Ernst Martin – Pestalozzi-Jünger und Kulturtäter
24.07.2026 SissachSerie Themenweg (4): Gesellschaftlicher Kitt
Zum 800-jährigen Bestehen hat die Gemeinde Sissach einen Themenweg realisiert, der sich mit relevanten Themen und Persönlichkeiten der jüngeren Dorfgeschichte befasst. Diesen Sommer zeigt die «Volksstimme» Auszüge ...
Serie Themenweg (4): Gesellschaftlicher Kitt
Zum 800-jährigen Bestehen hat die Gemeinde Sissach einen Themenweg realisiert, der sich mit relevanten Themen und Persönlichkeiten der jüngeren Dorfgeschichte befasst. Diesen Sommer zeigt die «Volksstimme» Auszüge aus den Texten zu den acht Stationen des historischen Rundgangs. Heute: Gesellschaftlicher Kitt.
Robert Bösiger
Im 19. und 20. Jahrhundert gerät die dörfliche Ordnung Sissachs mehr und mehr unter Druck. Neue Lebensrealitäten, religiöse Unterschiede und politische Fragen prägen zunehmend den Alltag der Menschen. Die Schule ist dabei mehr als ein Ort der Wissensvermittlung, auch Werte, Brauchtum und Normen sind von zentraler Bedeutung. Schulinspektor Ernst Martin und Primarlehrer Marcus Wiedmer ringen um die Frage, welche Aufgaben im Kontext der sich wandelnden Gesellschaft der Schule zukommen.
Dr. Ernst Martin (3. Oktober 1915 bis 14. Mai 2009) hat sich sein Leben lang mit den Themen Pädagogik und Erziehung beschäftigt. Lehrer sein war nicht nur sein Beruf, sondern seine Berufung. 1988 ist er mit dem Baselbieter Kulturpreis gewürdigt worden.
Als er im Oktober 1980 als Schulinspektor ordentlich pensioniert wird, greift der damalige Erziehungsdirektor und frühere Schulinspektor Paul Jenni (1923 – 2017) höchstpersönlich in die Tasten und verfasst einen Dank, der unter anderem auch in der «Volksstimme»-Ausgabe vom 18. November 1980 publiziert wird. «Mit ihm ist ein Schulmann zurückgetreten, der in seinen 19 Jahren seines Wirkens als Inspektor durch einen intensiven Einsatz und fundiertes Wissen den Ausbau unseres Schulwesens entscheidend mitgestaltet hat.»
Ernst Martin habe «aufgezeigt, dass die Tendenz zur Verintellektualisierung der Volksschule, die den Schüler nicht mehr in seiner persönlichen Ganzheit erfasst, eine Gefahr sei». Ebenso unzweideutig habe er sich gegen den stofflichen Vollständigkeitswahn gestellt, schreibt Jenni weiter und lobt den Sissacher Schulinspektor in den höchsten Tönen: «Sein Arbeitsstil war geprägt von Wissenschaftlichkeit, Tiefe, Ernsthaftigkeit, Sachkompetenz, Sachlichkeit, Liebe und Begeisterung.» Das Licht der Welt erblickt Ernst Martin am ersten Oktobersonntag 1915. Um unser Land herum tobt der Erste Weltkrieg. Ernst wächst in Böckten auf; sein Vater ist Bäcker. Die Primarschule und die Bezirksschule besucht er ebenfalls in Böckten. Weil er Lehrer werden möchte, absolviert er als junger Mann danach das Lehrerseminar in Schiers im Kanton Graubünden.
Primarlehrer und Schulinspektor
Hansjakob Schaub, ehemaliger Redaktor und Verleger der «Volksstimme», erinnert sich viele Jahrzehnte später daran, wie er 1936 als Schüler den jungen Lehramtsaspiranten Ernst Martin im Rahmen einer Probelektion kennengelernt hat.
Schaub schreibt: «Er kam herein, grüsste freundlich und gab jedem Schüler, jeder Schülerin ein Couvert. Beim Öffnen des Umschlags hatten wir ein farbiges rundes Papier in der Hand, das mit Farbstift bemalt war und einen Kuchen mit zehn Kuchenstücken darstellte. Jeder begriff, dass ein Stück Kuchen von insgesamt zehn Kuchenstücken einen Zehntel bedeutete.» Das, so Hansjakob Schaub, sei auf einfache Weise der Einstieg ins Bruchrechnen gewesen; der Kandidat Ernst Martin habe der Klasse in dieser Probelektion das Elementare des Bruchrechnens beigebracht. Am Schluss der Probelektion hätten alle Schülerinnen und Schüler geklatscht und insgeheim gehofft, dass er ihr neuer Lehrer werden würde.
