irgendwo zugeflogen sind und bei ihm Asyl gefunden haben. So erfahre ich bei meinem Besuch nicht nur etwas über die Zucht von «Wiener Hochfliegern» und «Altösterreichischen Kibitzen».
Ich höre auch etwas über die kulturelle Vielfalt der Taubenkulturen. So sind zum Beispiel die Diebestauben unter spanischen Taubenzüchtern beliebt. Diese lassen ihre Täuber mit einer markierten Täubin aus einem fremden Schlag fliegen. Gelingt es einem dieser Täuber, die Taube in seinen eigenen Schlag zu treiben, macht er seinen Halter damit zum «Champion» im Verein. Oder die Brieftauben: Die sind mit einem sehr guten Orientierungssinn ausgestattet. Dieser erlaubt es ihnen, über eine sehr grosse Distanz zu ihrem Heimatschlag zurückzufliegen. Früher nutzte man diese Fähigkeit zur Übermittlung von Nachrichten. Internetverbindungen erledigen das heute in Sekundenschnelle …
Zur Leidenschaft für Tauben fand der heute 83-jährige Peter Berger als Kind. Väterliche Freunde führten ihn in die Kunst der Taubenzucht ein, und diese liess ihn nicht mehr los, wurde zum Teil seines Lebens, wie er selber sagt. Solange er in seinem Schmuckund Uhrengeschäft tätig war und Uhren reparierte, übte er die Taubenzucht als Freizeitbeschäftigung aus. Seit er 2011 sein Geschäft geschlossen hat, ist er gemäss eigenen Worten in der «Profi-Liga» unterwegs.
Seinen Beruf hängte Berger nicht leichten Herzens an den Nagel. Er ging in Pension, weil ihn wiederholte Raubüberfälle und strenge Auflagen der grossen Uhrenmarken zermürbten. Diese konzentrierten ihren Absatz lieber auf umsatzträchtige Lagen in Grossstädten und an Tourismusorten, zogen sich aber aus alteingesessenen und gut etablierten Geschäften in regionalen Zentren wie Sissach zurück.
Sein Hobby brachte Berger dazu, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. So befasste er sich nicht nur mit der Vererbungslehre, sondern nutzte früh auch digitale Unterstützung. Zudem unterhält er mehrere Websites. Und er bildete sich im Mikroskopieren weiter. Krankheitserreger kann er heute in Stuhlproben ohne tierärztliche Unterstützung feststellen und Behandlungen rasch umsetzen.
Schliesslich hat er sich in die Fachliteratur eingelesen und weiss nicht nur über seine eigenen Zuchtrassen, sondern auch über viele andere Taubenarten und -kulturen Bescheid. Zwar sorgen seine heimattreuen Tauben nur über Sissach für lautlose Flugbewegungen. Doch erfahre ich, dass ihr Meister über Zusammenhänge und Hintergründe Bescheid weiss, die weit über seinen Wohnort hinausreichen.
Die nächsten Jubiläumsanlässe Freitag, 16. Mai, bis Sonntag, 18. Mai: Gewerbeausstellung Mega mit mehr als 130 Ausstellerinnen und Ausstellern und einem vielseitigen Unterhaltungs- und Verpflegungsangebot in der gesamten Begegnungszone, beim Bahnhof sowie auf dem Postplatz. Die Ausstellung ist geöffnet am Freitag von 17 bis 22 Uhr, am Samstag von 10 bis 22 Uhr sowie am Sonntag von 10 bis 17 Uhr. www.mega-sissach.ch
Freitag,23.Mai: «Die Seidenstrassen und ihre fehlenden Teile im Humboldt Forum». Vortrag von Hinchi Kong, Leiter des «China-House». Der Anlass ist Teil des Jahresthemas «Die Sissacherin Ursula Graf und ihre Seidenstrassen». «China-House», Hauptstrasse 120. 18.30 bis 21 Uhr. Mit Nachtessen. Preis 40 Franken.

