Ein Bienenstock und (noch) kein Haifi schbecken
08.05.2026 PolitikMiriam Locher, Nationalrätin SP, Münchenstein
1902 wurde das Bundeshaus in Bern eingeweiht, ein beeindruckendes Gebäude. Die Kuppelhalle zwischen den beiden Ratssälen flösst Ehrfurcht ein. Am 27. April bin ich zum ersten Mal mit meinem Badge ...
Miriam Locher, Nationalrätin SP, Münchenstein
1902 wurde das Bundeshaus in Bern eingeweiht, ein beeindruckendes Gebäude. Die Kuppelhalle zwischen den beiden Ratssälen flösst Ehrfurcht ein. Am 27. April bin ich zum ersten Mal mit meinem Badge durch den Haupteingang gegangen, allein direkt unter der Kuppel hindurch. Ein Gemisch aus Aufregung und auch Demut. Demut insbesondere gegenüber den Frauen, auf deren Schultern wir heute stehen und ohne deren Kampf meine heutige Arbeit nicht möglich wäre. Gleichzeitig bin ich an diesem besonderen Tag mit meiner Familie, mit meinen Nichten und Neffen im Zug nach Bern gefahren. Sie konnten einen Jokertag beziehen und so Staatskunde in Echtzeit erleben.
Ich wünsche mir, dass auch sie das Engagement für unsere Demokratie in irgendeiner Form weiterführen. Denn der Blick auf die Geschichte der Gleichstellung zeigt nicht nur das Wirken jener Frauen, die unter schwierigen Bedingungen grundlegende Rechte erkämpft haben. Er zeigt auch, dass der Einsatz nicht abgeschlossen ist, sondern sich über Generationen fortsetzt.
Ein Meilenstein in der Geschichte der Gleichstellung war die Einführung des Frauenstimmrechts vor 55 Jahren. In meiner ersten Session ging es mit der Demokratie-Initiative auch um den Ausbau der Demokratie. Errungenschaften bewahren, weiterentwickeln und den Weg für kommende Generationen ebnen. Gerade angesichts antifeministischer Strömungen wird deutlich, wie wichtig es ist, demokratische Rechte aktiv zu verteidigen und auch auszubauen.
Im Nationalratssaal ist im Giebelfeld über dem Bild Girons die «Sage» dargestellt: eine Frauenfigur, die einer Gruppe von Kindern von den Taten der Vorfahrinnen und Vorfahren erzählt. Dieses Bild schlägt die Brücke zu meinem Arbeitsalltag und spiegelt meinen Beruf im Kindergarten wider. Meinen Beruf, den ich weiterverfolgen möchte, um den Draht zur Bevölkerung nicht zu verlieren und politische Nahbarkeit zu leben.
Oft wurde mir gesagt, ich solle mich auf das «Ellenbögeln» vorbereiten, Bern sei ein Haifischbecken. Davon habe ich noch nichts gemerkt, eher gleicht das Gebäude einem Bienenstock: voller Parlamentarierinnen und Parlamentarier, Verwaltungsmitarbeitenden, Lobbyistinnen und Lobbyisten, Medienschaffenden und Besuchsgruppen. Der Lärmpegel ist kon- stant hoch. Mehr als einmal dachte ich, zum Glück bin ich den Trubel aus dem Kindergarten gewohnt und weiss, dass es manchmal viel Geduld braucht, um faire Chancen für alle Kinder zu schaffen.
Dieser Einsatz für Chancengerechtigkeit prägt mein politisches Wirken, das ich durchaus auch vehement verfolgen kann und daher nicht wirklich Angst vor etwelchen Ellenbogen habe. Auch wenn mir respektvoller Umgang sehr wichtig ist – respektvolle Kommunikation darf nicht mit «Sie isch e Nätts» verwechselt werden. Nun folgt nach der Sondersession die Arbeit, unter anderem in der Kommission für Rechtsfragen. Ich freue mich sehr darauf, mich im Auftrag der Wählenden zusammen mit Samira Marti für eine sozialere Schweiz und die Anliegen unseres Kantons einzusetzen und Baselland im Nationalrat mitzuvertreten.
In der «Carte blanche» äussern sich Nationalund Landratsmitglieder sowie Vertreterinnen und Vertreter der Gemeindebehörden zu einem selbst gewählten Thema.

