Einfach Danke
13.03.2026 PolitikMichael Bürgin, Gemeindepräsident Bennwil, parteilos
Haben Sie das auch schon gehört: «Entschuldigung, aber du hesch grad voori gsäit …» oder «Danke, aber chöntisch …». Das Wort «aber» relativiert oder ...
Michael Bürgin, Gemeindepräsident Bennwil, parteilos
Haben Sie das auch schon gehört: «Entschuldigung, aber du hesch grad voori gsäit …» oder «Danke, aber chöntisch …». Das Wort «aber» relativiert oder «vernütigt» gar immer die Freundlichkeit. Dabei wären wir alle, so glaube ich, gerne nette und höfliche Menschen. Aber irgendein Zeitgeist lässt uns, in allem, was wir tun, den eigenen Profit abwägen. Was bringt es, zu grüssen, Danke zu sagen oder gar zuerst die Leute aus der WB aussteigen zu lassen? Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie viele «Herzliche Grüsse» am Ende einer Mail wirklich ernst gemeint sind? Dies ist fast so wie bei einem Hund, der «Pfötli» gibt, aber eigentlich nur das Leckerli will.
Der vietnamesisch-US-amerikanische Schriftsteller Ocean Vuong hat einen schönen Ausdruck geprägt: «kindness without hope». Freundlichkeit ohne Hoffnung. Also ganz einfach Höflichkeit und Nettigkeit, ohne dass sie für uns einen Nutzen hätte. Die Frage sollte nicht sein: «Was ist drin für mich?» Auch nicht: «Was bewirke ich?» Sondern vielmehr: «Wer will ich sein?» Da keine Glosse ohne KI-Gedanken sein darf: Hier etwas aus dieser Welt zur Freundlichkeit: «Bitte» und «Danke», kleine Worte, die im Alltag zum normalen Umgangston gehören, kosten Open AI, der Firma hinter dem KI-Chatbot ChatGPT, im Jahr mehrere Millionen US-Dollar; das verriet Gründer und CEO Sam Altman vor Kurzem auf der Plattform X. Seine Bitte: «Wir müssen jetzt Menschen trainieren, Sachen so zu formulieren, wie es ein Computer gerne hätte.» Also ohne Danke und Bitte, dies verbraucht unnö- tigerweise Strom, da der Chatbot jedes Wort, ob relevant oder irrelevant für die Aufgabe, nachschlägt. Die Menschen müssen trainiert werden … Der Mensch muss überhaupt nicht trainiert werden, er soll sich nur die Frage stellen: «Wer will ich sein?»
«Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust. Die eine will sich von der andern trennen; die eine hält in derber Liebeslust sich an die Welt mit klammernden Organen; die andre hebt gewaltsam sich vom Dust; zu den Gefilden hoher Ahnen», Goethe, Faust. Der Mensch und seine Menschlichkeit widersprechen sich. Die Suche nach dem eigenen Vorteil unterdrückt oft das Mitfühlen für den anderen. Die Profitgier zerschlägt das seelische Gleichgewicht.
Wäre ich lieber ein muskelbepackter Millionär oder ein netter Mensch? Sie sagen, dies muss sich doch nicht widersprechen, es gibt schliesslich auch nette muskelbepackte Millionäre. Und es gibt ja auch Fifa-Friedenspreisträger, die einige Kriege angezettelt haben. Dieser Preis wurde ganz sicher nur aus purer Dank- barkeit ganz ohne Hintergedanken verliehen.
Ich schweife ab und rufe kurz zum Boykott auf. Und wenn mir jetzt irgendjemand sagt, Sport und Politik haben nichts miteinander zu tun, dem haue ich den Fifa-Friedenspreis um die Ohren. Und schon bin ich nicht mehr der, der ich sein will: ein netter Mensch. Goethe hat Recht mit den zwei Seelen. Also beende ich hiermit das Zeitalter des Menschen und rufe das Zeitalter der Menschlichkeit aus! Zumindest am Martinshübel in Bennwil.
In der «Carte blanche» äussern sich Oberbaselbieter National- und Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

