Es ist nicht selbstverständlich
14.08.2026 PolitikCaroline Zürcher, Gemeindepräsidentin Wittinsburg, SP
Wir drehen morgens den Wasserhahn auf – Wasser kommt. Wir stellen den Kehrichtsack hinaus – er wird abgeholt. Im Winter werden die Strassen geräumt. Bei einem Brand rückt die ...
Caroline Zürcher, Gemeindepräsidentin Wittinsburg, SP
Wir drehen morgens den Wasserhahn auf – Wasser kommt. Wir stellen den Kehrichtsack hinaus – er wird abgeholt. Im Winter werden die Strassen geräumt. Bei einem Brand rückt die Feuerwehr aus. Unsere Kinder können zur Schule gehen. Vieles funktioniert, ohne dass wir uns darüber Gedanken machen. Vieles davon nehmen wir als selbstverständlich wahr. Und eigentlich ist das ein gutes Zeichen. Denn eine Gemeinde funktioniert dann besonders gut, wenn wir uns nicht ständig fragen müssen, wer sich um was kümmert. Dahinter stehen Personen, die beruflich für unsere Gemeinden arbeiten oder sich im Milizsystem engagieren – in Gemeinderäten, Kommissionen, Behörden, Feuerwehren und Vereinen. Gerade kleine Gemeinden leben von diesem Engagement. Natürlich wird dabei diskutiert. Es gibt unterschiedliche Vorstellungen darüber, wo investiert, gespart oder zusammengearbeitet werden soll. Das gehört dazu. In Wittinsburg haben wir beispielsweise unsere Gemeindeverwaltung mit Känerkinden zusammengelegt. Zusammenarbeit kann vieles erleichtern – politische Verant- wortung braucht aber weiterhin engagierte Personen.
Manchmal hilft es, die Perspektive zu wechseln. Wer auf der einen Seite eines Tisches sitzt, sieht einen Raum aus einem bestimmten Blickwinkel. Setzt man sich auf die andere Seite, sieht derselbe Raum plötzlich anders aus. In der Gemeindepolitik ist es ähnlich: Von aussen erscheint eine Entscheidung manchmal einfach. Am Gemeinderatstisch gilt es, unterschiedliche Interessen, gesetzliche Vorgaben, Finanzen und langfristige Folgen abzuwägen. Auch in Wittinsburg wird per Ende Jahr ein Stuhl an diesem Tisch frei. Bislang hat sich noch niemand für dieses Amt zur Verfügung gestellt. Vielleicht weckt der freie Stuhl bei jemandem die Neugier, die Perspektive zu wechseln, selbst Platz zu nehmen und unser Dorf mitzugestalten. Kritisch zu sein, Fragen zu stellen und auch einmal anderer Meinung zu sein, gehört zu einer lebendigen Gemeinde. Ein politisches Amt besteht aber nicht nur aus Akten, Sitzungen und Entscheiden. Es ermöglicht interessante Begegnungen und besondere Einblicke.
Im Juli besuchten Gemeinderat, Verwaltung sowie Partnerinnen und Partner das Bundeshaus. Unsere Ständerätin Maya Graf erklärte sich spontan bereit, uns persönlich durch das Bundeshaus zu führen. So konnten wir einen Ort, den wir alle aus den Medien kennen, aus einer anderen Perspektive erleben und einen Blick hinter die Kulissen der Bundespolitik werfen. Vielleicht fühlt sich auch in Wittinsburg jemand angesprochen und ist neugierig auf diesen Perspektivenwechsel. In anderen Gemeinden gibt es für freie Sitze sogar mehrere Kandidatinnen und Kandidaten. Eine echte Auswahl ist ein Privileg der Demokratie.
Wenn morgen wieder Wasser aus dem Hahn kommt, der Kehrichtsack abgeholt wird und die Feuerwehr bereitsteht, dürfen wir daran denken, dass dies nicht von selbst geschieht. Und vielleicht findet sich in Wittinsburg bald jemand, der auf dem freien Stuhl am Gemeinderatstisch Platz nimmt. Denn selbstverständlich ist eine funktionierende Gemeinde nicht.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

