Ein offenes Ohr statt eines Rezepts
06.11.2026 SissachPensionierte Ärztinnen und Ärzte bieten neu eine kostenlose und unabhängige Beratung an
Ein Angebot, das es in Städten wie Zürich und Basel schon seit Längerem gibt, kann neu auch in Sissach genutzt werden: in ungezwungener Atmosphäre und unentgeltlich ...
Pensionierte Ärztinnen und Ärzte bieten neu eine kostenlose und unabhängige Beratung an
Ein Angebot, das es in Städten wie Zürich und Basel schon seit Längerem gibt, kann neu auch in Sissach genutzt werden: in ungezwungener Atmosphäre und unentgeltlich bei pensionierten Fachpersonen der Medizin ein offenes Ohr finden.
Brigitte Keller
Jeden zweiten Dienstagnachmittag im Monat «verwandelt» sich ab sofort das Kulturhaus «Cheesmeyer» in ein «amm Café Med», organisiert von der Akademie Menschenmedizin, kurz «amm» genannt. Wer Rat sucht, schildert bei der Anmeldung das Anliegen einer erfahrenen Pflegefachperson und wird nach einer kurzen Triage an eine der anwesenden Ärztinnen und Ärzte aus den verschiedensten Fachbereichen verwiesen. Dort erhält man keine Behandlung und auch keine Rezepte, dafür ein offenes Ohr und eine unabhängige Einschätzung. Und dies kostenlos.
Die Idee zum «amm Café Med» hatten Menschen, die der Entwicklung im Gesundheitswesen mit immer weniger Zeit für Patientengespräche etwas entgegensetzen wollten. Denn Zeit haben zum Zuhören, so ihre – durch Studien belegte – Überzeugung ist ein wichtiger Teil für eine gelingende Genesung.
Freud und Leid
Eine der Initiantinnen ist Annina Hess-Cabalzar. Was bewog die Psychotherapeutin, die bis 2012 Leitungsmitglied des Spitals in Affoltern am Albis war, dieses kostenlose Angebot, das mittlerweile an 12 Standorten angeboten wird, ins Leben zu rufen? «Ich bin in einem sehr liberalen Pfarrhaus aufgewachsen, wo viel diskutiert wurde», erzählt sie. Den Umgang mit der Existenz habe sie dort schon früh mitbekommen. «Wir hatten immer Freud und Leid, fröhliche und traurige Menschen im Haus.» Gleichzeitig habe immer schon das «Rebellische» zu ihr gehört und die Einstellung, dass nicht alles einfach gegeben und hinzunehmen ist, sondern dass man Möglichkeiten hat, sich zu wehren.
Nur eine Facette von etwas anzuschauen, das hätte ihr nie gereicht, erklärt Hess-Cabalzar. Bei allem immer den Menschen als Ganzes im Auge zu behalten, dieses Denken begleitete sie stets und bewog sie dazu, nach ihrer Tätigkeit als Lehrerin ein Studium zur Psychotherapeutin in Angriff zu nehmen und im Spital Affoltern am Albis zu arbeiten. Zusammen mit dem Chefarzt der Inneren Medizin und ärztlichen Leiter, Dr. med. Christian Hess, verfasste sie in den folgenden Jahren das Buch «Menschenmedizin», das im Jahr 2000 publiziert wurde. Darin beschreiben sie die Grundlagen einer Heilkunst, die nicht einfach Symptome entfernt, sondern das Gesundsein unterstützt.
Was sie in ihrem Buch beschreiben, das wurde im Spital Affoltern am Albis auch umgesetzt. So führten sie beispielsweise die «Gemeindenahe Psychiatrie» ein und auch eine der ersten Palliativstationen. Im Palliativbereich habe ihr Mann Pionierarbeit geleistet, sagt Hess-Cabalzar: «Er war auch sehr existenziell und philosophisch unterwegs.»
2009 gründeten sie mit Gleichgesinnten den gemeinnützigen Verein «Akademie Menschenmedizin». Dieser trägt die Ideen für eine humanistische Medizin weiter, unter anderem auch auf politischer Ebene. «Wir schauen genau, welche der breit gefächerten Themen wir aufnehmen wollen und können, und wo wir schlichtweg zu klein sind und uns die Ressourcen dafür fehlen.»
Tabuthemen
«Einen grossen Vorteil, den unser Verein hat, ist die Unabhängigkeit», sagt die 75-Jährige, «denn wir vermeiden jegliche Interessenkonflikte.» Und so könnten sie auch Tabuthemen ansprechen, wie beispielsweise die Kaderarztsaläre. Oder das Thema «Kommerzialisierung im Gesundheitswesen» und die damit verbundene Mengenausweitung, die mit den Fallkostenpauschalen Einzug gehalten habe. Oder, wie Hess-Cabalzar sagt: «Das marktwirtschaftliche System ist völlig unbrauchbar für das Gesundheitswesen, ein Irrläufer.»
Eine Folge davon sei unter anderem die fehlende respektive rationierte Zeit. Immer wieder habe sie feststellen müssen, wie gross das Bedürfnis nach einer unabhängigen Unterstützung bei der Entscheidungsfindung durch eine medizinische Fachperson sei. Nicht zuletzt, um diesem Bedürfnis nachzukommen, hätten sie das «amm Café Med» ins Leben gerufen. Dort finden insbesondere auch Angehörige eine Anlaufstelle. Gerade diese Gruppe ist für Hess-Cabalzar sehr wichtig: «Die Angehörigen spielen im heutigen System eine wichtige Rolle und werden häufig mit ihren Fragen allein gelassen.»
Machbar und wünschenswert
Im «amm Café Med» wird nicht behandelt, nicht dokumentiert und es werden keine Rezepte oder Überweisungen ausgestellt. Stattdessen hört jemand zu, beantwortet Fragen und gibt auf Wunsch Anregungen. «Die heutige Medizin kann so viel, dass man wählen muss», sagt Annina Hess-Cabalzar, und eine sinnvolle Wahl zu treffen, falle manchen schwer. «Nicht alles, was medizinisch machbar ist, ist auch wünschenswert für den Einzelnen.»
Einer der Ärzte, die sich im Sissacher «Café mit Mehrwert» engagieren, ist Max Handschin. Er war bis zu seiner Pensionierung 2018 Hausarzt in Gelterkinden und Zunzgen. Er ist den «Volksstimme»-Lesern auch bekannt durch seine Artikel, die in der Rubrik «Zeit für neues Wissen» erscheinen. Die Frage, was ihn dazu bewogen hat, seine Zeit und sein Fachwissen unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, beantwortet er augenzwinkernd: «Das tue ich sowieso schon, wenn mich ehemalige Patienten über den Gartenzaun hinweg ansprechen. Dann kann ich es auch hier machen.»
Das «amm Café Med» in Sissach findet jeden zweiten Dienstagnachmittag von 14.00 bis 16.30 Uhr im Kulturhaus «Cheesmeyer» statt, das nächste Mal am kommenden Dienstag, 10. November. Welche Fachpersonen jeweils vor Ort sind, findet sich auf der Website (www.menschenmedizin.ch) unter dem jeweiligen Datum.

