«Ein grosser menschlicher Mehrwert»
27.05.2026 SchweizViele Institutionen würden gerne mehr Zivildienstleistende aufnehmen
Am 14. Juni stimmt die Schweiz über eine Erschwerung des Zugangs zum Zivildienst ab. Zivildienstleistende sind für Institutionen wie Alters- und Pflegeheime eine wichtige Unterstützung. Gleichzeitig braucht die Armee ...
Viele Institutionen würden gerne mehr Zivildienstleistende aufnehmen
Am 14. Juni stimmt die Schweiz über eine Erschwerung des Zugangs zum Zivildienst ab. Zivildienstleistende sind für Institutionen wie Alters- und Pflegeheime eine wichtige Unterstützung. Gleichzeitig braucht die Armee mehr Personal.
Regula Vogt-Kohler
So schnell wie die Zahlen der Gesuche für den zivilen Ersatzdienst mit der Abschaffung der Gewissensprüfung 2009 in die Höhe schnellten, kamen die politischen Reaktionen. Parlamentarische Vorstösse forderten den Bundesrat zum Handeln auf, und schon 2010 lag ein Bericht zu den Auswirkungen der Tatbeweislösung vor. Das Fazit: Kurzfristig sei eine Gesetzesrevision nicht angebracht.
Während die Zahlen der Zivildienstgesuche auf hohem Niveau verblieben, änderten sich die Rahmenbedingungen. «Um im Kontext einer sich verschlechternden internationalen Sicherheitslage in Europa den Armeebestand der Schweiz zu stärken, sind Massnahmen in Bezug auf die Zivildienstleistenden absolut zwingend», heisst es in einer von National- und Ständerat im Jahr 2022 respektive 2023 überwiesenen Motion der SVP. Forderungen der Motion flossen in die Revision des Zivildienstgesetzes ein. Weil mehrheitlich linke Parteien und Organisationen das Referendum ergriffen haben, hat das Schweizer Stimmvolk am 14. Juni das letzte Wort.
Wie stark sich die Erschwerung des Zugangs zum Zivildienst auf die Anzahl der Zivildienstpflichtigen und die Armeebestände auswirke, lasse sich nicht genau voraussagen, heisst es in den Abstimmungserläuterungen. Konkret rechnet der Bundesrat mit 40 Prozent weniger Zulassungen von Zivis. Was bedeutet das für Betriebe, in denen Zivildienstleistende, kurz Zivis genannt, ihre Einsätze leisten?
Beide Seiten profitierten
«Wenn wir die Zivi-Stellen nicht besetzen können, fehlen Ressourcen im Team», sagt Marianne Eggenberger, Geschäftsführerin der im Bereich Arbeitsintegration tätigen Stiftung Öko-Job, auf Anfrage. «Grundsätzlich wäre unser Bedarf grösser als die Meldungen, die eingehen. Wir rechnen mit ihnen.» Eggenberger betont aber auch: «Wir sind nicht strukturell von den Zivis abhängig.» Auf rund 30 Mitarbeitende kommen zwei bis drei Zivis.
Auch das Zentrum für Pflege und betreuung Mülimatt Sissach setzt regelmässig Zivis ein. «Es könnten sich gerne ein bis zwei mehr melden», teilt Geschäftsführerin Mireille Dimetto auf Anfrage mit. Im Moment sei der Zivi vormittags im Roomservice und am Nachmittag im Technischen Dienst eingeteilt. «Die Einsätze variieren, jeweils auch nach Bedarf bei uns oder auch nach speziellen Kenntnissen der Zivis», hält Dimetto fest. Wenn es deutlich weniger Zivis gäbe, «würde eine wichtige Unterstützung fehlen, die wir durch andere Personalabdeckung weder finanzieren noch finden können – der Personalmangel ist äusserst akut». Es gehe aber nicht nur um Ressourcen, sagen Eggenberger und Dimetto. «Vom Zivi-Einsatz profitieren beide Seiten», hält Eggenberger fest. «Die Zivis bringen viel mit, und wir bieten ihnen etwas, das sie mitnehmen können.»
Zivis seien zusätzliche Stützen, vor allem im sozialen Bereich, hält Dimetto fest. «Und ein grosser menschlicher Mehrwert.» Oft seien Zivis sehr sorgsam und auch etwas entspannter. «Als Quereinsteiger sehen sie Abläufe manchmal anders und bringen neue Ideen ein.» Der Betrieb sei damit gefordert, eingespielte Abläufe zu durchdenken und andere Haltungen zu akzeptieren und zu integrieren.
«Die Zivi-Einsätze sind eine Bereicherung», beantwortet Dimetto die Frage nach den Erfahrungen mit den Zivis. Die jungen Männer seien gern gesehen und willkommen, da im Zentrum Mülimatt mehrheitlich Frauen auf den Stationen im Einsatz seien. «Zivis können auch andere Aufgaben erledigen, die im Pflegealltag zu kurz kommen, und haben auch ein wenig mehr Zeit für einen Schwatz mit den Bewohnenden, was sehr geschätzt wird.»
Tatbeweis statt Gewissensprüfung
Wer statt Militärdienst den zivilen Ersatzdienst leisten will, muss seit 2009 keine Gewissensprüfung mehr absolvieren. Die Bereitschaft, den 1,5-mal so langen Zivildienst zu leisten, gilt als Beweis dafür, dass der Gesuchstellende den Militärdienst nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann. 2025 erreichten die im Zivildienst geleisteten Tage mit 1,89 Millionen einen Höchststand. Die Einsatztage verteilen sich wie folgt: 50,4 Prozent Sozialwesen; 18,1 Prozent Schulwesen; 14,8 Prozent Gesundheitswesen; 9,6 Prozent Umwelt- und Naturschutz; 2,7 Prozent Landwirtschaft.
Regula Vogt-Kohler

