Diego, die Pest und ein Valentinstag-Menü
28.07.2026 SissachGeschichten aus dem Indischen Ozean, Teil 5
Der Sissacher Autor Hanspeter Gsell nimmt uns in seiner Serie mit auf eine Reise durch den Indischen Ozean. In Teil fünf macht er Halt in Antsiranana, einem der bestgehüteten Geheimnisse Madagaskars.
Hanspeter ...
Geschichten aus dem Indischen Ozean, Teil 5
Der Sissacher Autor Hanspeter Gsell nimmt uns in seiner Serie mit auf eine Reise durch den Indischen Ozean. In Teil fünf macht er Halt in Antsiranana, einem der bestgehüteten Geheimnisse Madagaskars.
Hanspeter Gsell
Antsiranana ist möglicherweise eines der bestgehüteten Geheimnisse des Planeten. Die Stadt im Norden Madagaskars liegt an einer riesigen natürlichen Bucht, die häufig als zweitgrösste der Welt nach jener von Rio de Janeiro bezeichnet wird. Ein Ring von Bergen umgibt die Stadt, die umliegenden Strände sind mit zuckerfeinem Sand bedeckt. Bis 1975 hiess die Stadt Diego Suarez. Die Kurzform «Diego» ist allgemein gebräuchlich.
Der Name soll auf portugiesische Seefahrer zurückgehen. Der Portugiese Diogo Dias erreichte am 10. August 1500 als erster Europäer Madagaskar. Wie der spätere Name Diego Suarez genau entstand, wird unterschiedlich überliefert. Einer verbreiteten Überlieferung zufolge geht er auf die Namen der portugiesischen Seefahrer Diogo Dias und Fernando Soares zurück.
Der Hafen von Antsiranana zog nicht nur zwielichtige oder schiffbrüchige Seefahrer an, sondern auch europäische Grossmächte. Französische Schiffe nahmen hier Waren an Bord, Dampfschiffe wurden mit Kohle versorgt und die Stadt «Diego» wurde ausgebaut. Die ersten Bewohner der neuen Kolonie waren vorwiegend Kreolen aus Réunion und Mauritius sowie Madagassen aus anderen Regionen der Insel.
Unheil über Madagaskar
Über das Internet erfahren wir, dass es in der Schweiz saukalt, in Papua-Neuguinea sehr heiss und in Madagaskar sehr windig ist. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 250 Kilometern pro Stunde ist der Tropensturm «Gezani» über die Ostküste Madagaskars hinweggezogen. Schwere Verwüstungen waren die Folge, mehr als 30 Menschen starben. Gebäude stürzten ein, Lagerhallen wurden zerstört, Dächer abgedeckt, Bäume entwurzelt und ganze Landstriche überflutet. Strassen verwandelten sich in Flüsse. Besonders betroffen war Toamasina an der Ostküste – mit rund 400 000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt des Landes. Laut Präsident Michael Randrianirina wurden dort rund 75 Prozent der Stadt beschädigt oder zerstört. Wird der Sturm unsere Reisepläne über den Haufen werfen? Nein. Wir sind auf der anderen Seite der Insel unterwegs. Nicht einmal ein laues Lüftchen durchkreuzte unsere weitere Schiffsfahrt.
Bei den Tsingy handelt es sich um geologische Formationen, die durch Erosion entstanden sind. Die skurrile Felslandschaft aus scharfkantigen Kalksteinnadeln, die wie Rasierklingen in den Himmel ragen, könnte auch auf einem fernen Planeten entstanden sein. Sie ist das Sinnbild für die felsigen Regionen im Westen und Nordosten Madagaskars.
Während an Bord des Schiffes Notfallübungen der Crew stattfinden, durchstreifen wir das hübsche Städtchen zu Fuss. Fröhliche und farbenfroh gekleidete Menschen begegnen uns. Wir setzen uns in ein Strassencafé und tun, was wir am liebsten tun: Menschen beobachten. Ein Bub bettelt, einige Mädchen versuchen, Küchenutensilien zu verkaufen. Bananen, Ylang-Ylang-Öl und Gewürze werden links und rechts angeboten.
