«Es ist wie ein Abschied von der Familie»
26.03.2026 WaldenburgPfarrer Hanspeter Schürch geht in Pension
26 Jahre war Hanspeter Schürch Seelsorger in der Reformierten Kirchgemeinde Langenbruck-Waldenburg-St. Peter. Jetzt freut er sich auf den dritten Lebensabschnitt in seinem umgebauten Bauernhaus. Zuvor blickt er auf sein Schaffen ...
Pfarrer Hanspeter Schürch geht in Pension
26 Jahre war Hanspeter Schürch Seelsorger in der Reformierten Kirchgemeinde Langenbruck-Waldenburg-St. Peter. Jetzt freut er sich auf den dritten Lebensabschnitt in seinem umgebauten Bauernhaus. Zuvor blickt er auf sein Schaffen zurück.
Elmar Gächter
«Der Talar hat mich 26 Jahre in meinem Amt begleitet. Nun hat er hinten im Kragen einen Riss bekommen und ich müsste ihn ersetzen. Auch beim Mäppli, das ich meist bei mir trage, geht die Schnalle nicht mehr zu. Es sind wie Zeichen von oben, ja, die Dinge fügen sich», hält Hanspeter Schürch im Gespräch mit einem Schmunzeln fest. Am Sonntag wird er an seinem Abschiedsgottesdienst das «Arbeitsgewand» als Pfarrer zum letzten Mal tragen, jenen Talar, den er bei seinem Amtsantritt eigentlich nie tragen wollte, der ihm jedoch sehr lieb geworden ist. «Einerseits weil ich Mühe hatte, adäquate Kleider zu finden, und vor allem, weil ich mich mit ihm wie herausgehoben fühlte und mir bewusst war, der Herde vorzustehen. Wenn ich ihn jetzt endgültig ablege, ist es wie eine Entlastung – ich kann mein Amt in andere Hände übergeben.»
Es sollte in seiner beruflichen Laufbahn viele Jahre dauern, bis er seine Bestimmung als Pfarrer fand. In einer frommen, pietistischen Arbeiterfamilie in Gelterkinden aufgewachsen, war an eine akademische Ausbildung vorerst nicht zu denken. So wandte sich Hanspeter Schürch zunächst einer Lehre als Elektromechaniker zu, liess sich als Sozialpädagoge ausbilden und arbeitete in Basel als Jugendarbeiter in einer Kirchgemeinde. Philosophische, spirituelle und christliche Fragen faszinierten ihn jedoch immer mehr, sodass er mit nachgeholter Matur das Studium als Pfarrer aufnahm. «Ich empfand dies als grosses Privileg und bin heute noch dafür dankbar, dass mich Stipendien und Stiftungen auf diesem Bildungsweg unterstützt haben.»
In Waldenburg hat er sich von Anfang an aufgenommen gefühlt, «im besten Sinne des Wortes», wie er festhält. Er betont dies ganz besonders, weil er sich während des Wahlprozesses in Scheidung von seiner ersten Frau befand. Es gab zwar ein paar kritische Stimmen, die Wahl war jedoch unbestritten. «Mir fiel dabei auf, dass die ältere Generation in solchen Fragen allgemein viel barmherziger ist als das schnelle Urteil junger Leute.»
Sein Vikariat absolvierte er bei seinem Pfarrvorgänger Erich Meier. «Er hat mich in zweifacher Hinsicht beeinflusst. Er hat das Diakonische im Pfarrberuf sehr hochgehalten und nicht das Akademische oder Belehrende.» Der Pfarrer sei weder Moralapostel noch Welterklärer, sondern Unterstützender und Helfender. «Er war ein so grosses Vorbild, dass man nicht in Versuchung kam, ihn zu kopieren. Schon seine Gestik war ein eigenes Programm und eine klare Mahnung an mich: Du kannst nur sein, wer du bist; bleibe authentisch und sei kein Abziehbildchen.» Dies sei für ihn stets ein wichtiger Inhalt gewesen. Es könne auch bedeuten, dass man Leute enttäusche, doch trage man die Kritik leichter, wenn man der eigenen Überzeugung folge.