Tatsächlich wurde Martin, der erst 21-jährige junge Lehrer, per Schuljahr 1936/37 an die Primarschule Sissach gewählt. Ernst Martins erste Jahrgänge bestanden aus weit über 40 Schülerinnen und Schülern; sein Unterrichtszimmer befand sich im 1. Stock des alten Schulhauses. Die eigenen Kinder, die alle noch bei ihm die Schulbank haben drücken müssen, beschreiben ihn als strengen, aber durchaus fairen Lehrer. Er habe sie nie bevorzugt behandelt.
Neben seiner Lehrertätigkeit schafft es Ernst Martin, an der Universität Basel Pädagogik, Psychologie, Philosophie und Geschichte zu studieren. 1961 dissertiert er zum Thema «Grundformen des Gegenstandsbezugs im Unterricht». Im gleichen Jahr wird er vom Landrat zum neuen Schulinspektor gewählt. In dieser verantwortungsvollen Funktion hat er über 300 Lehrkräfte im ganzen Baselbiet zu betreuen, die er regelmässig besucht.
Für Ernst Martin war es ausserordentlich wichtig, dass in der Schule auch Werte und Fähigkeiten wie Solidarität, Respekt, Gestaltungsfähigkeit und Bereitschaft zum Engagement vermittelt und gelebt werden.
Gymnasium und Lehrerseminar
Schulinspektor Martin ist ein geachteter und angesehener Mann, der seine Arbeit gewissenhaft erfüllt. Er gehört zu den treibenden Kräften beim Aufbau der Sonderschulen, des schulpsychologischen Dienstes, der pädagogisch-psychologischen Fachkurse und des «Werkjahrs». Er engagiert sich in der Ausbildung für reformierte Pfarrer in «Methodik und Didaktik für den Religionsunterricht» und führt Methodik-Kurse für Hauswirtschaftslehrerinnen durch.
Auch bei der Errichtung des ersten Gymnasiums und des Kantonalen Lehrerseminars in Liestal gehört Ernst Martin zu den treibenden Kräften. Nachdem Basel-Stadt die Aufnahme von Baselbieter Gymnasiasten kurzfristig gekündigt hatte, musste das Baselbiet nämlich unter grossem Zeitdruck aus dem Nichts ein eigenes Gymnasium aus dem Boden stampfen.
Weil ihm wichtig ist, dass die Schülerinnen und Schüler über ihre direkte Umgebung Bescheid wissen, ist Ernst Martin Mitinitiant und langjähriger Präsident der Kommission zur Herausgabe von Baselbieter Heimatkunden.
In Sissach selber, jener Gemeinde, in der er den Grossteil seines Lebens bis zu seinem Tod verbringt, engagiert er sich da und dort: Er turnt (und leitet) beim Turnverein, macht mit bei der Arbeitsgemeinschaft für Natur und Heimatschutz Sissach (AGNHS) und schiesst bei den Feldschützen. Er singt im Männerchor Liederkranz, dirigiert während Jahren den Reformierten Kirchenchor. Er engagiert sich in der reformierten Kirchenpflege und als Präsident der Pfarrwahlkommission. Er führt mit Schülern und Schülerinnen regelmässige öffentliche Schultheater auf. Er betreut einige Vormundschaften und wirkt als Beistand für Menschen in Sissach, die dies benötigen. In jüngeren Jahren ist er auch als Kletterer, Bergwanderer und Skitourenläufer unterwegs.
Vielbeschäftigter Autor
Nach seiner Pensionierung zu Beginn der 1980er-Jahre erscheint er als Mitautor bei verschiedenen Publikationen, unter anderem beim Buch «Baselland unterwegs – 150 Jahre Kanton Baselland» oder beim Werk «Unser Kanton», einem heimatkundlichen Lese- und Arbeitsbuch für die Viert-, Fünft- und Sechstklässler zum 150-Jahre-Kantonsjubiläum.
Mit grossem persönlichem Elan wagt er sich während mehr als zwei Jahrzehnten an die Schriften und Briefe von Johann Heinrich Pestalozzi und transkribiert sie für das Zürcher Pestalozzi-Institut; es entsteht eine Reihe von Büchern und Publikationen in diesem Zusammenhang.
Über Ernst Martin ist bekannt, dass er politisch immer sehr interessiert war, sich aber selber nicht im Vordergrund sehen wollte. So war er auch nie Besitzer eines Parteibüchleins, stets aber aktiver Teilnehmer an den Gemeindeversammlungen.
