Ein nächster Jeker ist nicht in Sicht
19.09.2024 SportAb Samstag werden die Velound Para-Cycling-Weltmeisterschaften in Zürich zelebriert. Bei keiner der 66 Medaillenentscheidungen sind Athletinnen und Athleten aus der Region Basel beteiligt. Wird es je einen nächsten Fabian Jeker geben?
Sebastian Wirz
...Ab Samstag werden die Velound Para-Cycling-Weltmeisterschaften in Zürich zelebriert. Bei keiner der 66 Medaillenentscheidungen sind Athletinnen und Athleten aus der Region Basel beteiligt. Wird es je einen nächsten Fabian Jeker geben?
Sebastian Wirz
«Wir müssen das Wellental überwinden», sagt Andreas Wild am Telefon. Beim Blick auf die Selektionen für die Rad- und Para-Cycling-WM in Zürich ist sich der Präsident von Swiss Cycling beider Basel der Erklärungsnot bewusst: Bei 13 Medaillenentscheidungen im Radsport von den Junioren bis zur Elite von Frauen und Männern sowie deren 53 im Para-Cycling gibt es keine Teilnehmenden aus seinem Regionalverband. Über das WM-Feld hinaus sind U23-Fahrer Diego Casagrande (Strasse) vom Veloclub Allschwil, Seraina Leugger (Cross Country) und Debi Studer (Trial) die einzigen hiesigen Mitglieder eines Kaders von Swiss Cycling von Bahn über Strasse, Trial, Radquer und BMX bis zum Mountainbike.
«Wir haben sehr erfolgreiche Zeiten hinter uns, nicht zuletzt wegen der damaligen Arbeit von Thomas Rentsch», sagt Wild. Nach dem Rücktritt des Swiss-Olympic-Trainers und Gründers des Radrennclubs Nordwest in Reigoldswil habe es jedoch «ein Loch gegeben». Im neuen Jahrtausend sind gleich mehrere Rennen «gestorben», Wilds Grand Prix Oberbaselbiet (GPO) in Zunzgen entstand in dieser Situation, um den hiesigen Radsport am Leben zu erhalten. Mit der 20. Austragung im kommenden Jahr ist dieser GPO in einer darbenden Branche daran, sich bereits zum Dinosaurier zu entwickeln. «Das Ziel kann es aktuell nur sein, die Anzahl Rennen zu halten», sagt Wild. Auflagen für die Sicherheit, eine schwierige Lage in Sachen Sponsoring – zusätzliche Rennen dürften kaum hinzukommen.
Für Fabian Jeker, den wohl erfolgreichsten Baselbieter Rennfahrer überhaupt, beginnt das Problem aber schon früher: «Wollen wir unsere Kinder überhaupt auf die Strasse schicken?», fragt sich der in Oberdorf aufgewachsene Ex-Profi beim Blick auf den dichten täglichen Verkehr. Das sei zu seiner Zeit noch anders gewesen. Jekers Vater fuhr Rennen, der Sohn erhielt mit 15 sein erstes Rennrad – und stieg nicht mehr ab, bis er mit 38 Jahren nach mehreren Gesamtsiegen bei kürzeren Rundfahrten seine Profi-Karriere beendete. Das Karriere-Highlight war eine Wimpernschlag-Entscheidung bei der Tour de Suisse 2004, als er die Gesamtwertung wegen nur einer Sekunde Rückstand dem Deutschen Jan Ullrich überlassen musste.
Ein Maurer auf dem Velo
Sein Weg war steinig. Jeker trainierte zuerst neben der Maurerlehre am Abend, anschliessend hiess es: «Halbtags maurern, halbtags Velo fahren.» Schliesslich gibt es keine Sicherheit, dass die Tausenden Trainingsstunden zu einer Profi-Karriere führen. Der heute 53-Jährige nennt auch das Militär als nicht gerade förderliches Element: «Athlet oder nicht – da hast du damals jede Nachtübung mitgemacht.» Heute sei die Situation für Junge besser: Leistungssportförderung, verlängerte Sportlehren, Spitzensport-RS und Karriere-Manager für die Athleten für die Perspektive ausserhalb des Sports. Darauf konnte Jeker in den Neunzigern nicht zurückgreifen.
