Ein Lob dem Forum
13.08.2026 PolizeiAm Ende des Berichts werden «die ältesten Lagerkinder» als Verfasser angegeben. Am Anfang steht, worum es im Beitrag geht. Nämlich: «Eine tolle Woche durften wir im Sonntagsschullager in Oberägeri verbringen.» Mit «wir» sind mehr als 30 Kinder und Jugendliche sowie die Handvoll Erwachsener gemeint. Das belegt das mitgelieferte Gruppenbild. Der erfrischende Text und das Bild erschienen in der «Volksstimme» vom 4. August unter der Rubrik «Forum».
In guter alter Tradition stellt das Blatt den Vereinen aus seinem Gebiet Raum zur Verfügung, um von ihren Lagern, Generalversammlungen, Ausflügen und anderem zu berichten. So will die Redaktion der Bedeutung des Vereinswesens gerecht werden. Deshalb drückt sie auch gerne mal ein Auge zu, wenn ein Verein sich mehr als die in den Hausregeln festgelegten zwei Mal pro Jahr zu Wort meldet (Bild und Text an die E-Mail-Adresse forum@volksstimme.ch).
Ohne in irgendeiner Weise mit ihrem Weichgummi-Knüppel wedeln, geschweige denn die Verfasser belehren zu wollen, geht die Sprachpolizei an dieser Stelle der Frage nach, wie sich die zugesendeten Beiträge im Forum von den Reportagen von Profis unterscheiden. Zuerst sticht das Bild ins Auge: Gruppenbilder, ein Tabu in anderen Ressorts und Zeitungen, sind im «Forum» willkommen, ja sogar erwünscht.
Da es der Sprachpolizei vornehmlich um den Text geht, kramen wir die Zeitungen aus dem Stapel hervor, die eine Woche vor dem Bericht zur Lagerwoche in Oberägeri, also am 28. Juli, erschienen sind. Ein Forumsbeitrag in der «Volksstimme» beginnt mit: «Am Freitag, den 26. Juni, trafen sich zehn unermüdliche Schützen bei der Mehrzweckhalle, um sich auf den Weg nach Chur an das Eidgenössische Schützenfest zu machen». Die Angaben zum Verein seien hier weggelassen, auch wenn es hier ausdrücklich nicht ums Belehren geht.
Dem stellen wir hier den Einstieg in zwei Reportagen aus der «bz» jenes Tags gegenüber. Die eine handelt von der Mahnwache für die Missbrauchsopfer des Ex-Grossrats in Untersiggenthal, die andere von einem neuen Museum für Barack Obama in Chicago. «Langer Applaus. ‹Bravo› schallt es aus der Menge. Iwona L. hat soeben an der Mahnwache eine kurze Ansprache gehalten.» Beziehungsweise: «Ein bisschen enttäuscht ist Chris Brown schon. Er hätte das Obama Presidential Center, das neue Museum des Ex-Präsidenten Barack Obama, gerne erkundet.»
Bei diesem zweifellos unfairen Vergleich stechen gleich mehrere frappante Unterschiede ins Auge. Die Reportage beginnt mit atemlos kurzen Sätzen. Diese werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Sie sind im Präsens und nicht in der Vergangenheitsform verfasst. Sie verzichten weitgehend auf wertende Adjektive. Eine ordnende Chronologie suchen wir vergeblich. All diese Stilmittel wiederholen sich im weiteren Verlauf der langen Beiträge.
Diese Merkmale treffen auch auf die berührendste Reportage jenes Tages zu. Sie beginnt folgendermassen: «Am Tag ist es viel zu heiss, in der Nacht eiskalt. Überall ist Staub, das wenige verfügbare Wasser ist mit Benzin vermischt, zu essen gibt es sowieso nichts.» Geschildert wird die Flucht einer damals 13- und heute 23-jährigen Frau aus Eritrea. Sie hat im Alters- und Pflegeheim Mülimatt in Sissach eben ihre Lehre abgeschlossen. Nachzulesen ist die Reportage auf Seite 2 der «Volksstimme» vom 28. Juli, also in jener Zeitung, die gerne auch Ihre Forumsbeiträge publiziert.
Jürg Gohl
