«Erst nach sechs Gängen wird abgerechnet»
16.04.2026 Sport, Weitere SportartenFynn Zurfluh startet nach Verletzung am Sissacher Frühjahrsschwinget
Fynn Zurfluh hat grosse Ziele und arbeitet konsequent an seinem Weg nach oben. Der Buckter Schwinger träumt vom Kranz – und mehr. Nach einer Verletzungspause will er nun den nächsten Schritt ...
Fynn Zurfluh startet nach Verletzung am Sissacher Frühjahrsschwinget
Fynn Zurfluh hat grosse Ziele und arbeitet konsequent an seinem Weg nach oben. Der Buckter Schwinger träumt vom Kranz – und mehr. Nach einer Verletzungspause will er nun den nächsten Schritt machen
Luana Güntert
Nach ein paar Monaten steht Fynn Zurfluh wieder im Sägemehl. Noch vorsichtig, noch nicht ganz bei 100 Prozent – aber mit klarem Kopf. Ende Januar hatte sich der 17-Jährige im Training des Nordwestschweizer Nachwuchskaders einen Belastungsbruch im Fuss zugezogen. «Es passierte bei einem Zug, den ich schon 1000 Mal gemacht habe», erzählt er im Gespräch mit der «Volksstimme». Zuvor hatte er intensiv trainiert, viel investiert. Eine Zwangspause also – zumindest teilweise. Ganz auf Sport verzichten musste er über den Winter nicht: Krafttraining blieb möglich, wenn auch angepasst.
Erst vor Kurzem hat Zurfluh das Schwingtraining wieder aufgenommen. «Es wäre wohl auch früher gegangen. Einfach locker und Bodenkampf. Doch ich wartete lieber, um die Verletzung nicht weiterzuziehen. Zudem muss es auch im Kopf stimmen.» Dieser Satz verrät viel über den jungen Athleten aus Buckten: Er hat gelernt, auf seinen Körper zu hören – und auf seinen Kopf.
Denn die mentale Komponente ist für Zurfluh längst zentral geworden. So zentral, dass er sie als eine seiner grössten Stärken bezeichnet. Diese Erkenntnis kam nicht von ungefähr. Vor etwas mehr als einem Jahr wechselte er vom Jungschwinger- ins Aktivtraining – ein Schritt, der ihn zunächst hart traf. «Bei den Jungen gehörte ich immer zu den Besten», sagt er. «Bei den Aktiven war dies nicht mehr der Fall.» Ein Einschnitt, der an seinem Selbstverständnis rüttelte: «Dies war für mein Ego nicht einfach. Es fühlte sich für mich damals wie ein Weltuntergang an.»
Hilfe kam vom Sportamt Baselland, das ihm einen Mentaltrainer vermittelte. Mit Erfolg: Zurfluh lernte, Niederlagen anders einzuordnen, den Fokus zu behalten und sein Selbstbild zu korrigieren. Heute sagt er: «Ich kann mich auf den Tag genau aufpushen und fokussieren. An einem Schwingfest bin ich jeweils viel besser als im Training.» Zudem weiss er, was alle Schwinger bereits jung lernen: «Erst nach sechs Gängen wird abgerechnet.»
Diese neue Stärke zeigte sich auch in seiner ersten Aktivsaison 2025 – obwohl er auch heuer altersmässig noch bei den Jungschwingern starten könnte. «Meine erste Aktiv-Saison verlief besser als erwartet», sagt er. Zwar war der Start harzig, doch ein Wendepunkt folgte am Solothurner «Kantonalen»: Drei Siege aus sechs Gängen gaben ihm Selbstvertrauen. «Am ‹Baselstädtischen› habe ich dann sogar um den Kranz geschwungen.» Dieses Vertrauen spürt er bis heute: «Es hilft mir, auch gegen starke Gegner etwas zu riskieren und nicht nur in die Defensive zu gehen.»
Zurfluh weiss, dass der Weg nach oben kein einfacher ist. Die Unterschiede zwischen Jung- und Aktivschwingern hat er am eigenen Körper erfahren. Besonders im Training mit seinem Vereinskollegen und Eidgenossen Marius Frank wird ihm die Leistungsdichte bewusst: «Ich merke, wie gross eine Lücke sein kann.» Dennoch setzt er sich bewusst hohe Massstäbe: «Ich muss mich mit Kranzgewinnern vergleichen, da ich dies auch erreichen will.»
