Dörfer machen Vereine fit für die Zukunft
16.05.2026 Buus, MaisprachNachwuchsmangel, Überalterung, schwindende Mitgliederzahlen: Die Vereine in Buus und Maisprach stehen vor Herausforderungen, wie sie viele kennen. Nun starten sie einen Prozess, der Lösungen bringen – und als Modell auch für andere dienen soll.
Carolina ...
Nachwuchsmangel, Überalterung, schwindende Mitgliederzahlen: Die Vereine in Buus und Maisprach stehen vor Herausforderungen, wie sie viele kennen. Nun starten sie einen Prozess, der Lösungen bringen – und als Modell auch für andere dienen soll.
Carolina Mazacek
Ende Mai starten in Buus und Maisprach weitere Workshops, die Vertreterinnen und Vertreter der lokalen Vereine mit konkretem Handwerkszeug für die Zukunft ausrüsten sollen. Es ist Teil eines Prozesses, den die beiden Gemeinden zusammen mit der Organisationsberaterin Katrin Rieder und der Kulturvermittlerin Theres Inauen lanciert haben – und der später als Modell für andere Gemeinden im Kanton dienen wird.
Den Anstoss gab die Gemeinde Buus: 2022 formulierte sie neue Richtlinien für Vereinsbeiträge. «Es war nicht immer klar, warum ein Verein mehr Geld und ein anderer weniger bekommt», sagt Thomas Zumbrunn, der seit 2016 im Gemeinderat von Buus sitzt. Der selbstständige Innendekorateur ist Mitglied eines Dorfvereins und einer Fasnachtsclique – kennt das Vereinsleben also von innen.
Bei der Erarbeitung der Richtlinien zeigte ein Blick in andere Gemeinden: Buus unterstützt seine Vereine überdurchschnittlich stark – neben finanziellen Beiträgen wurden etwa Raummieten bei öffentlichen Anlässen erlassen, personelle Unterstützung durch Werkhof und Verwaltung angeboten sowie die Sichtbarkeit der Vereine über eine App und Porträts auf der Gemeinde-Website erhöht.
An regelmässigen Austauschtreffen mit den Vereinen kristallisierten sich dennoch weitere Herausforderungen heraus. «Das hat uns dazu veranlasst, im Gespräch mit dem kantonalen Amt für Kultur einen Modellprozess zu starten», sagt Zumbrunn. Dabei wurden die Organisationsberaterin Katrin Rieder und die Kulturvermittlerin Theres Inauen hinzugezogen. Im Prozess mit dabei sind auch die benachbarte Gemeinde Maisprach und deren Vereine. «Ursprünglich wollten wir mehrere umliegende Gemeinden involvieren, jedoch hatten diese entweder keine Ressourcen oder kein Interesse», führt Zumbrunn aus.
Umfrage, Workshop, Vertiefung
Der Prozess begann mit einer breit angelegten Umfrage, zu der die Bevölkerung beider Gemeinden eingeladen wurde.«Das Ziel war es, möglichst viele Bewohnerinnen und Bewohner einzubeziehen und erste Erkenntnisse zur Bedeutung der Vereine, aber auch zu möglichen Herausforderungen zu gewinnen», sagt Inauen. Die Kulturwissenschaftlerin lebt in Basel, ist Lehrbeauftragte an der Uni Basel und hat das Vereinswesen selbst in der Pfadi kennen und schätzen gelernt.
Im vergangenen November folgte ein erster Workshop mit Vereinsvertreterinnen und -vertretern, Ende Mai stehen nun Vertiefungsworkshops zu spezifischen Themen an. Das Motto dabei: Hilfe zur Selbsthilfe. «Wir geben Handwerkszeug an die Hand, damit die Vereine selbst aktiv werden können», erklärt Inauen. Statt allgemeiner Erkenntnisse aus Vereinsstudien gehe es darum, im direkten Austausch herauszufinden, was die Vereine vor Ort beschäftigt – und was sie selbst tun können, wie sie sich gegenseitig unterstützen und welche Rolle die Gemeinden spielen sollen.
Ein erstes Ergebnis zeichnet sich bereits ab: «Die Kommunikation soll gestärkt werden, denn nicht allen war bewusst, was die Gemeinden schon jetzt für die Vereine leisten», sagt Rieder. Die in Bern lebende Kulturvermittlerin und Organisationsberaterin begleitet seit Jahren Projekte zur Vermittlung von immateriellem Kulturerbe und zur Stärkung der kulturellen Teilhabe – und arbeitet dabei regelmässig mit Inauen zusammen.
Im Baselbiet gibt es seit 2025 die Interessengemeinschaft Lebendige Traditionen, die Vereinen aus dem Bereich des immateriellen Kulturerbes als Anlaufstelle dient – als Endprodukt des Prozesses «Mini Tradition läbt», über den die «Volksstimme» bereits berichtete. «Wir stehen in engem Austausch mit der IG», sagt Rieder. Der Prozess in Buus und Maisprach setzt jedoch einen anderen Fokus: «Wir gehen näher ran und fragen: Wie sieht es in einem Dorf aus? Was brauchen die Vereine und Initiativen, damit ein attraktives und vielseitiges Dorfleben auch in Zukunft gewährleistet werden kann?» Gemeinsam mit den Gemeinden verfolgen Rieder und Inauen das Anliegen des Kantons, die kulturelle Grundversorgung zu stärken. Aus dem Pilotprozess sollen nicht nur Materialien für Buus und Maisprach entstehen, sondern auch ein übertragbares Modell, welches das Amt für Kultur anderen Gemeinden im Kanton zur Verfügung stellen wird.
Vereine sind zeitgemäss – ihre Bilder manchmal nicht. «Es gibt heute immer weniger Menschen, die in einer typischen Vereinsfamilie aufgewachsen und so ins Vereinsleben hineingewachsen sind. Von aussen kann vielleicht der Eindruck entstehen, Vereine seien starr und altbacken», sagt Inauen. Doch das greife zu kurz, betont Rieder: «Der Verein ist als juristische Form etwas Geniales. Sich mit ein paar Leuten zusammenschliessen, einen Verein gründen – das ist eine niederschwellige Form der Selbstorganisation.» Häufig seien weniger die Vereine selbst veraltet als die Vorstellungen vom Vereinsleben. «Vereine passen sich gut an die jeweilige Zeit an», so Rieder.
Es gelte deshalb, Überlegungen anzustossen, welche Organisationsformen Vereine heute ausprobieren könnten, um Menschen anzusprechen und für eine Mitwirkung zu gewinnen. Dass das leichter gesagt als getan ist, weiss auch Zumbrunn: «Vereine, die früher viele Mitglieder hatten und beliebte Freizeitbeschäftigungen angeboten haben, kämpfen heute um Nachwuchs. Daneben gibt es etwa die beiden Turnvereine, die sich momentan keine Sorgen um ihre Mitgliederzahlen machen müssen.» Vereine spiegelten stets die aktuellen Interessen und Bedürfnisse der Menschen – und seien dann am stärksten, wenn sie aktiv blieben und sich anpassten. Genau dabei soll der laufende Prozess helfen.