Im Rahmen eines (akademischen) Herrenkränzlis hat er sich mit anderen Herren alternierend privat getroffen, um das lokale Geschehen zu debattieren oder sich über neue Bücher auszutauschen. Regelmässige Mitglieder waren etwa Max Wagner (1924 – 2010; Pfarrer in Sissach von 1956 – 1965), Fritz La Roche (1899 – 1981; Pfarrer in Bennwil-Hölstein-Lampenberg), Otto Buess (1919 – 1997; Leiter der Landwirtschaftlichen Schule Ebenrain) und Martin Senn (1917 – 2014; Arzt in Sissach).
Martin war zeitlebens ein vielbeschäftigter Zeitgenosse. Er war deshalb froh, dass ihm seine Frau Elly Martin-Bader (1921 – 2011) stets den Rücken freigehalten hat.
Nach seiner Pensionierung hat sich Ernst Martin nie mehr in die aktuelle Schulpolitik eingemischt, obwohl er, wie sein Sohn Thomas Martin sagt, «mit vielem nicht mehr einverstanden war». Abgelehnt hat er etwa die Abschaffung der Einführungsklasse. Und was er vom Umstand gehalten hat, dass der Kanton das Schulinspektorat mit der Revision des Bildungsgesetzes anno 2003 ersatzlos abgeschafft und den Schulleitungen mehr Autonomie zugestanden hat, kann nur erahnt werden. Bis dahin hatten das Rektorat, die Schulpflege und das Schulinspektorat die Aufsicht über die Schulen.
Späte Ehrung mit Kulturpreis
Wir schreiben den 3. Mai 1988. Im Kantonsmuseum Liestal erhält Ernst Martin aus den Händen des damaligen Erziehungs- und Kulturdirektors Hans Fünfschilling feierlich den Basellandschaftlichen Kulturpreis überreicht. Es ist ein denkwürdiges Datum, wird doch mit Helene Bossert eine zweite Persönlichkeit aus Sissach ausgezeichnet – mit dem Basellandschaftlichen Anerkennungspreis.
In seiner Laudatio skizzierte Jacques Wirz, ebenfalls Sissacher und einst Schüler beim Preisträger, Martin als initiativen und getreuen Schüler Pestalozzis. Ihm sei auch zu verdanken, dass im Verlauf der letzten zweieinhalb Jahrzehnte für 25 Gemeinden des Kantons moderne Heimatkunden verfasst und herausgegeben werden konnten. Daneben habe sich Ernst Martin als Autor von Schriften über das Werk und die Rezeption ebendieses Johann Heinrich Pestalozzi über die Region hinaus als Pädagoge und Historiker einen Namen geschaffen. Wirz bezeichnet den Geehrten im positiven Sinne als «Kulturtäter».
Marcus Wiedmer, der verhinderte Missionar
rob. Der zweite Text der Themenweg-Station «Gesellschaftlicher Kitt» widmet sich Marcus Wiedmer (1930–2014). Dieser prägte während Jahrzehnten das Bildungs- und Kulturleben in Sissach. Ursprünglich strebte er eine Laufbahn als Missionar in Kamerun an. Während seiner Ausbildung erkannte er jedoch seine Berufung zum Lehrer. Der Traum vom Missionsdienst scheiterte schliesslich aus gesundheitlichen Gründen, was ihn zunächst in eine schwere persönliche Krise stürzte. Gleichzeitig bedeutete dies den Beginn seiner Loslösung von den religiösen Zwängen seiner pietistisch geprägten Kindheit und eröffnete ihm einen neuen Lebensweg. Ab 1955 wirkte Wiedmer als Primarlehrer in Sissach, später auch als Rektor. Er galt als engagierter Pädagoge, der grossen Wert auf anschaulichen und praxisnahen Unterricht legte. Neben seiner Tätigkeit in der Schule setzte er sich mit Überzeugung für ein selbstständiges Baselbiet ein und engagierte sich poli-
tisch und gesellschaftlich in seiner Wohngemeinde.
Nach seiner Pensionierung widmete sich Marcus Wiedmer der Lokalgeschichte. Mit Sorgfalt transkribierte und erforschte er historische Quellen zur Geschichte Sissachs und veröffentlichte daraus mehrere Bücher.
Wiedmer blieb bis ins hohe Alter ein neugieriger Forscher und Autor, dessen Lebenswerk von Wissensdrang, Beharrlichkeit und einer engen Verbundenheit mit seiner Heimat geprägt war.
Die ausführliche Fassung dieses Beitrags gibt es über den QR-Code auf dem Stein beim Jakobshof.



