Eine Schweizer Meisterin im Visier
10.04.2026 Sport, Weitere SportartenWie Tanja Spiess ihre Liebe für die Pistole wiederfand
Tanja Spiess zählt zu den besten Pistolenschützinnen der Schweiz. Mit Ruhe und Präzision holt die 33-Jährige Titel – und teilt die Leidenschaft für den Schiesssport mit ihrem Partner, der ebenfalls ...
Wie Tanja Spiess ihre Liebe für die Pistole wiederfand
Tanja Spiess zählt zu den besten Pistolenschützinnen der Schweiz. Mit Ruhe und Präzision holt die 33-Jährige Titel – und teilt die Leidenschaft für den Schiesssport mit ihrem Partner, der ebenfalls eine beeindruckende Medaillensammlung vorweisen kann.
Luana Güntert
Im Schiesskeller der Turnhalle in Zunzgen ist es ruhig. Konzentriert hebt Tanja Spiess die Pistole, richtet den Blick nach vorn, atmet – und schiesst. Es sind Momente wie diese, die den Reiz ihres Sports ausmachen: absolute Fokussierung, völlige Kontrolle über Körper und Gedanken. «Man muss im Hier und Jetzt sein», sagt die 33-Jährige. «Sobald die Gedanken abschweifen, funktioniert es nicht mehr.»
Ende Februar wurde die Sissacherin mit der Luftpistole auf 10 Meter Schweizer Meisterin. Bereits im Jahr zuvor holte sie sich den Titel auf 25 Meter mit der Kleinkaliber-Sportpistole. Erfolge, die nicht zufällig kommen – sondern das Resultat jahrelanger Disziplin, aber auch einer besonderen Beziehung zum Schiesssport sind.
Zum Schiessen kam Spiess eher zufällig. Als sie mit 13 Jahren ihre Zeit in der Mädchenriege beendete, rieten ihr ihre Lehrer, sich ein neues sportliches Hobby zu suchen. Ihr Vater, Mitglied des Schiessvereins Zunzgen-Tenniken, brachte sie schliesslich auf die Idee, das Schiessen auszuprobieren. Die ersten Versuche fanden allerdings nicht im Schützenhaus statt, sondern hinter einem Schopf mit ihrem Vater. «Wir haben mit Kleinkalibern auf Porzellanteller geschossen», erinnert sie sich und lacht. Kurz darauf zog es sie doch ins Schützenhaus Hefleten in Zunzgen – und wenig später in einen Jugend-und-Sport-Kurs. Da sie sich als Mädchen vor dem Rückstoss des Gewehrs fürchtete, fand sie schon jung zum Pistolenschiessen. Dass Spiess Talent hatte, zeigte sich schnell: Schon bald war sie Teil des Kantonalkaders.
Zurück zur Leidenschaft
Was die Sissacherin bis heute am Schiessen fasziniert, ist die Mischung aus Technik und mentaler Stärke. Körperspannung, ruhige Atmung, präzise Abläufe – und gleichzeitig die Fähigkeit, alles andere auszublenden. «Das Mentale macht im Schiesssport einen grossen Teil aus, vor allem bei Nervosität», sagt Spiess. «Aber ohne Technik geht es nicht.»
Im Winter trainiert sie meistens mit der Luftpistole auf 10 Meter, im Sommer wechselt sie zwischen verschiedenen Disziplinen: Freipistole auf 50 Meter, Sportpistole auf 25 und 50 Meter. Besonders reizt sie die Abwechslung. «Je nach Lust trainiere ich alles», sagt sie. Im Kantonalkader liegt der Fokus meist auf dem sogenannten C-Match mit der Sportpistole – der olympischen Disziplin mit dem grössten Prestige.
Trotz früher Erfolge verlief ihre Karriere nicht geradlinig. 2010 gewann Spiess, erst 17-jährig, Silber an der Schweizermeisterschaft – doch während ihrer Lehre rückte der Sport in den Hintergrund. «Ich habe nur noch hobbymässig geschossen», sagt sie. Erst Jahre später kehrte der Ehrgeiz zurück – ausgerechnet durch die Liebe.
