Ein Leben voller Geschichten
19.05.2026 GelterkindenKurt Wichmann feierte seinen 100. Geburtstag
Geistig wach, körperlich fit und umgeben von Familie, Freunden und Behördenvertretern beging Kurt Wichmann sein Jubiläum. In Gelterkinden erzählte er aus seinem Leben, das ihn vom Konzentrationslager Theresienstadt bis in ...
Kurt Wichmann feierte seinen 100. Geburtstag
Geistig wach, körperlich fit und umgeben von Familie, Freunden und Behördenvertretern beging Kurt Wichmann sein Jubiläum. In Gelterkinden erzählte er aus seinem Leben, das ihn vom Konzentrationslager Theresienstadt bis in Hotels auf mehreren Kontinenten führte.
Otto Graf
Am Samstag feierte Kurt Wichmann in beneidenswerter geistiger und körperlicher Verfassung seinen 100. Geburtstag – und schöpfte dabei aus dem Vollen. Zu den Gratulierenden gehörten neben der Familie des Jubilars auch zwei Delegationen der Obrigkeit. Der Kanton war mit Landratspräsident Reto Tschudin und Staatsweibel Daniel Hofer zugegen, während seitens der Gemeinde Gelterkindens Vizepräsident Thomas Persson und die stellvertretende Leiterin der Gemeindeverwaltung, Theres Fuchs, die Glückwünsche und ein Präsent überbrachten.
Der Jubilar fühlte sich im Eventraum des Bistros «eira», das sich nach und nach mit immer mehr Freunden, Nachbarn und Bekannten des Geburtstagskinds füllte, sichtlich wohl. Obwohl Kurt Wichmann eigentlich bequem auf einem Stuhl hätte sitzen können, zog er es vor, stehend und mit klarer Stimme aus seinem bewegten Leben zu berichten.
Geboren wurde er am 16. Mai 1926 in Eimelrod, einem kleinen hessischen Bauerndorf. Sein Vater, ein Lehrer, der im Ersten Weltkrieg schwer verwundet wurde, überwarf sich bald mit den Nazis, die 1933 an die Macht kamen. Diese wollten mit der Begründung, die Mutter von Kurt Wichmann sei nicht arischen Geblüts, sogar die Ehescheidung der Eltern erzwingen. Dieses Ereignis prägte das Kind nachhaltig bis zum heutigen Tag. Die Familie kam 1944, ein Jahr vor Kriegsende, wegen ihrer Gesinnung ins Konzentrationslager Theresienstadt. Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten aus der Region, die ähnlich dachten, überlebte die Familie das Horrorszenario. 1948 kam der junge Mann in die Schweiz. «Mein grosser Wunsch, Lokführer zu werden, ist leider nicht in Erfüllung gegangen, weil ich Brillenträger war», trauert er der verpassten Chance nach. Als Alternative richtete er sein Augenmerk auf die Gastronomie. 1956 schloss Kurt Wichmann die berufliche Ausbildung mit dem Diplom der Hotelfachschule in Lausanne ab, gefolgt von zahlreichen Weiterbildungen bis hin zum gefragten Hotelmanager.
Dieser Berufung kam er fast auf der ganzen Welt nach. So managte er Hotelbetriebe in Chicago oder Berlin, um ein paar wenige zu nennen. Am 27. August 1963 heiratete Kurt Wichmann die aus Riehen stammende Rosalinda Tronconi, geboren 1935. 1963 wurde er in Buchholterberg (BE) eingebürgert. Der Ehe entsprossen die Töchter Monika und Sylvia. Heute gehören acht Grosskinder und bis jetzt zwei Urenkel zur Familie.
Ein Traum erfüllt sich bald
«Man muss sich bewegen, tüchtig arbeiten und sich täglich fordern», sagte er zu seinen Gästen. So gehörten Velotouren und anspruchsvolle Wanderungen zur Lebensphilosophie und den Hobbys von Kurt Wichmann. Später sind Reisen in die weite Welt dazugekommen. Der Humor gehört nach wie vor zu den Eigenschaften des 100-Jährigen. Er fesselte sein Publikum im «eira» mit seinen Erinnerungen und Aussagen dermassen, dass kaum Zeit blieb, das Glas zum Wohl des Jubilars zu erheben. Dass er bis vor vier Jahren noch selbst Auto gefahren ist, erstaunt angesichts seiner Vitalität keineswegs.
Seit 2023 wohnt das Ehepaar Wichmann im Wohntrakt des «eira». «Beide gestalten ihr Leben absolut selbstständig», bestätigte der Vermieter, der Arzt Markus Schönenberg. Natürlich habe ihr Vater noch Zukunftspläne, verkündete Tochter Sylvia. So wird er als Eisenbahnfan demnächst im Führerstand einer Maschine der Rhätischen Bahn neben dem Lokführer Platz nehmen, um das Bündnerland aus einer ganz speziellen Perspektive erfahren und wahrnehmen zu können.

