«Es gibt keine Planungs sicherheit»
28.07.2026 Sport, FussballMichael Müllers Wechsel vom Profi-Fussball zum Sportamt
Seit Jahresbeginn ist Michael Müller Chef der Stabsstelle «Projektmanagement/Sport und Gesellschaft» beim Sportamt Baselland. Im Interview spricht der 43-Jährige über die vergangenen Monate und seine ...
Michael Müllers Wechsel vom Profi-Fussball zum Sportamt
Seit Jahresbeginn ist Michael Müller Chef der Stabsstelle «Projektmanagement/Sport und Gesellschaft» beim Sportamt Baselland. Im Interview spricht der 43-Jährige über die vergangenen Monate und seine Zeit als Trainer im Profifussball.
Alan Heckel
■ Herr Müller, Sie waren ein Jahrzehnt lang in diversen Funktionen im Profi fussball tätig. Weshalb der Wechsel zum Sportamt?
Michael Müller: Ich war bereits nach der Uni kurz beim Sportamt tätig und hatte dabei mega viel Spass. Der Wunsch zurückzukehren, war stets in mir drin. Es ist eine tolle Arbeit, den Sport zu fördern und dessen Werte zu vermitteln. Sport kann einem sehr viel geben – einerseits körperlich und gesundheitlich, andererseits auch gesellschaftlich. Ich freue mich, dass ich mit einem tollen Team für den Sport tätig sein kann.
■ Sie sind Leiter der Stabsstelle «Projektmanagement/Sport und Gesellschaft». Was ist Ihre Aufgabe?
Es ist ein sehr grosses Thema und ich finde es schwierig, dies in wenigen Worten zu erklären … (lacht) Vereinfacht formuliert, versuche ich zu ermöglichen, dass die wertvollen Aspekte, die der Sport mit sich bringt, umgesetzt werden können. Beispielsweise, dass Sport inklusiv ist, also alle mitmachen können, oder dass die Arbeit der ehrenamtlichen Personen wertgeschätzt wird.
■ Die Sonnenseiten des Sports …
Gleichzeitig gehen wir auch die negativen Seiten des Sports wie zum Beispiel das Thema Nähe und Distanz, übermässigen Druck oder Dopingmissbrauch präventiv an. Das Bundesamt für Sport und Swiss Olympic haben die Grundlagen geschaffen, wertvollen Sport schweizweit zu fördern. Die Ethik-Charta und der Branchenstandard geben den grossen Rahmen vor. In den beiden Basel müssen zudem alle regionalen Leistungszentren eine ethikbeauftragte Person beschäftigen, die darauf hinarbeitet, dass der Nachwuchsleistungssport nach bestimmten ethischen Rahmenbedingungen ausgeübt wird. Athletinnen und Athleten werden geschult, was okay ist und was nicht. Kurz: Es geht darum, Strukturen zu schaffen, Organisationen zu unterstützen und Menschen zu schulen. Die Sportvereine und Sportorganisationen können sich bei uns melden, wenn sie sich Unterstützung bei der Umsetzung dieser Aufgaben wünschen.
■ Was ist der grösste Unterschied zum professionellen Fussball?
Es ist ein ganz anderer Rhythmus. Im Fussball bestimmen Sieg oder Niederlage deine Woche, die Entscheidungen werden von einer kleinen Gruppe gefällt. Bei der Arbeit im Sportamt werden viel mehr Menschen in Entscheidungen einbezogen. Das ist auch richtig so, denn es ist ein demokratischer Prozess. Das bringt auch eine Planungssicherheit, die man im Fussball nicht hat.
■ Wie sind Sie damals eigentlich im Fussball gelandet?
Zu meiner Zeit als Leistungsdiagnostiker bei der Crossklinik war mein Chef Andreas Gösele, der auch als Arzt für ein UCI-Pro-Tour-Team tätig war. So bin ich dazu gekommen, die Leistungsdaten der Rennveloprofis auszuwerten. 2015 suchte der FC Basel nach dem Abgang des Trainerteams von Paulo Sousa jemanden, der Erfahrung mit der Datenauswertung zur Trainingssteuerung hatte.
■ Mussten Sie lange überlegen?
Nein. Die Anfrage kam an einem Donnerstag, am Freitag stellte ich mich beim FCB vor, am Samstag und Sonntag ging ich ins Trainingslager am Tegernsee, am Montag war ich bei meinem Chef im Büro und bat um die Auflösung meines Vertrags und am Mittwoch fing ich offiziell beim FCB an. Ich habe in dieser stressigen Woche 3 Kilo abgenommen! (lacht)
■ Sie waren dreieinhalb Saisons beim FCB und haben unter Urs Fischer, Raphael Wicky, Alex Frei sowie Marcel Koller gearbeitet. Wie blicken Sie auf diese Zeit?
