Einer, der hoch hinaus will
13.03.2026 AeschArchitekt Rolf Stalder hat ein Gondel-Projekt ausgearbeitet
Eine Seilbahn soll Aesch über den Gempen mit Liestal verbinden. Ein kühner Gedanke, der derzeit vom Regierungsrat geprüft wird, könnte zum grossen Wurf werden. Der Mann hinter dieser Vision ist der ...
Architekt Rolf Stalder hat ein Gondel-Projekt ausgearbeitet
Eine Seilbahn soll Aesch über den Gempen mit Liestal verbinden. Ein kühner Gedanke, der derzeit vom Regierungsrat geprüft wird, könnte zum grossen Wurf werden. Der Mann hinter dieser Vision ist der Münchensteiner Architekt Rolf Stalder.
Daniel Aenishänslin
Schweben – in einer Gondel vom Bahnhof Liestal zum Bahnhof Aesch über den Gempen. Eine Fahrt soll rund 20 Minuten dauern. Die «Vision» von Rolf Stalder nennt sich «Jurasteg». «Ich würde gerne morgens um 7 Uhr einsteigen und mit einem Coffee-to-go die Aussicht geniessen», sagt der Visionär. «Nach 20 Minuten ist man doch tiefenentspannt.»
Architekt Rolf Stalder geht es aber vorrangig um die Entspannung des Verkehrs. «Einen Albtraum» nennt er die morgendliche Fahrt im Stossverkehr zwischen Birs-, Ergolz- und Oristal. Auch jene abends zurück. Gelegentlich spricht er gar von «Verkehrskollaps». Zwar könne man das Problem auch mit einem Tunnel lösen, doch sei dieser bis zu 20-mal teurer als die Lösung mit der Seilbahn. Letztere, so Stalder, würde gegen 400 Millionen Franken kosten und sei viel schneller realisierbar.
Der kürzlich zurückgetretene Landrat Balz Stückelberger (FDP) – man kennt sich aus dem Rotary-Club
– bat Rolf Stalder um seine Ideen für ein Seilbahnkonzept. Daraus ist ein Vorstoss Stückelbergers im Landrat entstanden. Dieser ist inzwischen beim Regierungsrat angekommen. Geprüft wird nun, ob das Baselbiet gut bedient wäre mit einer «Perlenkette».
Windstabil und schneller
Mit dem Bild der Perlenkette visualisiert Stalder, wie er sich die Seilbahn vorstellt. Die Kabinen folgen sich in einem Abstand von 30 bis 50 Metern. Jede Einzelne bietet Platz für 35 Personen. Ein System mit zwei Tragseilen und einem Zugseil soll es werden, denn dieses ist windstabil und schneller als andere Varianten.
Pro Stunde könnten so in beide Richtungen maximal 4500 Personen transportiert werden. Ein Halt auf dem Gempen sei möglich und aus touristischer Sicht wünschenswert. Vergleichbare Gondelbahnen finden sich in der Schweiz keine; in La Paz (Bolivien), Medellín (Kolumbien) oder der Region Paris hingegen sind sie fest in den ÖV integriert.
«Perlenkette» nennt Rolf Stalder das Projekt wohl auch, weil er offensichtlich ein Faible für das Schöne und Feine hat. Sein Büro in Münchenstein ist aufgeräumt, eine Wand glänzt in Holz, der Blick geht von der Helsinki-Strasse über den Dreispitz, ein Weintemperierschrank garantiert Trinkgenuss, wenn es darauf ankommt.
Die Sache mit dem See
Lust auf Visionen verspürte Rolf Stalder erstmals so richtig im Jahr 2020. Auf dem Weg zum Büro fuhr er täglich an der Münchensteiner Hofmatt vorbei. Gleich neben der Birs liegt dieses Feld, wo Stalder sich einen See wünscht. «Wir Basler sind ja etwas eifersüchtig auf die Zürcher, weil sie einen haben und wir nicht.»
