«Dinosaurier wird ausgezeichnet»
09.01.2026 ItingenEhrenpreis der Solothurner Filmtage für Filmjournalisten Sennhauser
Seit mehr als 30 Jahren schreibt und spricht Michael Sennhauser über Filme. Nun erhält der gebürtige Oberbaselbieter Journalist an den Solothurner Filmtagen den Prix d’honneur.
...Ehrenpreis der Solothurner Filmtage für Filmjournalisten Sennhauser
Seit mehr als 30 Jahren schreibt und spricht Michael Sennhauser über Filme. Nun erhält der gebürtige Oberbaselbieter Journalist an den Solothurner Filmtagen den Prix d’honneur.
Raphael Amstutz, sda
«Ein Dinosaurier wird ausgezeichnet», sagt Michael Sennhauser: Er ist Träger des mit 10 000 Franken dotierten Prix d’honneur der kommenden 61. Solothurner Filmtage. Was er damit meint: Eine Karriere wie seine ist heute kaum noch denkbar. Seit 1990 arbeitet er als Filmjournalist, ab 2002 war er während über 20 Jahren Fachredaktor Film beim Schweizer Radio SRF 2 Kultur. Angefangen hatte er mit einer wöchentlichen Filmseite in der «Basellandschaftlichen Zeitung».
Sennhauser glaubt denn auch, dass die ausführliche Filmkritik in Tageszeitungen im Sterben liege. Aber: «Neues wird entstehen.» Er sei kein Kulturpessimist: «Kultur wird nie verschwinden; es sind Formate, die verschwinden.»
Im Oktober 2024 hat Sennhauser SRF verlassen. Seine Pensionierung macht ihm Freude: «Es ist nur gut. Ich kann das Gleiche machen wie vorher – aber ohne Auflagen.» «Das Gleiche» heisst: Sennhauser schreibt über Filme. Nach einer dreimonatigen Pause hat er Anfang 2025 seinen Blog wieder reaktiviert, den es bereits seit 16 Jahren gibt. Er hat gegen 500 Abonnentinnen und Abonnenten. Gelesen würden seine Texte von den gleichen Menschen, die ihn bei SRF 2 Kultur gehört hätten, sagt Sennhauser: «Kulturaffine Leute im Alter von 50+ mit einer Vorliebe für das Studiokino.»
Der Ehrenpreis ist seine dritte Auszeichnung: 2010 erhielt er den Prix Pathé der Solothurner Filmtage und 2016 den Prix Greulich.
Sechs Filme pro Tag
Tausende von Filmen hat Sennhauser bislang gesehen, an Festivals bis zu sechs täglich. Abgebrüht sei er deshalb aber nicht. Er werde auch weiterhin überrascht und könne aus allen Werken etwas nehmen. «Vor allem habe ich diese Manie», sagt Sennhauser. «Ich beziehe jedes Werk auf 200 andere.» Er sei mehr Synthetiker als Analytiker.
Verrisse hat Sennhauser kaum geschrieben. «Kein Film ist so schlecht, dass ich nicht etwas lernen könnte. Kein Film ist so schlecht, dass ich ihn nicht fair besprechen könnte», sagt er. Verrisse seien ihm so oder so zu billig.
Verrisse sind nicht sein Ding
Jemand habe vielleicht fünf Jahre an einem Werk gearbeitet, er brauche zwei Stunden, um es zu sehen und dann eine Stunde, um alles hämisch in Grund und Boden zu schreiben. «Das behagt mir nicht.»
Was ist denn nun eigentlich ein guter Film? «Einer, der seine selbstgesetzten Ziele – und damit sein Zielpublikum – erreicht, indem er sich nicht nur an die Spielregeln hält, sondern diese auf originelle, persönliche oder herausfordernde Weise erweitert», sagt Sennhauser. Innerhalb dieser Kriterien könne er einen Autorinnenfilm, einen Fernsehfilm, Genrekino oder selbst eine Pornoproduktion einigermassen gerecht beurteilen.
Dabei kennt Sennhauser die Problematik, dass Filmkritik in den Medien seit vielen Jahren an Bedeutung verliert, zu wenig Mittel erhält und oft auch nicht ganz ernst genommen wird. Doch: «Auch in Spitzenzeiten haben nicht mehr als 1 bis 2 Prozent der Zeitungslesenden ins Feuilleton geschaut.» Den Knackpunkt ortet er im «Suizidkurs», den die Verleger gegen SRF fahren würden. Sennhauser rät zum Gegenteil: Statt Fundamentalopposition empfiehlt er eine grosse, gemeinsame Online-Plattform, eine Mischung aus Agentur und Marktplatz, wie er es nennt.
Die Entscheidungen in den derzeitigen Feuilletons würden nicht von kulturaffinen Menschen getroffen, sondern seien einzig getrieben von Klickzahlen. «Die grossen Medienhäuser haben gar kein Interesse, dass eine solide Kultur- und Filmberichterstattung funktioniert», so Sennhauser.
Was Filmkritik soll, fasst er so zusammen: «Die richtigen Menschen in die richtigen Filme bringen. Das Publikum vor Enttäuschungen bewahren. Und: Die Leserinnen und Zuhörer sollen rechtzeitig merken, dass sie etwas verpassen, wenn sie sich diesen Film nicht anschauen gehen.» Einsteigerinnen und Einsteigern in den Filmjournalismus rät er, sich eine breite journalistische Basis zu erarbeiten. «Also nicht nur die Filmkritik anzugehen, sondern das ganze Umfeld dazu. Die Kulturpolitik, die Subventionen, die wirtschaftlichen Hintergründe.» Das helfe dabei, jenen Mehrwert anbieten zu können, der den Redaktionen zunehmend fehle.
In einem täglichen Podcast wird Michael Sennhauser während der Filmtage mit jungen Journalistinnen und Journalisten Gespräche über das Kino, Kulturjournalismus und aktuelle Filme führen.
Die 61. Solothurner Filmtage finden vom 21. bis 28. Januar statt.