Kritische Zeit
«Ich bin mehr und mehr ein Rebell geworden», sagt Hanspeter Schürch von sich. Ihm ist nichts ferner als blindes Annehmen von Expertenwissen. «Es gibt keine einseitige Wahrheit. ‹Mainstream› ist etwas Gefährliches. Ich habe tatsächlich ein Art Kämpferherz in mir. Wenn alle sagen blau, blau, blau, muss ich rot sagen. Dabei habe ich mit Jesus einen Schutzpatron. Er hat dort, wo alle in die gleiche Richtung gesprungen sind, stopp gesagt und gemahnt, dass es auch anders sein könne. Da fühle ich mich ihm besonders verwandt. Jesus hat mich stets, wenn er mir gegenüberstand, spüren lassen, wo mein blinder Fleck liegt.»
Das Rebellische kam bei Hanspeter Schürch während der Corona-Zeit ganz besonders zum Vorschein. Es war für ihn auch eine Gewissensfrage, sich gegen die sogenannten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu wenden. Wissenschaft sei immer disputabel und man könne sie nur ernst nehmen, wenn Widerstand zugelassen wird. Der Widerspruch sei der notwendige Prüfstand einer redlichen Wissenschaft und zwinge dazu, die eigene These zu schärfen. «Bei den coronakritischen Anschlägen am Pfarrhaus stand ich vor der Frage: Folge ich meinem Gewissen oder verstecke ich mich? Ich befasste mich auch mit dem Gedanken, dass man mir kündigen oder ich den Bettel hinschmeissen könnte. Aber ich denke, dass eine grosse Mehrheit unserer Gemeinde sich gesagt hat, dass nicht alles Offizielle zusammenpasste.»
Aus Sicht von Hanspeter Schürch bewegt sich die reformierte Kirche immer mehr von der Mitte an den Rand, langsam und nicht spektakulär. Die Relevanz der Kirche nehme laufend ab. Dies habe mit ihren eigenen Problemen zu tun, vor allem, wenn sie sich bei ihren Rettungsmassnahmen an den Zeitgeist verkaufe. «Wer mit der Zeit geht, geht mit der Zeit» – das hält er für eine tiefe Wahrheit. «Wir müssen uns immer wieder besinnen, was unser Kern ist. Ich mache mir jedoch keine Sorgen, denn das Abdriften an den Rand eröffnet auch wieder Chancen. Als ich Jugendarbeiter war, meinte ein legendärer Medienschaffender zur Frage, was eine Kirche ohne Mitglieder bedeute: Er habe keine Sekunde Angst, denn wenn man die Kirche sozusagen am 31. Dezember eindampfe, stünden am 1. Januar wieder Leute auf, um Kirche zu machen.» Ihm als Pfarrer sei bewusst, dass er aus einer privilegierten Warte rede. Wenn ihn ein eigenes Kind fragen würde, ob es Pfarrerin oder Pfarrer werden möchte, würde er empfehlen: Mach es. Es werde die Pfarrpersonen immer brauchen, vielleicht in anderen Formen.
Für die Dorfkultur
Religionsunterricht war stets ein wichtiges Standbein seines Schaffens als Pfarrer. An den Kindern höre man das Gras wachsen. «Für mich ist der Religionsunterricht wie eine Art säen. Ich habe den Kindern stets gesagt, ihr dürft alles fragen und sogar sagen, dass ihr nicht an Gott glaubt. Eigentlich müsste man den Kindern nur Räume geben, in denen sie zum Fragen animiert werden und sich austauschen können. Dies ist eine Art von Überzeugung. Fragen sind da und wir müssen eine Sprache finden und den jungen Leuten aufs Maul schauen wie bei Luther. Einfach antworten und einfache Vorschläge bringen, im Gespräch bleiben – dann bin ich zuversichtlich.»