Seine grösste Baustelle? Die Kraft. «Ich bin erst 17 Jahre alt und weiss, dass das normal ist.» Vor allem in der Defensive oder am Boden spüre er den Unterschied: «In der Brücke habe ich einfach viel weniger Kraft.» Dazu kommt eine mentale Herausforderung, an der er weiter arbeitet: «Die Angst vor dem Verlieren, wenn ich nur verteidige. Das ist nicht gut – denn wenn man nicht angreift, kann man auch nicht gewinnen.»
Mehr als ein Hobby
Dass Fynn Zurfluh überhaupt im Sägemehl steht, ist kein Zufall. Das Schwingen liegt bei ihm in der Familie. Sein Vater Damian war selbst Aktivschwinger beim Schwingklub Solothurn und Umgebung, bis zu seinem Rücktritt 2011. «Ich war sehr jung, als ich ihn das erste Mal begleitete. Ich habe hauptsächlich Sandburgen gebaut», erinnert sich Zurfluh und lacht. Mit fünf oder sechs Jahren zog er dann selbst erstmals die Zwilchhose an. Lange blieb es ein Hobby – bis etwa mit zwölf Jahren der Ehrgeiz erwachte. «Ich denke immer ans Schwingen. Auch wenn ich nicht im Training bin.»
Auch heute noch spielt die Familie eine wichtige Rolle. «Mein Vater und ich sind sehr schwingbegeistert. Wir analysieren und reden viel, wenn wir ein Schwingfest am Fernseher verfolgen.» Ganz ohne Grenzen geht es allerdings nicht: «Meine Schwester erträgt das nicht», sagt er schmunzelnd.
Fynn Zurfluhs Umfeld ist tief im Schwingsport verwurzelt. Sein Götti ist Thomas Zindel, ein dreifacher Eidgenössischer Kranzgewinner. Und auch wenn Zurfluh kein klassisches Vorbild nennt, schaut er zu Kaderkollegen wie Marius Frank oder Sinisha Lüscher auf. Als Kind waren es andere Namen: Kilian Wenger, Christian Schuler.
Sein sportliches Zuhause hat er beim Schwingklub Solothurn und Umgebung gefunden – nicht zuletzt wegen seines Vaters. «Natürlich wäre ein Verein im Baselbiet schön, da der Anfahrtsweg kürzer wäre», sagt er. «Doch hier kenne ich alle. Ich habe alle Stufen durchlebt – das möchte ich nicht missen.»
Fortschritt durch Konstanz
Neben dem Sport fordert ihn auch der Alltag. Zurfluh absolviert eine Lehre als Zimmermann und ist im zweiten Lehrjahr. Frühmorgens geht es zur Arbeit oder in die Berufsschule, abends folgt das Training: viermal Schwingen, zweimal Kraft. Dazwischen bleibt wenig Zeit. «Von 17 bis 19 Uhr bin ich jeweils zu Hause und habe Freizeit. Dann koche ich Abendessen und etwas für den nächsten Tag.» Das Pensum ist hoch – körperlich und mental. «Ich will es allen recht machen.» Umso wichtiger sei der Schlaf.
Ein einzelnes Schlüsselerlebnis für seine Entwicklung nennt er nicht. «Wichtig ist die Konstanz», sagt er. Ein Satz, der gut zu ihm passt: kein Überflieger, kein Lautsprecher – sondern einer, der Schritt für Schritt vorwärtsgeht.
Seine Ziele hat er klar vor Augen. Kurzfristig will er dieses Jahr seinen ersten Kranz gewinnen. «Ich mache mir keinen Druck, doch völlig ziellos in die Saison zu starten, ist unsinnig.» Nach der Verletzung sei es allerdings schwierig, den eigenen Stand einzuschätzen. «Ich will nicht aus Glück gewinnen, sondern weil ich besser bin.»
Langfristig denkt er noch weiter: ans Eidgenössische Schwing- und Älplerfest 2037, das nach 2022 wieder in der Nordwestschweiz stattfinden wird. Und darüber hinaus: «Wie viele junge Schwinger habe auch ich den Traum, Schwingerkönig zu werden.»
Sein erster Ernstkampf in dieser Saison steht bereits fest: Am 25. April steigt Fynn Zurfluh am Frühjahrsschwinget in Sissach wieder in die Zwilchhose. Nach der Verletzungspause ist es ein Neuanfang – und vielleicht der nächste Schritt auf einem Weg, den er mit bemerkenswerter Klarheit verfolgt.