Es war sehr lehrreich und gleichzeitig superstressig! Die Arbeit wird zum Lebensmittelpunkt, man ist praktisch sieben Tage pro Woche im Einsatz. Und selbst an den Tagen, an denen «frei» auf dem Trainingsplan steht, gibt es nicht wirklich frei, sondern man kümmert sich um die Spieler in der Reha oder macht Spezialtrainings. Die Saison mit englischen Wochen, also zwei Spielen pro Woche, begann wegen der Qualifikationsspiele zu den europäischen Wettbewerben jeweils bereits Mitte Juli und dauerte sehr lange. Man verpasst Hochzeiten, Geburtstage …
■ Das klingt eher negativ.
Natürlich überwiegen insgesamt die schönen Aspekte. Wir hatten viele erfolgreiche Momente und tolle Erlebnisse. Vieles wird einem zudem abgenommen, damit man den Job bestmöglich machen kann. Und da ist noch das tolle Gefühl, Teil der Mannschaft zu sein. Wir waren wie eine Familie.
■ Beim FCB lernten Sie Thomas Häberli kennen, der eine wichtige Person für Sie werden sollte.
Ja, Thomas und ich teilten uns ein Büro und führten oft Trainings mit Spielern, die nicht im Aufgebot waren, durch. Zu dieser Zeit habe ich eine Weiterbildung in Neuroathletik absolviert. Diese Ideen passten gut in seine Fussballphilosophie. Auch als Menschen waren wir auf einer ähnlichen Wellenlänge, wir haben viel darüber diskutiert, welche Werte Erfolge ermöglichen.
■ Die Chance bot sich 2019, als Häberli Cheftrainer beim FC Luzern wurde. War es für Sie von vornherein klar, dass Sie ihn begleiten?
Ja, ich wollte die Gelegenheit nutzen, ihn zu unterstützen und unsere Ideen in die Praxis umzusetzen. Es war schön, sein Vertrauen in meine Arbeit zu spüren.
■ Bestand nach Thomas Häberlis Freistellung die Möglichkeit für Sie, weiter beim FCL zu bleiben?
Das hätte keinen Sinn ergeben. Wir waren gekommen, um unsere Ideen umzusetzen. Ein neuer Trainer hat wiederum andere Ideen und bringt seine eigenen Vertrauten mit.
■ Ihre nächste Station war die Nationalmannschaft Estlands.
Der erste Kontakt zum estnischen Fussballverband war an einem Testspiel in Winterthur. Thomas Häberli hatte ein langes Gespräch mit dem Verbandspräsidenten. Nachdem wir für die U17-Auswahl und für Flora Tallin, den grössten Club des Landes, während des Corona-Jahrs 2020 beratend tätig waren, durften wir zum Jahresanfang 2021 die A-Nationalmannschaft übernehmen. Thomas zog mit seiner Familie nach Estland, ich flog während der Zusammenzüge hin. Wir haben aber jede Woche telefoniert und uns besprochen.
■ Mit welchen Gedanken blicken Sie auf diese Zeit zurück?
Es war fantastisch, meine schönste Zeit im Fussball! Die Esten haben eine tolle Kultur und ihre Werte passen zu den schweizerischen. Hinzu kommt, dass wir viele Dinge anschieben konnten. Als wir angefangen haben, war der Kraftraum der Nationalmannschaft keine 20 Quadratmeter gross, ein paar Monate später hatten sie ein modernes Fitnesscenter.
■ Ihre dritte gemeinsame Station war Servette Genf, danach wechselten Sie ins «normale Leben» zurück. Vermissen Sie den Fussball?
Ja, das tue ich. Das Gefühl, das sich unmittelbar nach einem Sieg einstellt, oder Teil einer Mannschaft zu sein, fehlt mir. Das kann ich aber vergleichbar im Breitensport erleben. Ich kann mir durchaus vorstellen, später ein Volleyball- oder Fussballteam zu trainieren, die Lizenzen dafür habe ich. Der Entscheid, die Stelle beim Sportamt anzunehmen, war aber definitiv richtig. Der Profifussball liegt hinter mir.
■ Weiss Thomas Häberli das?
Ja, das weiss er. (lacht)
Zur Person
ah. Michael Müller wuchs in Münchenstein auf und spielte Fussball, ehe er zum Volleyball wechselte. Nach dem Sportstudium an der Uni Basel arbeitete Müller beim Sportamt Baselland im Bereich Schulsport, ehe er sich der Crossklinik im Bereich Leistungsdiagnostik anschloss. Von 2015 bis 2018 war er Athletiktrainer beim FC Basel. Dort lernte der Sportwissenschaftler Thomas Häberli kennen, unter dem er Co-Trainer beim FC Luzern (2019), Fitnesstrainer der estnischen Nationalmannschaft (2021 bis 2024) und bei Servette Genf (2024/25) angestellt war. Seit Anfang 2026 ist der 43-Jährige Chef der Stabsstelle «Projektmanagement/Sport und Gesellschaft» beim Sportamt Baselland. Michael Müller ist verheiratet und hat zwei Kinder. In seiner Freizeit betätigt er sich gerne sportlich und ist Präsident beim VB Therwil.

