Kommt es im Fussball mal wieder zu einem Trainerwechsel, gibt es um die entsprechende Meldung meist kein allzu grosses Aufheben. Dass Trainer entlassen werden und ein Neuer übernimmt, gehört schon fast zum Tagesgeschäft. Ausser, es ist kein Neuer, sondern: eine Neue. ...
Kommt es im Fussball mal wieder zu einem Trainerwechsel, gibt es um die entsprechende Meldung meist kein allzu grosses Aufheben. Dass Trainer entlassen werden und ein Neuer übernimmt, gehört schon fast zum Tagesgeschäft. Ausser, es ist kein Neuer, sondern: eine Neue. «Marie-Louise Eta wird bei Union Berlin zur ersten Cheftrainerin der Bundesliga», lautete die Schlagzeile am vergangenen Sonntag. Die 34-Jährige wird für die verbleibenden fünf Spieltage der Saison beim 1. FC Union Berlin zur ersten Cheftrainerin eines Männerteams der höchsten deutschen Profiliga. Wow!
Seitdem gab es für dieses «Wagnis» Applaus – es fielen aber online auch bereits viele sexistische Kommentare und Beleidigungen. Das ist die Realität im heutigen Fussballgeschäft, leider. Die «gläserne Decke» im Fussball bleibt sehr beständig, noch immer werden Frauen offenbar als Eindringlinge in diese Blase gesehen. Warum? Weil Fussball die weltweit dominierende Sportart ist. Weil sie immer noch von Männern dominiert ist. Und weil bis jetzt niemand eine Antwort auf die Frage hatte: «Ist der Männerfussball reif für eine Cheftrainerin?» Zu ungewiss war und ist es wohl noch immer, wie ein Stadion, das mediale Umfeld und eine Fussballerkabine voller Testosteron auf eine Frau als Chefin reagieren würden, die in diesen exklusiven Kreis vorstösst. Den Klubs hat schlicht der Mut gefehlt, den Schritt zu wagen. Das ändert sich nun dank Union Berlin – und das ist gut so. Vielleicht ist der Zeitpunkt gekommen, da sich Qualität durchsetzt. Und nicht das Geschlecht.
Denn auch wenn Marie-Louise Eta jung sein mag, hat sie bereits sehr viel Erfahrung. Als Spielerin holte sie mit dem 1. FFC Turbine Potsdam dreimal die deutsche Meisterschaft und gewann 2010 die Champions League, ehe sie mit 26 Jahren die aktive Karriere verletzungsbedingt beenden musste. Seither setzt sie voll auf die Karte Trainerin und war vor zwei Jahren schon einmal Assistentin der Männer-Equipe von Union Berlin. Sie war also bereits Übungsleiterin, eine Autorität, die Anweisungen gab. So gesehen bietet dieser Klub gute Voraussetzungen für den grossen Schritt.
Es gab schon Profitrainerinnen im US-Basketball der Männer, im Hockey und im American Football. Doch das männerdominierte Fussballbusiness blieb für Frauen bislang unerreichbar. Etas Beförderung zur Cheftrainerin ad interim ist kein endgültiger Durchbruch, aber ein Fortschritt. Zumindest wird nun mal an besagte «gläserne Decke» geklopft. Es wird dauern, bis sie ganz birst.
Seraina Degen
Seraina Degen (1986) ist in Niederdorf aufgewachsen. Als Torhüterin spielte sie lange leidenschaftlich Fussball, heute bleibt sie beruflich am Ball – als Redaktorin bei SRF Sport.