«Ein Stich ins Herz»
04.09.2026 TennikenDie rund 100-jährige Silberpappel muss aus Sicherheitsgründen gefällt werden
Die Silberpappel beim Gisiberg prägt die Landschaft oberhalb von Tenniken. Nun muss das beliebte Wahrzeichen gefällt werden. Besonders bitter: Mit der richtigen Pflege hätte das Ende ...
Die rund 100-jährige Silberpappel muss aus Sicherheitsgründen gefällt werden
Die Silberpappel beim Gisiberg prägt die Landschaft oberhalb von Tenniken. Nun muss das beliebte Wahrzeichen gefällt werden. Besonders bitter: Mit der richtigen Pflege hätte das Ende möglicherweise verhindert werden können.
Pascal Kamber
Oberhalb von Tenniken, an der Kreuzung zwischen dem Hof Gisiberg und dem Hofgut Schönegg, steht sie: die Silberpappel. Allerdings nicht mehr lange. Wie die Gemeinde mitteilt, muss der markante Baum aus Sicherheitsgründen gefällt werden. In den vergangenen Tagen seien mehrfach grosse Äste und Stammteile abgebrochen. Es habe sich herausgestellt, dass der Baum im Innern stark beschädigt und weitgehend hohl sei.
In Tenniken bedauert man diesen Schritt. Auf ihren Spaziergängen legen viele Einwohnerinnen und Einwohner bei der Bank unter dem Wahrzeichen eine Pause ein und geniessen die Aussicht. Auch bei Vize-Gemeindepräsidentin Franziska Buonfrate sitzt der Schock tief: «Das ist ein Stich ins Herz.» Die Silberpappel, deren Alter Buonfrate auf rund 100 Jahre schätzt, geniesse im Dorf und in der Umgebung einen hohen Stellenwert.
Ganz unerwartet kommt das Ende jedoch nicht. Bereits vor zwei Jahren ist Buonfrate der allgemein schlechte Zustand der Bäume in der Gemeinde aufgefallen. Sie kontaktierte Baumpflegespezialist Martin Müller, Inhaber und Geschäftsführer von Vita Arborea aus Itingen, der die Pflanzen anschliessend begutachtete – auch die Silberpappel. «Der Baum ist schon länger hohl und der Kronenteil, der vor Kurzem ausgebrochen ist, war dadurch geschwächt und sehr ausladend», sagt Müller auf Anfrage. Er erstellte ein Pflegekonzept für die Bäume, das just in diesen Tagen hätte umgesetzt werden sollen. Zu spät für die Silberpappel, wie sich nun herausstellt.
«Falsche» Experten
Laut Müller wäre das unschöne Ende der Silberpappel vermeidbar gewesen. «Hätte man bereits vor fünf Jahren damit begonnen, den Baum regelmässig zu pflegen, wäre das nicht passiert», ist er überzeugt. Mit einem dynamischen baumschonenden Seilsystem hätte er damals die Krone gesichert: «Das lässt zu, dass sich der Baum weiter bewegen kann. So setzt er dort Dickenwachstum an, wo er es braucht.»
Ein paar wenige Handgriffe hätten die Lebenszeit der Silberpappel in Tenniken also deutlich verlängert. Müller rät deshalb jeder Gemeinde, die mehr als zehn Bäume besitzt, ein Pflegekonzept zu erstellen. «In den meisten Gemeinden sind keine Fachleute vor Ort. Es wird von Laien verlangt, dass sie auch über Bäume Bescheid wissen müssen», ärgert er sich. Die besonderen Bäume – Müller spricht von «Monumenten» – hätten eine solche Beratung verdient: «Diese Bäume sind Allgemeingut. Ich fände es toll, wenn unsere Nachkommen sie auch noch in echt anschauen könnten.»
Franziska Buonfrate meint, dass man es bereits seit mehreren Jahren versäumt habe, die Bäume in der Gemeinde richtig zu pflegen. Sie betont aber, dass ein Baum ein Lebewesen sei, dessen Lebensdauer von verschiedenen Faktoren abhänge, «und dessen Zeit letztlich begrenzt ist». Trotzdem ist in Tenniken inzwischen die Erkenntnis gereift, dass gewisse Bäume nicht planlos zurückgeschnitten werden können und besondere Ansprüche haben. Aus diesem Grund kümmern sich nun die Spezialisten von Vita Arborea um die mehr als 50 Bäume, die der Gemeinde Tenniken gehören. Das belaste die Finanzen nicht zusätzlich, versichert Buonfrate. «Wer einen 40 oder 50 Jahre alten Baum kaputt schneidet, bezahlt schnell 15 000 Franken oder mehr. Ein neues Exemplar, das eine gute Anfangsgrösse hat, kostet mindestens 5000 Franken. Wird dieses nicht richtig gepflegt, wird es noch teurer», sagt sie. Hinzu kommt: Das Team von Martin Müller ist bereits ausgebildet und besitzt die nötigen Werkzeuge. «Würde diese Aufgabe zum Beispiel unser Werkhof erledigen, müsste man diese Leute zuerst schulen, was wiederum Geld kostet», sagt Buonfrate.
Tenniken will Baum ersetzen
Martin Müller rechnet damit, dass sich Vorfälle wie jener in Tenniken nach diesem Hitzesommer häufen werden. «Bei den Bäumen trocknet die Zellulose aus. Dann kommt es zu spröden Brüchen», sagt Müller. Er malt deshalb ein düsteres Zukunftsbild: «In den nächsten fünf bis sieben Jahren werden wir wahrscheinlich etliche Bäume fällen müssen, weil sie absterben.»
Bereits in rund zwei Wochen schlägt für die Tenniker Silberpappel die letzte Stunde. Nächsten Frühling aber will die Gemeinde an gleicher Stelle einen neuen Baum pflanzen.