Im Restaurant wird ein Valentinstagsmenü angepriesen: Filet de Zebu mit Sauce Champignons, inklusive Vorspeise und Dessert, für 80 000 MGA. Das entspricht in der Schweiz weniger als 15 Franken. Wer beim Lesen müde geworden ist, darf gerne die in der Schweiz fälligen 103 Franken 75 in madagassische Ariary zurückrechnen.
Pest und Pocken
Von der Reederei erhalten wir eine Warnung: Die lokalen Behörden vermelden einen starken Anstieg von Mpox-Fällen, früher als Affenpocken bekannt. Es handelt sich um eine durch Viren verursachte Infektionskrankheit, die sowohl von Tieren auf Menschen als auch durch engen Kontakt zwischen Menschen übertragen werden kann. Die Erkrankung verläuft beim Menschen in der Regel deutlich milder als die klassischen Pocken. Eine Schutzimpfung kann das Risiko senken oder den Verlauf mildern.
In Madagaskar lebt man nicht nur mit grossen Tieren zusammen. Auch die ganz kleinen gehören zum Alltag. Verschiedene Tropenkrankheiten sind verbreitet. In vielen Landesteilen besteht ein Risiko für Malaria, auch Dengue-Fieber kommt vor. Eine Gelbfieberimpfung ist bei der direkten Einreise aus der Schweiz nicht vorgeschrieben. Wer jedoch aus einem Gelbfieber-Risikogebiet einreist oder sich dort länger im Transit aufgehalten hat, muss einen entsprechenden Impfnachweis vorlegen. Noch unangenehmer ist eine Cholera-Infektion. Der Tipp des Bundesamts für Gesundheit lautet: «Kochen, sieden, schälen oder vergessen.»
Und dann ist da noch die Pest. Aus gewissen Regionen Madagaskars werden Fälle gemeldet. Die Krankheit wird in der Regel durch Flöhe übertragen, die zuvor infizierte Nagetiere befallen haben. Im mittelalterlichen Europa forderte sie Millionen von Todesopfern. Heute ist die Pest gut behandelbar. Doch auch in Madagaskar kostet medizinische Behandlung Geld – und das hat man als Einwohner meist nicht. Dazu kommt: Weder im Urwald noch in den Steppenlandschaften gibt es regelmässige Verbindungen zum nächsten Arzt …
Gesichtsbemalung
In Antsiranana fallen uns Mädchen und Frauen mit kunstvoll aufgetragenen Gesichtsbemalungen auf – filigrane Muster auf Wangen und Stirn. Die als Masonjoany bekannte Paste gehört in den Küstenregionen Madagaskars zur Tradition. Sie dient vor allem als Sonnenschutz und wird zugleich aus kosmetischen Gründen getragen. Die Muster zeigen häufig Blüten oder geometrische Formen.
Gesichtsbemalung ist eine weltweit verbreitete Form der Körpergestaltung. Für Masonjoany wird ein Stück Holz auf einem flachen Stein zerrieben und mit Wasser zu einer Paste verarbeitet. Einer Reisenden, die eine schön bemalte Frau nach dem Grund fragte, gab diese folgende Antwort: Die gelbe Paste schütze vor der Sonne und diene der Schönheit. Sie sass im heissen Sand, einen flachen Stein auf dem Schoss, und zerrieb mit einem zweiten Stein ein Stück Holz.
Zurück auf dem Schiff erwartet uns ein Tag auf See. Gut 1100 Kilometer werden es bis nach Praslin auf den Seychellen sein.
Geschichten aus dem Indischen Ozean
vs. Hanspeter Gsell (Sissach), Autor und «Volksstimme»- Kolumnist, ist wieder unterwegs – dieses Mal auf dem Schiff: Auf einer Fahrt durch den Indischen Ozean konnte er eine ganze Menge neuer Inseln sammeln. Die siebenteilige Serie in der «Volksstimme» beinhaltet Reportagen und Geschichten aus Mombasa, Sansibar, Madagaskar, Praslin und La Digue. In lockerer Reihenfolge veröffentlichen wir seine Erzählungen. Unser Tipp: Lesen Sie auch zwischen den Zeilen. Eine Sommerserie, nicht nur für Daheimgebliebene!





