Erzähl mir deine Geschichte
06.01.2026 GelterkindenLebensgeschichten berühren und verbinden
Bei einer Lesung des Projekts «Erzähl mir deine Geschichte» gaben fünf ausgewählte Lebensgeschichten Einblick in ihre bewegten Biografien. So wurde die Gemeinde- und Schulbibliothek Gelterkinden zu einem Ort der ...
Lebensgeschichten berühren und verbinden
Bei einer Lesung des Projekts «Erzähl mir deine Geschichte» gaben fünf ausgewählte Lebensgeschichten Einblick in ihre bewegten Biografien. So wurde die Gemeinde- und Schulbibliothek Gelterkinden zu einem Ort der Erinnerung und des gemeinsamen Zuhörens.
Wendy Maltet
Wer kennt sie nicht, die Geschichten aus früheren Zeiten, erzählt von Eltern, Grosseltern oder Freunden? Oft werden sie mündlich weitergegeben und gehen mit der Zeit vergessen. Genau hier setzt das Projekt «Erzähl mir deine Geschichte» an. Seit sieben Jahren werden persönliche Lebensgeschichten festgehalten – erzählt von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, aufgeschrieben von freiwilligen Schreibenden.
Seit dem Beginn des Projekts sind fast 40 Lebensgeschichten verschriftlicht und in Sammelbändern veröffentlicht worden. Am Sonntagnachmittag wurden in der Gelterkinder Gemeinde- und Schulbibliothek Auszüge aus fünf davon vorgestellt – gelesen von den betroffenen Personen selbst oder von den freiwillig Schreibenden. Zu hören waren Geschichten von Albert Fiechter, Hans Dähler, Hans und Simone Tschannen, Margareta Lenzin sowie Theo-Marie und Helmut Torpus-Jessen.
Den Einstieg bildeten bewegende Passagen aus dem Leben des verstorbenen Albert Fiechter. Seine Geschichte begann 1948 als Teil einer sechsköpfigen, mittelständischen Familie. Sein Leben änderte sich schlagartig, als sich seine Frau fremdverliebte. «Wenn es so ist, dann gehst du halt», habe er zu ihr gesagt. Es folgte eine lange Reise, geprägt von Depressionen und Suizidgedanken, die jedoch nicht in geplanten Handlungen mündeten. Stattdessen führte ihn sein Weg hinaus in die Welt. Die erzählten Ausschnitte gaben Einblick in einschneidende Ereignisse und innere Kämpfe.
101-Jähriger aus Oltingen
Hans Dähler aus Oltingen, 101 Jahre alt, nahm selbst auf dem Podium Platz und berichtete, wie sein Leben 1924 seinen Lauf nahm und wie der Krieg dieses prägte. Vom Dorfcoiffeur – eine Rasur kostete damals noch 60 Rappen, ein Haarschnitt 1.20 Franken – über eine Anstellung in einer Bäckerei bis hin zu seiner Lehre als Möbelschreiner und späteren Tätigkeit als Gemeindepräsident spannte sich sein Lebensbogen. Mit viel Humor und erstaunlicher Detailgenauigkeit erinnerte er sich an Namen, Orte und Begebenheiten.
Die Geschichte von Hans und der verstorbenen Simone Tschannen schenkte Hoffnung und sorgte für besonders rührende Momente im Saal. Hans Tschannen kam 1942 blind zur Welt. Integrationsklassen gab es damals noch nicht, weshalb er als Sechsjähriger aus der Deutschschweiz, Französischkenntnisse hatte er keine, in ein Internat nach Lausanne geschickt wurde. «In der Blindenschule war ich komplett isoliert», erinnerte er sich. Später arbeitete er als Telefonist bei der PTT Lausanne.
Über das Telefon nahm sein Leben schlussendlich auch eine schöne Wende: Nach einem Besuch seiner Eltern in der Deutschschweiz erkundigte er sich telefonisch nach den Zugverbindungen nach Lausanne und kam dabei mit einer «Mademoiselle» ins Gespräch. Er fragte nach ihrer Nummer, sie lehnte ab – fragte dann aber nach seiner. Gekonnt erzählte er vom ersten Date am Bielersee, vom Soft-Ice-Debakel und von der emotionalen Achterbahnfahrt zwischen Angst, Vorfreude und Scham bis hin zur vollkommenen Glückseligkeit. Denn fünf Jahre später, 1965, läuteten die Hochzeitsglocken.
Auf den afrikanischen Kontinent führte die Geschichte von Margareta Lenzin. Ihr Leben war geprägt von Fernweh, das sie durch ihre Tätigkeit als Krankenschwester auf einer Missionarsstation stillte. Gemeinsam mit Schreiberin Barbara Paulsen Gysin nahm sie auf dem Podium Platz und berichtete von Armut, Hunger und Rassentrennung, aber auch von Glücksmomenten. Etwa als sie allein drei Frühgeborene und deren Mutter versorgte und alle gesund durchkamen.
Als Krankenschwester musste sie rasch viel Verantwortung übernehmen und Aufgaben erledigen, für die sie eigentlich nicht ausgebildet war, etwa Zähne ziehen. Kinder, die in der Schule in Ohnmacht fielen, erhielten ein Stück Brot. «Das hat meistens fürs Erste gereicht», stellte sie fest, denn das Problem sei oft schlicht Unterernährung gewesen. Auch bei Geburten half sie regelmässig mit, weshalb sie sich später zur Hebamme ausbilden liess. Ihr Schutzengel, fügte sie schmunzelnd an, hätte täglich Überstunden geleistet.
Von Nordfriesland in die Schweiz
Zum Abschluss gaben Schreiberin Barbara Scheibler und Heinke Torpus Einblick in das Leben von Theo-Marie und Helmut Torpus-Jessen. Heinke Torpus war es ein Anliegen, die Geschichte ihrer Eltern und damit auch ihre eigene für sich und kommende Generationen festzuhalten. Die Erzählung beginnt in den 1930er-Jahren in Nordfriesland und führt schliesslich in die Schweiz. Es sei eine Migrationsgeschichte, so Torpus, die veranschauliche, wie sich Identität und Leben über verschiedene Heimaten hinweg entwickeln.
Nach den Erzählungen aus dem neu entstandenen Sammelband begaben sich die Anwesenden zu einem Apéro und Austausch. Für musikalische Zwischentöne sorgte Daniel Fankhauser am Keyboard. Projektleiterin Karin Viscardi zog ein sehr positives Fazit und freut sich, wenn genügend Geschichten für einen weiteren Sammelband und einen erneuten Erzählanlass zusammenkommen.