Ihren Freund Philipp Wild lernte Spiess, wie könnte es anders sein, auf dem Schiessstand kennen. Gemeinsam entdeckten sie das Sportschiessen neu. «Da kam meine Motivation zurück», sagt Spiess. Eine Bronzemedaille im C-Match an der Schweizermeisterschaft war der nächste Schritt – und der Auslöser für ein klares Ziel: Gold. Ein Jahr später, 2025, erreichte sie es.
Heute ist das Schiessen auch privat allgegenwärtig – auf eine fast augenzwinkernde Weise. Im Haushalt Spiess-Wild dürften sich wohl mehr Waffen befinden als in manchem Lokal eines Schützenvereins, und auch die Vitrinen mit Pokalen und Medaillen sind gut gefüllt. Denn nicht nur Tanja Spiess ist erfolgreich: Ihr Partner Philipp Wild ist sechsmal in Folge Schweizer Meister im Polizeischiessen geworden. Das Schiessen hat er im Beruf gelernt, zum Sportschiessen fand er erst später – und doch ist er inzwischen genauso ehrgeizig wie sie. «Es ist schön, dass wir das teilen können», sagt Spiess.
Dass sie 2026 Schweizer Meisterin mit der Luftpistole wurde, überraschte sie dennoch. Im Jahr zuvor hatte Spiess es nicht einmal in den Final geschafft. Und dann sind da noch die frühen Wettkampfzeiten – eine Herausforderung für alle bekennenden Morgenmuffel. «Um 7.50 Uhr war Standbezug in Bern», erzählt sie. «Da läuft bei mir normalerweise noch nicht viel.» Umso schöner war der Erfolg – auch, weil ihr Partner in derselben Disziplin ebenfalls Gold gewann.
Frauen sind leicht im Nachteil
Neben ihren eigenen Ambitionen engagiert sich Spiess seit mehr als zehn Jahren als Jugend-und-Sport-Trainerin beim SV Zunzgen-Tenniken. Nachwuchs zu finden, sei allerdings schwierig. «Wir können Kinder erst ab zwölf Jahren aufnehmen – und dann haben viele bereits andere Hobbys», sagt sie.
Im Verein selbst stimmt dafür die Mischung: Talent, Ehrgeiz und Kameradschaft. «Nach dem Training sitzt man oft noch zusammen, trinkt ein Bier und isst etwas von der Klubwirtin», erzählt Spiess. «Das gehört bei uns dazu.»
Die Rolle der Frauen im Schiesssport hat sich verändert. «Früher war es weniger üblich, dass Frauen schiessen», erinnert sie sich. Heute sei das kein Thema mehr. In einigen Disziplinen werden Männer und Frauen in derselben Kategorie gewertet, in anderen getrennt. «Wir Frauen haben etwas weniger Körperspannung, das kann ein Nachteil sein», sagt sie.
Mentaltraining gehört für Spiess ebenfalls dazu – auch wenn sie zugibt, es aktuell etwas zu vernachlässigen. Vor Wettkämpfen visualisiere sie ihre Abläufe, gehe Schuss für Schuss im Kopf durch. «Das hilft gegen die Nervosität», sagt sie. Zudem habe sie vor Kurzem das Häkeln, Stricken und Sticken für sich entdeckt. «Ich nehme oft eine Arbeit mit zu Wettkämpfen – zur Ablenkung und Entspannung.»
Und wie sieht die Zukunft aus? Internationale Ambitionen hat die Schweizer Meisterin keine. Der Aufwand sei gross, die Kosten hoch – und sie arbeitet Vollzeit in der Steuerverwaltung. «Ich schätze es, dass ich schiessen darf und nicht muss», sagt Spiess. Der Sport solle Freude bleiben, kein Zwang.
Ein Ziel hat sie dennoch vor Augen: das Eidgenössische Schützenfest 2026. «Vermutlich darf ich unseren Kanton im Ständematch vertreten», sagt sie. In welcher Disziplin ist allerdings noch offen. Am Ständematch möchte sie gemeinsam mit dem Team ein gutes Resultat abliefern.
Im Schiesskeller hebt sie erneut die Pistole. Ein ruhiger Atemzug, ein kurzer Moment der Stille – dann löst sich der Schuss. Für Tanja Spiess ist es genau das, was zählt – und es ist wie meistens eine Zehn.