Mit grosser Freude blickt Hanspeter Schürch auf den Anlass «Donnerwetter über Waldenburg» zurück, als er dessen Lead übernommen hat. «Es war eine grosse Herausforderung und ich musste, als ich angefragt wurde, zunächst leer schlucken. Vielleicht, so sagte ich mir, jagen sie mich mit Kanonenschüssen zum ‹Stedtli› hinaus. Doch da hielt ich mich an die markigen Worte von Luther, dass aus einem verzagten Arsch kein fröhlicher Furz kommt.» So stelle er sich Dorfkultur vor, wenn mehr als 100 Leute zusammen etwas auf die Beine stellen und man später noch davon spreche. Wichtig sei, dass Kultur von den Leuten im Dorf gepflegt und nicht verordnet werde; deshalb schätze er vor allem auch Theaterabende mit den Dorfvereinen.
Jetzt folgt das Geniessen
Wenn er auf die vergangenen 26 Jahre zurückblickt, bleiben vor allem die schönen Geschichten in Erinnerung, die sich wiederholen. «Wenn ehemalige Konfirmandinnen und Konfirmanden nach mehrjähriger Funkstille sich plötzlich melden und fragen, ob ich ihr Kind taufen könnte, merke ich jeweils beim Taufgespräch, dass aus dieser Zeit doch etwas hängen geblieben ist. Was mich immer wieder berührt, ist das Grundvertrauen, das die Leute in das Pfarramt setzen. Sie müssen sich nicht erklären, weshalb sie nicht mehr in die Kirche kommen. Man kann anrufen, muss keine Formulare ausfüllen und auch am Sonntag ist die Türe offen. Aus diesem heraus sind ganz viele wunderbare Begegnungen entstanden.» Den Rückblick verbindet Schürch mit einer grossen Dankbarkeit – er spricht von viel mehr Sonnen- als Sturmstunden. Der Abschied erfüllt ihn auch mit Trauer, wenn ihn jemand auf der Strasse darauf anspricht und greifbar wird, wie sich nun etwas ändert. «Du merkst, es gibt eine Verbindung unter den Menschen, es ist wie ein Abschied aus der lieb gewonnenen und geschätzten Familie.» Gerne blickt er auch auf die gemeinsame Zeit mit Pfarrkollege Torsten Amling zurück. «Es war ein Glücksfall, mit ihm zusammenzuarbeiten. Wir ticken in vielem ganz ähnlich, beide wollen so wenig Bürokratie wie möglich und uns ist es wichtig, dass das Personal möglichst ohne Hürden arbeiten kann.» Die Zusammenlegung der beiden Kirchgemeinden Langenbruck und Waldenburg-St. Peter ist aus seiner Sicht bestmöglich abgelaufen.
Ab Anfang April wird er zwar hin und wieder in Waldenburg anzutreffen sein. Pfarramt-Stellvertretungen will er – mindestens vorläufig – jedoch keine übernehmen, auch keine Trauungen und Abdankungen. Sein Lebensmittelpunkt wird die 200-Seelen-Gemeinde Farnern oberhalb von Wiedlisbach sein, wo Hanspeter Schürch ein altes Bauernhaus zusammen mit seiner Frau ausgebaut hat und er bereits seit zwei Jahren wohnt. Rund 2000 Quadratmeter «Hostet» mit Bäumen wollen gepflegt sein und er will sich genügend Zeit einräumen, um seinem Hobby als Elektroniker nachzugehen und zu zweit Reisen mit dem Töff zu unternehmen. «Es ist ein gutes Gefühl, in den dritten Lebensabschnitt zu starten. Ich muss nichts mehr verändern und die Welt nicht retten, sondern darf es einfach geniessen.»