Ein ähnliches Projekt gab es ab 2007 in Aesch. «In Aesch», so Stalder, «hätte man den See einfach per Gartenschlauch zu einem künstlichen Tümpel gemacht. Das passt mir nicht.» Den See in Münchenstein will er mit Wasser aus der Birs speisen und das Wasser schliesslich auch wieder dorthin ableiten. Auf jeden Fall hat Rolf Stalder den Diskurs lanciert: «Ich schmeisse gerne provokante Thesen auf den Markt.»
Seine Idee: Um den See herum entsteht ein Freizeitgelände mit Restaurant, Badestrand, Grill. Daneben werden kleine Deltahäuschen für Feriengäste gebaut. Den dritten und letzten Teil will er dem Naturschutz überlassen, insbesondere den Amphibien. Corona hat diese Vision befördert. «Das Reiseverhalten hat sich während der Pandemie verändert», sagt Stalder. «Warum nicht Ferien zu Hause machen, statt in den Flieger zu sitzen?»
Selbst setzt sich Rolf Stalder noch immer gerne in den Flieger. Er hat für sich den Kunstflug entdeckt, geniesst den Looping. Auch dem Linienflug ist er nicht abgeneigt. Es zieht ihn vermehrt in den arabischen Raum. Stalder, der dieses Jahr 60 wird, erzählt, er habe sich in die arabische Kultur eingelesen. Erst kürzlich hat er sich im marokkanischen Marrakesch umgesehen. «Die Architektur, die Gerüche, die Menschen – das fasziniert mich.» Das Reisen sei in den vergangenen 30 Jahren zu kurz gekommen: «Ich habe vor allem gearbeitet.»
«Narzissmus pur»
Seine Finger kann Stalder dennoch nicht von der Arbeit lassen. Inzwischen hat er eine Vision für Zermatt entwickelt, provoziert – «Ich habe mich enorm aufgeregt» – von einem Konzept des Zermatter Architekten und Unternehmers Heinz Julen. Julen will den 260 Meter hohen Wolkenkratzer «Lina Peak» in die Landschaft vor dem Matterhorn stellen. Es wäre das höchste Gebäude der Schweiz. Den Rekord hält bislang der Roche-Turm 2 mit 205 Metern Höhe. Mit dem Projekt «Lina Peak» soll der Wohnungsnot der Einheimischen und Saisonniers begegnet werden.
«Narzissmus pur», kritisiert Stalder. «Ein klassischer Fall von phallischer Architektur.» Sein «Gegenprojekt» ist der «Wildsteg». Ein Bau, der nicht in die Höhe geht, sondern sich von Hang zu Hang über das Tal erstreckt. Nur Nutzen, kein Luxus, integriert in die Natur. Die Idee ist beim Gemeinderat deponiert. Architektur dürfe nie Selbstzweck sein, sondern müsse den Menschen dienen. Sie sollen sich wohl darin fühlen.
Stalder möchte noch möglichst lange bauen. Dabei tut er das bereits seit beinahe vier Jahrzehnten. Unmittelbar nach der Rekrutenschule richtete Rolf Stalder im Keller seines Elternhauses sein Architekturbüro ein. Das war 1988, er 22-jährig. Der gelernte Hochbauzeichner verkaufte seinen Fiat Panda für 5000 Franken, um einen Zeichentisch und ein Velo zu finanzieren. Drei Jahre später stellte er erstmals Mitarbeitende ein.
50 Angestellte waren es, als er die Architektur Rolf Stalder AG 2022 in neue Hände gab. Seither ist er mit einer einzigen Angestellten unterwegs. Stalder bemängelt, er sei nur noch Geschäftsführer gewesen, nicht mehr Architekt. «Heute stecke ich die Hälfte meiner Zeit in Ideen und Visionen», sagt er. «Das ist meine Vorstellung von Lebensqualität.»



