Ein Einsatz, der den Blick weitet
17.07.2026 Böckten
Donat Oberson half in Nordalbanien Ordensschwestern – und lernte Gegensätze kennen
Donat Oberson aus Böckten reiste für einen Freiwilligeneinsatz nach Nordalbanien. In Shkoder half er Ordensschwestern bei ihrer Arbeit mit Menschen in Armut. Dabei begegnete er grosser ...
Donat Oberson half in Nordalbanien Ordensschwestern – und lernte Gegensätze kennen
Donat Oberson aus Böckten reiste für einen Freiwilligeneinsatz nach Nordalbanien. In Shkoder half er Ordensschwestern bei ihrer Arbeit mit Menschen in Armut. Dabei begegnete er grosser Gastfreundschaft, beeindruckender Natur – aber auch den sozialen Nöten eines Landes, das mit den Folgen seiner Geschichte ringt.
Donat Oberson
Statt mehrerer kurzer Reisen entschied ich mich für einen längeren Aufenthalt in Albanien. Die Anreise erfolgte mit dem Zug über Mailand nach Bari und dann über Nacht mit der Fähre nach Albanien. Die lange Zugfahrt bot Zeit zum Lesen, für Gespräche mit Mitreisenden und zum Beobachten der Landschaft entlang der Adria. 24 Stunden nach meinem Aufbruch erreichte ich Durrës und reiste mit dem Bus ins 120 Kilometer entfernte Shkoder, an den Einsatzort in Nordalbanien.
Der Anlass für meine Reise war ein Freiwilligeneinsatz bei zwei Ordensschwestern aus Deutschland und der Schweiz. Gemeinsam mit rund 20 Mitarbeitenden engagieren sie sich am Rand von Shkoder für Menschen in Armut. Zu ihren Hilfeleistungen gehören medizinische Versorgung, Abgabe von Kleidern und Lebensmitteln sowie die Betreuung von Kindern in einer Tagesstruktur. Meine Aufgaben bestanden aus Gartenarbeiten, Hilfe in der Küche, dem Sortieren von Hilfsgütern und verschiedenen praktischen Unterstützungsarbeiten.
Besonders eindrücklich waren die Gespräche mit den Schwestern über die sozialen Herausforderungen des Landes. Sie betonten, dass Armut nicht nur materiellen Mangel bedeutet, sondern oft auch fehlenden Zugang zu Bildung. Eine Schwester berichtete von einem Pflegekurs für Frauen, bei dem grundlegendes Wissen über Gesundheit und Umwelt vermittelt wird. Viele Teilnehmerinnen hätten kaum Vorbildung. Das Verständnis einfacher Zusammenhänge könne für manche Menschen bereits eine neue Sicht auf die Welt eröffnen.
Die Schwestern schilderten weitere Probleme des Landes: Viele Menschen verbrennen ihren Abfall, weil das Bewusstsein für die Folgen auf Umwelt und Gesundheit fehlt. Medikamente spielen im Alltag eine grosse Rolle; selbst bei kleinen Krankheiten werden oft Antibiotika eingesetzt. Auch Korruption und Gewalt seien in vielen Bereichen präsent und werden häufig als normal empfunden.
Beeindruckt hat mich das Engagement der Schwestern, die nicht nur materielle Hilfe leisten und Wunden nach schweren Unfällen versorgen, sondern die Menschen ganzheitlich betreuen und eine Freundschaft mit ihnen eingehen. Ihr Einsatz zeigt, wie wichtig langfristige Unterstützung und persönliche Begleitung sind. So tragen sie am Rande des Landes, wo noch die Blutrache – das Gesetz des Kanun – weiterlebt, Versöhnungsarbeit. Und sie bringen Männer dazu, ihre Frauen nicht mehr zu schlagen.
Begegnungen mit Einheimischen
Während der Reise ergaben sich zahlreiche Begegnungen. Schon auf der Anreise lernte ich einen pensionierten Italiener kennen, der regelmässig zwischen Mailand und Bari pendelt. In Albanien erlebte ich mehrfach grosse Gastfreundschaft. Ein Mann lud mich spontan auf einen Kaffee ein, nachdem er bemerkt hatte, dass ich seine Hühner fotografiert hatte. In Tirana setzte ich mich in einer Bar zu Einheimischen, die mir von ihrem Leben erzählten. Besonders bewegend war die Geschichte eines Mannes, der während der kommunistischen Diktatur über einen See nach Jugoslawien geflohen war und später in den USA eine neue Heimat fand.
Auch in den Hostels kam ich leicht mit anderen Reisenden ins Gespräch: mit einem Engländer, einem tunesischen Softwareingenieur, einem italienischen Motorradfahrer und einem älteren Italiener, der wie ich lieber abgelegene Orte besucht als touristische Hotspots. Diese Begegnungen machten einen wichtigen Teil der Reise aus.
Nordalbanien beeindruckte mich mit seiner vielfältigen Natur. Der Skutarisee, der grösste See des Balkans, die umliegenden Berge und die abgelegenen Täler gehören zu den schönsten Landschaften, die ich auf der Reise gesehen habe. Velotouren und Spaziergänge führten mich durch Naturschutzgebiete mit reicher Vogelwelt und herrlichen Ausblicken.
Gleichzeitig wurden soziale Gegensätze sichtbar: Neben gepflegten Wohngebieten, ja gar Luxusvillen, sah ich einfachste Siedlungen und deutliche Spuren von Armut. Besonders auffällig war die Abfallproblematik. In Wäldern, entlang von Kanälen und an Strassenrändern lag vielerorts Müll. Dieser Anblick stand oft in starkem Kontrast zur Schönheit der Landschaft.
Auch die Städte vermittelten ein vielschichtiges Bild. Shkoder wirkte entspannt, während Tirana als dynamische Hauptstadt den Wunsch vieler Albaner nach einer Annäherung an Europa widerspiegelte.
Persönliches Fazit
Von dieser Reise bleibt vor allem die Erinnerung an die Menschen. Der Freiwilligeneinsatz ermöglichte mir einen Einblick in den Alltag eines Landes, den man als gewöhnlicher Tourist kaum erhält. Die Gespräche mit den Schwestern, die Offenheit vieler Albaner und die Begegnungen mit Reisenden haben meinen Blick erweitert.
Gleichzeitig bleiben die Bilder einer beeindruckenden Natur, aber auch die Herausforderungen eines Landes, das mit Armut, Umweltproblemen und den Folgen seiner Geschichte zu kämpfen hat. Die Reise hat mir gezeigt, wie wertvoll Bildung, gesellschaftlicher Zusammenhalt und persönliches Engagement sein können. Ich kehrte mit Dankbarkeit, neuen Perspektiven und vielen bleibenden Eindrücken zurück.
Donat Oberson (66) lebt in Böckten. Der Theologe und Sozialarbeiter engagiert sich seit Jahren in kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen, unter anderem als Moderator der Reihe «KlimaGespräche».