Trotz der heutigen Fördermöglichkeiten ist die Zahl an Fahrern heute viel kleiner als zu Jekers Zeit. «Bei uns gab es bei den Amateuren Felder mit 250 Fahrern, die Juniorenkategorien waren gross. Jahr für Jahr hörten einige auf oder konnten nicht mehr mithalten – bis dann nur die Auserwählten den Sprung zu den Profis schafften.» Denn um dorthin zu gelangen, brauche es unglaublich viel. «Wenn du die Strecke einer Tour-de-France-Etappe in der doppelten Zeit des Siegers absolvieren kannst, bist du ein sehr guter Velofahrer. Aber du bist noch meilenweit entfernt vom Profi-Zirkus», sagt Jeker. «Nur Athleten, die aussergewöhnlich sind, schaffen es dorthin.» Die Leistungen seien extrem. Doch nicht nur den starken «Motor» müsse ein Profi mitbringen, dazu kämen mentale Aspekte und der Instinkt, wann er in einem Rennen einen Vorteil rausholen und den Sieg einfahren kann.
«Tudor» als Hoffnungsträger
Ein nächster Profi wie Fabian Jeker ist in beiden Basel nicht in Sicht. Um Ausnahmetalente hervorzubringen, ist zuerst eine Breite nötig. An dieser arbeiten Regionalpräsident Andreas Wild und viele andere unentwegt. «Eigentlich ist es phänomenal, wie viele Strassenradsport-Talente die Schweiz mit den wenigen Rennen hervorbringt», sagt er. Die Zahlen bei den jüngsten Jahrgängen geben Wild Hoffnung und bei den wöchentlichen «Dienstagabend-Rennen» seines Verbands im Fricktal sei eine «positive Entwicklung» zu sehen.
Auch bei den Profi-Rennen gibt es für Andreas Wild Lichtblicke. Mit dem «Tudor pro Cycling Team» von Fabian Cancellara gibt es wieder eine Schweizer Profi-Mannschaft, die zudem eine U23-Equipe unterhält, der auch der eingangs erwähnte Unterbaselbieter Casagrande angehört. «So sehen ambitionierte Junge, dass es einen Weg zu den Profis geben kann», sagt der GPO-Organisator. Bei den WM-Rennen in Zürich hofft er auf gute Schweizer Resultate. Erfolgreiche Aushängeschilder könnten Swiss Cycling mehr Mitglieder bringen – und Lizenzen. Denn die Lage in der Schweiz sei fast «schizophren»: «Es gibt so viele Menschen, die Velo fahren, vielleicht auch bei ‹wilden› Rennen, aber es gibt zu wenige Lizenzierte. Die Menschen wollen offenbar nicht in Vereine.» Doch für die Förderung braucht es diese Strukturen.
Fabian Jeker macht bei den Jungen allgemein nicht die Eigenschaften aus, die es für eine Profi-Karriere brauche. Radsport sei ein harter Sport, der viel und langfristigen Willen voraussetzt, er sei «kein Zuckerschlecken». Auch wenn der Radsport in der Schweiz bei der Rekrutierung von jungen Fahrern einiges verpasst habe, sieht der Ex-Profi und heutige Bauleiter seinen Sport langfristig nicht auf dem Spitalbett: «Grosse Sportarten kann man nicht kaputt machen. Die Begeisterung für den Radsport ist da und wird bleiben. Es gibt lediglich Wellenbewegungen.»
Das umfangreiche WM-Rennprogramm ist unter www.zurich2024.com zu finden.
Keine Startenden im Para-Sport
wis. Neben dem Regel-Sport sind bei der WM in Zürich auch in den 53 Medaillenentscheidungen im Para-Cycling keine Basler oder Baselbieterinnen auszumachen. Dies erstaunt wenig, war der doppelte Paralympics-Medaillengewinner Tobias Fankhauser doch in Sachen Para-Cycling in der Region immer alleine auf weiter Flur.
Der ehemalige Handbike-Profi ist an der WM im Organisationskomitee für die Para-Wettkämpfe sowie das «barrierefreie Eventerlebnis» im Einsatz und sagt: «Wenn es nicht gerade läutet, muss ich mein Handy kühlen.» Der Hölsteiner ist zuversichtlich, dass die erste kombinierte WM von Radsport und Para-Cycling ein aussergewöhnlicher Event wird: «Wir werden dem Grossanlass ein cooles und bleibendes Zeichen betreffend Inklusion setzen, auf das wir stolz sein werden.»

