«Eine Kandidatur ist, als würde einem ein Megafon vorgesetzt»
20.08.2026 Politik, Waldenburg■ Was halten Sie von der Aussage, dass es in der Politik nicht ums Geschlecht gehen soll, sondern um die beste Kandidatur?
Andrea Sulzer: Ich verstehe den Wunsch nach einer reinen Leistungsauswahl. Allerdings ist die ‹beste Kandidatur› nie frei von ...
■ Was halten Sie von der Aussage, dass es in der Politik nicht ums Geschlecht gehen soll, sondern um die beste Kandidatur?
Andrea Sulzer: Ich verstehe den Wunsch nach einer reinen Leistungsauswahl. Allerdings ist die ‹beste Kandidatur› nie frei von Rahmenbedingungen. Studien zeigen, dass politische Karrieren stark von Netzwerken und Ressourcen abhängen. Da diese Strukturen historisch gewachsen und noch immer männerdominiert sind, haben Frauen oft erschwerten Zugang zu diesen Förderwegen – unabhängig von ihren eigentlichen Qualifikationen. Wenn wir also sagen, es solle nur um die ‹beste Kandidatur› gehen, müssen wir auch anerkennen, dass die Startbedingungen im aktuellen System nicht für alle gleich sind. Eine geschlechtergerechte Besetzung ist daher kein Widerspruch zur Leistungsauswahl, sondern eine notwendige Korrektur, um Chancengleichheit überhaupt erst herzustellen.
■ Denken Sie, es besteht die Gefahr, dass gewisse Parteien ihre Listen schlichtweg mit sogenannten «Quotenfrauen» füllen?
Am Schluss ist das für die Stimmbevölkerung egal. Vielmehr ist relevant, dass möglichst viele Frauen auf den Listen sind. Denn während diese in der Regel ohnehin in der Unterzahl sind, werden sie zusätzlich schlechter gewählt. Einen neuen Sitz zu gewinnen, ist zudem ein Gemeinschaftswerk. Deshalb stehen auf der Liste einer Partei auch meist Personen, um die vielversprechendsten Kandidaturen zu unterstützen und nicht unbedingt um selbst gewählt zu werden. Ich finde allerdings, jede Kandidatur ist eine Gelegenheit, sich zu entwickeln und mehr über sich selbst zu erfahren.
■ Was raten Sie einer Partei, die angibt, nicht mehr Frauen für ihre Liste zu finden?
Ich würde sie darauf hinweisen, dass sie die Frauen, die sie auf der Liste haben, wenigstens gut platzieren sollen. Und ich würde ihnen raten, sich von uns begleiten zu lassen. Eben wegen dieser Unausgeglichenheit ist die Politik für viele Frauen kein attraktiver Ort. Aus dem Kulturbereich weiss man allerdings, wenn man ein diverses Publikum will, muss auch die Organisation divers sein. Dies gilt es in der Politik zu erreichen.
■ Einige Parteien haben ihre Listen für die Wahl im April kommenden Jahres bereits veröffentlicht. Sind Sie mit Ihrer Initiative nicht etwas spät dran?
Die Parteien sind seit Juni über direkte Drähte und die Website über unser Angebot informiert. Ihre Listen müssen sie erst im Februar fertig abgeben. Die Grünen beispielsweise haben zwar schon nominiert, aber haben noch nicht alle Listenplätze gefüllt. Es ist ziemlich normal, dass man diese nicht so leicht vollbekommt. Deshalb können wir zu diesem Zeitpunkt noch gut Einfluss nehmen und die Parteien darauf hinweisen, für ihre bislang unbesetzten Listenplätze Frauen zu gewinnen oder allenfalls bei unausgewogenen Listen noch Änderungen vorzunehmen.
■ Was erwartet eine Frau, wenn sie sich entscheidet zu kandidieren?
Durch die Kandidatur bekommt man eine ganz andere Bühne mit viel grösserer Wirkung als im normalen Leben, um das, wofür man brennt, teilen zu können. Auch innerparteilich hat man mehr Möglichkeiten, da man die (regionalen) Wahlkampfthemen mitbestimmen kann. Man muss bereit sein, Zeit zu investieren und sich zumindest zu einem gewissen Grad zu exponieren. Dann ist es eine grosse Chance, die Kandidatur auszuprobieren und als Lernmöglichkeit anzusehen. Eine Kandidatur fühlt sich ein bisschen so an, als würde einem ein Megafon vorgesetzt.

