Dunkles Kapitel im Baselbiet
26.03.2026 LangenbruckWie fremdplatzierte Kinder in Heimen lebten – und litten
Historikerin Sarah Durrer erklärt, wie Kinder in Langenbrucker Heimen über Jahrzehnte fremdplatziert, stigmatisiert und teils misshandelt wurden. Ihre Aufarbeitung macht deutlich, wie weit Anspruch und Realität ...
Wie fremdplatzierte Kinder in Heimen lebten – und litten
Historikerin Sarah Durrer erklärt, wie Kinder in Langenbrucker Heimen über Jahrzehnte fremdplatziert, stigmatisiert und teils misshandelt wurden. Ihre Aufarbeitung macht deutlich, wie weit Anspruch und Realität der damaligen Fürsorge auseinanderlagen.
Anna Wegelin
Die historische Aufarbeitung von Verdingkindern und Heimzöglingen in der Schweiz war lange ein Tabu. Erst Anfang der 2000er-Jahre fand die Geschichte von Armenwesen, Kinderheimen und weiteren sozialen Institutionen Anerkennung. Der informative Vortrag über «Fremdplatzierte Basler Kinder in Langenbruck», den die Historikerin Sarah Durrer am vergangenen Freitag im Rahmen der zweiten Basler Geschichtstage im Museum der Kulturen hielt, ist ein Beitrag an die längst fällige Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels Schweizer Sozialgeschichte.
Durrer hat die bewegte Geschichte zweier Heime in Langenbruck erforscht: die Basler Kinderheilstätte (1884 bis 1986) und das Kantonale Kinderbeobachtungsheim (frühe 1940er-Jahre bis 1978). Als Quellen dienten ihr dabei Dokumente aus dem Staatsarchiv, Jahresberichte, Einweisungsakten und Protokolle sowie der Austausch mit der Forschungscommunity. Auch mit ehemaligen Heimkindern habe sie gesprochen, sagte die Historikerin: «Man wird plötzlich aus dem Leben gerissen – und dann heisst es einfach Langenbruck.»
Vom Erholungsort zum Heim
Es war der gute Ruf der Oberbaselbieter Gemeinde als Kurort mit guter Luft, der in Langenbruck zur Gründung der Basler Kinderheilstätte führte. 1884 wurde das Heim von der privaten, mit den Basler Behörden eng verbundenen «Kommission zur Fürsorge für Erholungsbedürftige» eröffnet, eine Ärzte-Initiative unter der Leitung von Professor Friedrich Miescher. Er schenkte der Kommission das Haus «Zum Rosengarten», das bis heute existiert. Man expandierte, erstand die gegenüberliegende «Au» und liess die «Obere Au» erbauen.
Als Tuberkulose ab Mitte der 1940er-Jahre mit Antibiotikum behandelt werden konnte, hatte dies auch Folgen für die Kinderheilstätte: Es wurden zunehmend Kinder mit «schulischen oder familiären Problemen» hier untergebracht. Dabei spielte das zuweisende Schularztamt lange Zeit eine zentrale Rolle. Die Kinderheilstätte wandelte sich allmählich zum Heim der Familienfürsorge mitsamt der für jene Zeit typischen «Psychologisierung der Kinder und ihrer Erziehung», so Durrer.
Die Fremdplatzierung habe letztlich auf Kinder abgezielt, deren familiärer Hintergrund nicht genehm war, sagte sie. Die «Zöglinge» galten als «gefährdet», «verwahrlost», «seelisch krank» und «milieugeschädigt». Gewalt und Erniedrigungen sowie «schikanöse Bestrafungen» ziehen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte der Basler Kinderheilstätte bis zur Schliessung 1986.
«Schwierige» Kinder beobachten
Anfang der 1940er-Jahre entstand das Kantonale Kinderbeobachtungsheim, gegründet vom damaligen Vorsteher des Baselbieter Erziehungsdepartements und dem Chefarzt der Heilanstalt Hasenbühl, der kantonalen psychiatrischen Klinik. Dieser war zugleich Präsident der vom Regierungsrat gewählten Aufsichtskommission über das Beobachtungsheim. Das Heim war zunächst in einem Bauernhof untergebracht und hiess «Fraurüti». Gegen Ende der 1950er-Jahre wurde unweit der Kinderheilstätte ein Neubau für das Heim errichtet, ab dann hiess es Kantonales Kinderbeobachtungsheim oder «Schwengifeld». Das Heim diente einzig dem Zweck, Kinder mit «auffallenden Wesenszügen Tag und Nacht zu beobachten». Die meisten Kinder wurden von der Baselbieter Erziehungsberatungsstelle eingewiesen. Als Grund galten meistens «Schulschwierigkeiten» – oder es wird aus den historischen Dokumenten kein Grund ersichtlich.
Die durchschnittlich 20 Minderjährigen im Heim waren mit Ausnahmen zwischen 8 und 14 Jahre alt, die meisten kamen aus dem Baselbiet. Ein Aufenthalt dauerte in der Regel drei bis sechs Monate, viele blieben länger. Zwischen 1953 und 1968 konnten immerhin 76 Prozent der beobachteten Kinder nach dem Heimaufenthalt zurück zu den Eltern.
Die durchgehenden Protokolle ab 1950 enthalten viele interessante Informationen zur jüngeren Geschichte des Heims. So gab es zum Beispiel eine Grundsatzdiskussion zu dessen Zweck – Beobachtung oder Therapie –, massive Vorwürfe gegen die Heimleitung und einen Boykott durch den Schulpsychologischen Dienst. Für das Personal nach der ersten Ära mit der Riehener Diakonissengemeinschaft galt die 60-Stunden-Woche, Wohnen im Heim, zwei bis drei Wochen Ferien und keine externe Supervision. 1978 schloss der kantonale Erziehungsdirektor das Beobachtungsheim, das in der Folge bis vor zwei Jahren dem Ökozentrum zur Verfügung gestellt wurde.
Zwei bedenkliche Erkenntnisse
Die aufgearbeitete Geschichte der beiden untersuchten Heime in Langenbruck lehrt uns zwei Dinge. Erstens zeige sie den Hang zur «Psychopathologisierung» von Kindern und Jugendlichen seit Ende des 19. Jahrhunderts, erklärte Sarah Durrer: «Wer früher in der Schule vielleicht als faul galt, galt jetzt als krank – und behandlungsbedürftig.»
Zweitens zeige sie uns, wie der Auftrag an die Heime einerseits und der reale Heimalltag andererseits «weit auseinanderklafften», so die Historikerin.
